Der dramatische Aufstieg des Anti-NGO-Narrativs: Warum der Angriff auf die Zivilgesellschaft längst begonnen hat...
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Aktualisiert: vor 1 Tag
Von Jörg Schumacher

Jörg Schumacher ist einer der Gründer von neues stiften und Autor im Bereich Kommunikation. Als Spezialist für Fundraising und Krisenkommunikation beobachtete er die Entwicklungen in der Branche sehr genau und weiß sie einzuordnen. Er ist Absolvent der Springer Journalistenschule und arbeitete elf Jahre bei BILD, unter anderem als stellvertretender Redaktionsleiter und stellvertretender Nachrichtenchef. Heute berät er Verbände und Institutionen bei der Kommunikation mit dem Verbraucher und in Krisen.
Foto: neues stiften.
„Wir haben entschieden, dass wir den Begriff NGO als Bezeichnung für uns nicht mehr verwenden…“
Diesen Satz sagte mir die Geschäftsführerin einer bekannten gemeinnützigen Organisation beim diesjährigen Fundraising Kongress in Berlin. Ein beiläufiger Satz– und zugleich ein alarmierender Befund.
Denn der Begriff NGO (Non Government Organisation) stand für Generationen für etwas Positives: für Engagement, Gemeinnützigkeit, internationale Zusammenarbeit, Solidarität, Spendenbereitschaft und gesellschaftliche Verantwortung. NGOs galten als Ausdruck einer aktiven Zivilgesellschaft, als Korrektiv politischer und wirtschaftlicher Macht, als Orte demokratischer Beteiligung.
Und plötzlich scheint all das verschwunden zu sein.
Innerhalb weniger Monate wurde ein Begriff, der lange mit Vertrauen verbunden war, erfolgreich umcodiert. NGO bedeutet heute für viele nicht mehr Engagement, sondern angeblich „Geldverschwendung“, „links-grüne Einflussnahme“, „Intransparenz“ oder „dubiose Netzwerke“. Was wir erleben, ist keine zufällige sprachliche Verschiebung. Es ist das Ergebnis eines gezielt aufgebauten Narrativs.
Der Kampf um Begriffe ist ein Kampf um Macht
Die Maecenata Stiftung hat in ihrer Studie „Das Anti-NGO-Narrativ“ beschrieben, wie sich diese Erzählungen systematisch verbreiten.
Dabei identifizieren die Autor*innen mehrere zentrale Narrative, die immer wieder auftauchen:
NGOs seien „staatlich alimentierte Lobbygruppen“
Gemeinnützige Organisationen betrieben verdeckte Parteipolitik
NGOs seien Teil eines linken oder progressiven „Machtkartells“
Protest und Aktivismus würden demokratische Institutionen unterlaufen
Gemeinnützige Organisationen seien intransparent und demokratisch nicht legitimiert
Staatliche Fördermittel würden missbraucht, um politische Meinungsmache zu finanzieren
NGOs würden Zensur ausüben oder kritische Stimmen „unterdrücken“
Diese Narrative wirken deshalb so stark, weil sie an bestehende gesellschaftliche Unsicherheiten andocken: an Misstrauen gegenüber Eliten, an Polarisierung, an die Angst vor Kontrollverlust.
Das Entscheidende dabei: Narrative verändern Wirklichkeit nicht durch Fakten, sondern durch Wiederholung, emotionale Aufladung und sprachliche Vereinfachung.
Wer Begriffe besetzt, besetzt den Diskurs.
Genau das erleben wir derzeit. Der Begriff NGO wurde erfolgreich aus seinem ursprünglichen Bedeutungszusammenhang herausgelöst und mit neuen Bildern aufgeladen. Aus zivilgesellschaftlichem Engagement wird politische Manipulation. Aus Gemeinnützigkeit wird Ideologieverdacht. Aus Protest wird angebliche Demokratiegefährdung.
Und viele demokratische Akteure reagieren darauf erstaunlich langsam.
Die Strategie hinter dem Narrativ
Die Studie der Maecenata Stiftung zeigt dabei deutlich: Das Anti-NGO-Narrativ arbeitet mit strategischen Vereinfachungen und empirisch kaum haltbaren Behauptungen.
So wird beispielsweise suggeriert, NGOs würden überwiegend vom Staat finanziert. Tatsächlich stammen die meisten Mittel zivilgesellschaftlicher Organisationen aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden oder selbst erwirtschafteten Einnahmen. Gleichzeitig wird der Eindruck erzeugt, NGOs verfügten über enorme politische Macht – obwohl sie weder staatliche Entscheidungsgewalt besitzen noch demokratische Institutionen ersetzen können.
Die eigentliche Funktion solcher Narrative liegt deshalb woanders: Sie sollen die Legitimität zivilgesellschaftlicher Beteiligung infrage stellen.
Besonders wirksam ist dabei die sprachliche Verschiebung. Begriffe wie:
„NGO-Komplex“
„Deep State“
„Aktivisten-Netzwerke“
„Meinungskartell“
„steuerfinanzierte Propaganda“
funktionieren wie politische Trigger. Sie erzeugen Bilder im Kopf, bevor überhaupt über Inhalte gesprochen wird.

