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Warum soziale Gründer heute wie Start-ups arbeiten...

  • vor 22 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Was Organisationen wie die Jungen Tüftler über die neue Gründergeneration verraten


Von Becky Gilbert

Nico Reis

Becky Gilbert ist Fundraising-Expertin mit langjähriger Erfahrung in gemeinnützigen Organisationen in Deutschland und den USA. Ihr Fokus liegt auf Großspenden, Philanthropie, Kapitalkampagnen, Fördernetzwerken und der Mobilisierung ehrenamtlichen Engagements. Ihr Wissen gibt sie mit Begeisterung als Beraterin, Coach und Autorin weiter, immer mit dem Ziel, Menschen für eine starke, nachhaltige Zivilgesellschaft zu gewinnen. Seit 2014 gehört Becky zu dem weltweit anerkannten Kreis von Fundraiser:innen, die das Certified Fund Raising Executive (CFRE)-Zertifikat tragen. Und seit Februar ist sie im Team von neues-stiften mit dabei.

Foto: privat

Berlin-Kreuzberg, ein sonniger Vormittag am Moritzplatz: Unten drängt sich der Verkehr durch die enge Kreuzung, oben im hellen Seminarraum mit Loft-Atmosphäre rattert ein 3D-Drucker im Dauereinsatz. Rund zwanzig Schüler einer Spandauer Gesamtschule diskutieren, testen Ideen, verwerfen Konzepte und beginnen erneut. Manche programmieren kleine Roboter, andere tüfteln an nachhaltigen Stadtmodellen.

Was aussieht wie ein Workshop zwischen Hackathon, Design Thinking und Start-up-Labor, ist längst mehr als ein Bildungsprojekt. Es steht exemplarisch für eine Entwicklung, die den deutschen Non-Profit-Sektor zunehmend verändert: Soziale Gründer arbeiten heute oft wie Tech-Start-ups — agil, wirkungsorientiert, datenbasiert und vernetzt.

Die gemeinnützige Organisation Junge Tüftler gehört zu dieser neuen Generation sozialer Innovationen. Seit inzwischen zehn Jahren versucht das Team um Geschäftsführerin Sabrina Konzok, Maker Education, digitale Kompetenzen und Zukunftslernen in Schulen zu bringen. Doch hinter Robotik, Coding oder KI-Workshops steckt eine deutlich größere Idee: Junge Menschen sollen lernen, Zukunft aktiv mitzugestalten.

Diese Haltung verbindet die Organisation stärker mit der Denkweise moderner Start-ups als mit klassischen Bildungsprojekten.


Deutschlands neue Gründerkultur wird gesellschaftlicher

Die Entwicklung passt zu einer größeren Verschiebung in der deutschen Gründerszene. Laut aktuellen Zahlen der KfW waren 2025 rund 40 Prozent aller Gründer in Deutschland jünger als 30 Jahre — ein Rekordwert. Gleichzeitig erreichten die Start-up-Gründungen mit mehr als 3.500 neuen Unternehmen einen Höchststand, stark getrieben durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz.

Dabei verändert sich nicht nur die Zahl der Gründungen, sondern auch ihr Charakter. Immer mehr Gründer wollen wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Fragen gleichzeitig bearbeiten. Bildung, Nachhaltigkeit, Teilhabe oder Demokratieförderung werden zunehmend als Innovationsfelder verstanden.

Organisationen wie die Jungen Tüftler stehen genau für diesen Wandel. Sie verbinden gesellschaftliche Mission mit Methoden aus der Start-up-Welt: iterative Prozesse, schnelle Lernschleifen, flexible Teams, Netzwerklogik und Wirkungsorientierung.

„In jeder Schule soll getüftelt werden können“, formuliert Sabrina Konzok die Vision der Organisation. Gemeint ist damit kein Elitenprogramm für technikaffine Kinder, sondern ein breiter Bildungsansatz. Kreativität, Problemlösung und digitale Kompetenzen sollen selbstverständlich werden — unabhängig von Herkunft oder Schulform.


Vom Projekt zur skalierbaren Idee

Viele klassische NGOs arbeiten projektorientiert: Förderantrag schreiben, Projekt umsetzen, Bericht abgeben, neues Projekt suchen. Junge Sozialunternehmen dagegen denken häufig stärker in skalierbaren Modellen.

Auch die Jungen Tüftler haben diesen Wandel bewusst vollzogen. Während viele Bildungsinitiativen außerschulisch bleiben, arbeitet die Organisation inzwischen gezielt daran, "Making" dauerhaft in Schulen zu integrieren. Partnerschaften wie jene in Hamburg sollen helfen, regionale Ökosysteme aufzubauen und das Modell bundesweit anschlussfähig zu machen: Das Ziel ist nicht nur ein einzelner Workshop, sondern strukturelle Veränderung.

