Die Kunst des Bittens : Warum wir schweigen, obwohl wir Hilfe brauchen – und wie wir das ändern
- 9. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Von Sabine Hess

Sabine Heß ist Betriebswirtin und leidenschaftliche Fundraiserin. Sie hat viele Jahre im Marketing und Vertrieb (beispielsweise bei Disney) gearbeitet. 2010 hat sie ihre Liebe für gesellschaftliche und soziale Projekte entdeckt. Sabine Heß kennt beide Welten: die Wirtschaft und den Non-Profit-Bereich. Neben ihrer beratenden Tätigkeit für Stiftungen, Vereine und Menschen mit Visionen ist sie seit 2010 als Freelancerin im Bereich Marketing und Fundraising für die Stiftung Kultur Palast in Hamburg tätig. Sabine Heß lebt in der Nähe von Hamburg.
Auf neues-stiften.de stellt sie in einer sechsteiligen Serie ihr Buch "Die Kunst des Bittens" vor.
Foto: Thomas Fischer
Es gibt einen Moment, den ich nie vergessen werde.
Ich saß bei einem Rotary Club in Hamburg, hatte gerade ein köstliches Abendessen hinter mir – und spürte, wie sich die Aufregung in mir meldete. Gleich würde ich vor den Menschen sprechen. Ich wollte um Unterstützung für ein Projekt, das ich schon viele Jahre begleite, bitten. Ich legte unauffällig meine Hand auf den Bauch und atmete tief durch. Niemand sah es. Aber ich wusste: Ich war gerade außerhalb meiner Komfortzone.
Und das, obwohl ich seit Jahren genau das tue: andere Menschen um Unterstützung bitten. Für Stiftungen, für Herzensprojekte, für Visionen, die größer sind als eine einzelne Person.
Was mich damals überrascht hat – und was ich seitdem immer wieder beobachte – ist folgendes: Es sind nicht die äußeren Umstände, die uns daran hindern, klar zu bitten. Es sind die inneren.
Das ABC der Gründe, die gegen eine Bitte sprechen
In meiner Arbeit mit Gründerinnen, Stiftungen und Visionären höre ich sie alle. Die Sätze, die uns davon abhalten, den Mund aufzumachen:
„Ich will nicht aufdringlich wirken." „Ich habe kein Netzwerk." „Ich bin eher der introvertierte Typ." „Was, wenn sie Nein sagen?" „Ich schaffe das doch alleine."
Ich habe diese Sätze in meinem Buch „Die Kunst des Bittens" das ABC der Gründe genannt, die gegen eine Bitte sprechen – von Abhängigkeit über Blamage bis Zurückweisung. Und ich sage das ohne jeden Vorwurf: Denn ich kenne sie alle aus meinem eigenen Kopf. Ich habe sie selbst gedacht.
Was mich aber fasziniert: Hinter jedem dieser Sätze steckt nicht Faulheit oder Gleichgültigkeit. Dahinter steckt meistens Angst. Und Angst ist immer ein Signal – und liegt außerhalb der Komfortzone.
Unsere Komfortzone begrenzt uns
Unsere Komfortzone ist der Bereich, in dem wir uns sicher fühlen. Routinen, bekannte Gesichter, vertraute Abläufe. Hier fühlen wir uns sicher, hier müssen wir uns nicht erklären und nichts riskieren.
Das Problem: Wer in der Komfortzone bleibt, sendet nach außen das Signal – alles läuft wunderbar. Und niemand fragt nach, ob wir Hilfe brauchen. Weil es nicht zu erkennen ist, dass wir alleine nicht weiter kommen. Und so erhalten wir auch keine Hilfe.
Ich erinnere mich an eine Szene aus meiner Kindheit. Ich war vielleicht sechs Jahre alt, im Spanienurlaub mit meinen Eltern. Meine Mutter drückte mir Geld in die Hand und schickte mich alleine zum Eisstand auf der anderen Straßenseite. Die Straße erschien mir wie ein gefährlicher Abgrund. An der Theke wurde ich von anderen Kindern immer wieder zurückgedrängt – bis mich eine ältere Frau wild gestikulierend ermutigte, einfach aufzurücken. Und dann, als ich endlich vorne stand: Ich kannte das spanische Wort für mein Lieblingseis nicht. Also zeigte ich einfach drauf – und rannte erleichtert zurück.
Heute denke ich manchmal an diesen Moment. Denn genau so fühlt es sich an, wenn wir bitten wollen: Die Straße erscheint zu breit. Die Schlange zu lang. Die Sprache fehlt uns. Und trotzdem – der Versuch ist es immer wert.
Was wirklich hinter dem Schweigen steckt
Fritjof Nelting, Unternehmer und Coach, hat es in unserem Gespräch für mich auf den Punkt gebracht: „Wenn wir unsere Komfortzone verlassen, fühlen wir uns oft überfordert. Und diese Überforderung überdeckt ein Gefühl der Angst."
Angst vor Ablehnung. Angst, als schwach zu gelten. Angst, zu viel zu wollen.
Und er sagte noch etwas, das mich sehr berührt hat: „Wenn wir wissen, was wir wollen, trauen wir uns mehr zu."
Das ist der Schlüssel. Nicht Mut als Persönlichkeitsmerkmal – sondern Klarheit als Fundament. Wer seinen Purpose kennt, wer weiß, wofür er oder sie bittet, der findet auch den Mut, es auszusprechen.
Wie wir die Blockaden im Alltag erkennen