Die Geschwindigkeit der Diskursverschiebung
Bemerkenswert ist vor allem die Geschwindigkeit, mit der diese Verschiebung stattfindet. Noch vor wenigen Jahren galt die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Organisationen als selbstverständlicher Bestandteil demokratischer Kultur. Heute sehen sich viele Organisationen gezwungen, ihre Sprache anzupassen, Begriffe zu vermeiden oder ihre politische Neutralität permanent zu rechtfertigen.
Das zeigt: Der Angriff richtet sich längst nicht mehr nur gegen einzelne Organisationen. Er richtet sich gegen die Idee organisierter Zivilgesellschaft selbst.
Die Mechanismen dahinter sind international längst bekannt. In autoritären oder populistischen Bewegungen gehören Angriffe auf NGOs seit Jahren zur politischen Strategie. Zunächst wird Misstrauen erzeugt, dann werden Förderstrukturen infrage gestellt, anschließend die Legitimität des Engagements selbst. Die Sprache ist dabei nie Nebensache – sie ist das eigentliche Schlachtfeld.
Denn wer es schafft, dass „NGO“ nicht mehr nach Hilfe, Engagement und Demokratie klingt, sondern nach Manipulation und verdeckter Macht, verändert den öffentlichen Resonanzraum nachhaltig.
Warum wir uns jetzt wehren müssen
Viele gemeinnützige Organisationen unterschätzen noch immer, wie grundlegend dieser Konflikt ist. Sie reagieren defensiv, erklären ihre Förderstrukturen, verweisen auf Transparenzberichte oder Gemeinnützigkeitsrecht. All das ist wichtig – aber es reicht nicht.
Denn das Problem ist nicht primär ein Informationsdefizit. Es ist ein Kampf um Deutungshoheit.
Die Frage lautet nicht mehr nur: „Was machen NGOs?“Die eigentliche Frage lautet inzwischen: „Dürfen zivilgesellschaftliche Organisationen überhaupt politisch wirken?“
Dabei ist genau das Wesenskern demokratischer Gesellschaften: Bürger*innen organisieren sich, vertreten Interessen, kritisieren Macht, formulieren Forderungen und gestalten Öffentlichkeit mit. Demokratie besteht nicht nur aus Parlamenten und Parteien. Sie lebt von organisierter Beteiligung zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.
Wenn dieser Raum beschädigt wird, entsteht kein neutralerer Diskurs. Es entsteht ein Machtvakuum, das andere Akteure füllen.
Die gefährliche Verschiebung der Normalität
Besonders gefährlich am Anti-NGO-Narrativ ist seine schleichende Normalisierung. Viele der Begriffe und Vorwürfe wirken inzwischen fast alltäglich. Genau darin liegt ihre Wirkung.
Denn Narrative müssen nicht wahr sein, um wirksam zu werden. Sie müssen nur oft genug wiederholt werden.
Deshalb reicht es nicht mehr, einzelne Angriffe zurückzuweisen. Gemeinnützige Organisationen, Stiftungen und zivilgesellschaftliche Akteure müssen offensiver erklären, warum ihre Arbeit demokratisch notwendig ist. Nicht trotz ihrer politischen Wirkung – sondern gerade wegen ihr.
Denn eine Demokratie ohne organisierte Zivilgesellschaft wäre keine ausgewogenere Demokratie. Sie wäre lediglich eine Demokratie mit weniger Widerspruch, weniger Beteiligung und weniger gesellschaftlicher Korrektur.
Und offenbar ist genau das das eigentliche Ziel hinter dem Anti-NGO-Narrativ.

Jörg Schumacher
Autor und Mitgründer neues stiften Foto: neues stiften



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