Dafür braucht es andere Organisationsformen als im traditionellen Non-Profit-Bereich. Die Jungen Tüftler arbeiten heute mit einem interdisziplinären Team aus rund 40 festen Mitarbeitenden, zahlreichen freien Kräften, digitalen Plattformen und Partnerstandorten in mehreren Bundesländern.

Auch die Sprache erinnert oft eher an Start-ups als an klassische Bildungsarbeit: Ökosysteme, Impact, Community Building, hybride Lernformate oder iterative Entwicklung gehören längst selbstverständlich zum Arbeitsalltag.


Philanthropie wird zum Risikokapital

Mit dieser Entwicklung verändert sich auch die Rolle von Stiftungen und Förderpartnern. Viele soziale Innovationen entstehen heute dort, wo öffentliche Systeme zu langsam auf technologische oder gesellschaftliche Veränderungen reagieren.

Gerade Bildungsorganisationen stehen dabei vor einem strukturellen Problem: Schulen müssen auf KI, Digitalisierung und neue Arbeitswelten reagieren, öffentliche Finanzierungssysteme funktionieren jedoch häufig in langen Zyklen.

Hier gewinnt Philanthropie eine neue Rolle — nicht mehr nur als Förderinstrument, sondern als Innovationskapital.

Sabrina Konzok beschreibt diese Entwicklung sehr pragmatisch. Fördernde müssten bereit sein, nicht nur einzelne Projekte zu finanzieren, sondern Entwicklung zu ermöglichen. Denn neue Bildungsansätze entstehen selten linear. Sie müssen getestet, angepasst und weiterentwickelt werden.

Die Finanzierungsstruktur der Jungen Tüftler spiegelt genau diese neue Logik wider: Unternehmenspartnerschaften, öffentliche Mittel, Stiftungsförderung und eigene Dienstleistungen greifen ineinander. Langfristige Kooperationen spielen dabei eine zentrale Rolle.

Für viele soziale Gründer ist das inzwischen typisch. Sie arbeiten hybrid — zwischen Gemeinwohl, Unternehmertum und Innovation.


Wirkung wird wichtiger als Größe

Dabei verändert sich noch etwas Grundsätzliches: Erfolg wird im sozialen Sektor zunehmend anders definiert.

Lange galt Größe als wichtigster Maßstab — mehr Projekte, mehr Teilnehmende, mehr Standorte. Die neue Generation sozialer Organisationen spricht stattdessen über Wirkung.

Auch die Jungen Tüftler arbeiten systematisch mit Wirkungsmodellen, Feedbackprozessen und Evaluationen. Die Organisation beschreibt ihre Arbeit ausdrücklich als „wirkungsorientiert“ und verbindet technisches Lernen mit Kreativität, Problemlösung und Selbstwirksamkeit.

Das klingt zunächst technisch, hat aber politische Dimensionen. Denn dahinter steht eine zentrale Frage moderner Gesellschaften: Wie lernen Menschen, mit Unsicherheit, technologischer Beschleunigung und permanentem Wandel umzugehen?

Maker Education versteht Lernen deshalb weniger als Wissensvermittlung, sondern stärker als aktives Gestalten.


Die neue Kultur des Machens

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Gemeinsamkeit zwischen sozialen Gründer und Start-ups: Beide eint die Vorstellung, dass Probleme nicht nur verwaltet, sondern gestaltet werden können.

Während in Deutschland häufig über Bildungsdefizite, Digitalisierungslücken oder Zukunftsängste diskutiert wird, entsteht parallel eine Kultur des Machens. Makerspaces, soziale Innovation Labs und Bildungsinitiativen wachsen oft leise — aber mit erstaunlicher Dynamik.

Die Jungen Tüftler gehören zu dieser Bewegung. Ihre Vision reicht letztlich weit über Workshops oder Technikvermittlung hinaus. Im Idealfall, sagt Konzok, könne das Ziel sogar sein, „sich selbst abzuschaffen“, weil Schulen und Gesellschaft die entwickelten Ansätze irgendwann eigenständig tragen.

Nebenan im Seminarraum wird währenddessen weiter getüftelt. Jemand testet gerade einen neuen Roboterarm. Ein anderer versucht zum dritten Mal, ein Modell aus dem 3D-Drucker richtig zusammenzusetzen. Fehler gehören hier zum Prozess.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieser neuen Gründergeneration: Zukunft entsteht nicht durch perfekte Pläne — sondern durchs Ausprobieren.


Bei inhaltlichen Fragen erreichen Sie Becky Gilbert unter b.gilbert@neues-stiften.de.


Stephanie Reuter

Becky Gilbert

Autorin neues stiften


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