Die erste Frage, die ich mir stelle, wenn ich merke, dass ich zögere: Was genau hält mich zurück?
Ist es die Angst vor dem Nein? Dann erinnere ich mich daran, was das Schlimmste wirklich ist: dass ich die erhoffte Unterstützung nicht bekomme. Nicht mehr. Nicht weniger. Das ist unangenehm – aber nicht schlimm. Und wenn ich gar nicht erst frage, ist das Ergebnis dasselbe. Nur ohne Chance.
Ist es Scham? Dann schaue ich genauer hin. Denn Scham entsteht oft dort, wo wir glauben, alleine sein zu müssen. Dabei ist das Gegenteil wahr: Wirklich große Dinge lassen sich mit Unterstützung unendlich viel leichter realisieren.
Ist es das Gefühl, zu viel zu sein? Dann frage ich mich: Wäre ich bereit, jemandem zu helfen, der mich um Rat bittet? Fast immer lautet die Antwort: Ja, sehr gerne sogar. Warum sollte das bei mir anders sein?
Und hier möchte ich noch einen Gedanken hinzufügen, der mich persönlich sehr bewegt: Eckart von Hirschhausen, Arzt und Wissenschaftskommunikator, hat in seiner Forschung und Vorträgen immer wieder gezeigt, dass Helfen glücklich macht – und zwar nicht nur denjenigen, die Hilfe bekommen, sondern vor allem denjenigen, die sie geben. Wer anderen hilft, erlebt Sinn, Verbundenheit und positive Emotionen. Das bedeutet: Wenn wir andere um Hilfe bitten, geben wir ihnen die Möglichkeit, etwas Bedeutungsvolles zu tun. Wir schenken ihnen eine Chance auf dieses Glücksgefühl. Eine Bitte ist also kein Nehmen – sie ist ein gegenseitiges Geben. Das hat meine Sichtweise auf das Bitten grundlegend verändert.
Transformation beginnt mit einem einzigen Schritt
Patrick Reymann, Fotograf und Unternehmer, hat mir erzählt, wie er als introvertierter, schüchterner junger Mann durch die Fotografie gelernt hat, auf Menschen zuzugehen. Die Kamera war seine Brücke. Ein Tool, das ihm Selbstvertrauen gab – und das ihm half, Kontakte zu knüpfen, die er sich vorher nicht vorstellen konnte.
Jeder von uns braucht eine solche Brücke. Das kann ein gemeinsames Interesse sein, ein geteilter Wert, ein Hobby, eine lokale Verbindung. Brücken helfen uns, aus der Komfortzone herauszutreten – ohne uns dabei zu verlieren.
Und dann gibt es noch die Mentoren. Menschen, von denen wir uns Stärke leihen können. Fritjof beschreibt es so: „Stein um Stein über einen Fluss gehen. Die Erfahrungen, die wir dabei machen, sind Referenzen. Je mehr Referenzen wir haben, desto sicherer werden wir."
Ich selbst habe das erlebt. Mein Training begann in der Kindheit – mit einer Mutter, die mich immer wieder ins kalte Wasser schickte. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil sie wusste: Schwimmen lernt man nur im Wasser.
Was ich dir mitgeben möchte
Die Kunst des Bittens ist keine Frage des Charakters. Sie ist eine Frage der Übung. Und der Erlaubnis, die wir uns selbst geben.
Wenn du das nächste Mal merkst, dass du zögerst – dass du einen Satz anfängst und ihn wieder schluckst – dann frag dich nicht: „Darf ich das?" Frag dich: „Was kann im schlimmsten Fall passieren?"
Und dann atme tief durch. Leg die Hand auf den Bauch, wenn es sein muss. Und sag es.
Denn wer nicht fragt, bekommt sicher kein Ja. Und wer fragt, hat eine Chance auf ein Ja.
Für alle, die sich manchmal fragen, ob und wann eine Bitte überhaupt angebracht ist, habe ich in Anlehnung an Gaur Gopal Das und seinem bekannten „Why Worry"-Diagramm ein kleines Entscheidungsdiagramm entwickelt. Denn als ich das „Why Worry"-Diagramm zum ersten Mal sah, musste ich sofort an das Bitten denken. Die Logik ist dieselbe – und sie ist entwaffnend einfach. Ich nenne mein Diagramm: ,,Dare to ask.“
DARE TO ASK – Ein Entscheidungsbaum

➡ Fällt es dir schwer, andere um Unterstützung zu bitten?
· Nein → Then dare to ask.
· Ja → Kannst du die Aufgabe allein lösen?
o Nein → Then dare to ask.
o Ja → Geht es mit Unterstützung schneller?
Ja → Then dare to ask.
Das Ergebnis ist immer dasselbe: Dare to ask. Trau dich zu fragen.
Egal, ob du die Aufgabe theoretisch alleine lösen könntest oder nicht – wenn Unterstützung möglich ist und den Weg erleichtert, dann ist die Bitte nicht nur erlaubt. Sie ist klug. Sie ist mutig. Und sie ist ein Geschenk – an dich selbst und an denjenigen, dem du die Möglichkeit gibst, etwas Bedeutungsvolles zu tun.
Dieser Artikel basiert auf meinem Buch „Die Kunst des Bittens – Wie du Unterstützung für dein Herzensprojekt findest", erschienen 2024 im Murmann Verlag.

Sabine Hess
Autorin "Die Kunst des Bittens" (erschienen im Murmann-Verlag)
und neues stiften
Foto: Timo Schönfelder




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