Kultur auf Rezept
- vor 2 Tagen
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Die besondere Art der Gesundheits- und Kulturförderung
Von Dr. Anna Punke-Dresen

Anna Punke-Dresen ist auf neues-stiften.de für die Rubrik „Mensch des Monats“ verantwortlich, dort stellt sie spannende Personen aus dem gemeinnützigen Bereich und die Menschen hinter einer Führungsposition vor. Darüber hinaus wird sie nun einmal pro Quartal einen Einblick in aktuelle Fragestellungen rund um Kulturförderung in Deutschland geben. Anna Punke-Dresen ist selbst seit über 15 Jahren in diversen Funktionen und Kontexten sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich im gemeinnützigen Sektor unterwegs - unter anderem als Vorständin des Vereins Hamburger mit Herz e.V. und aktuell als Teil der Leitung für Engagement & Partnerschaften in der Hamburger Kunsthalle.
Foto: privat
Ich bin Apothekerstochter und tobte schon als Kleinkind durch die Reihen an Medikamentenschränken in der Apotheke meiner Mutter. Ich wuchs mit dem Geräusch des kleines Spezialdruckers auf, der zum Einsatz kommt, wenn nach dem Verkauf eines verschreibungspflichtigen Medikamentes das Rezept bedruckt und anschließend in das Fach der abrechnungsfähigen Rezepte gelegt wird.
Seit damals hat sich viel in der Medizinbranche getan und zurzeit findet man allerlei Diskussionsbeiträge und Artikel über einen besonderen Vorschlag der Gesundheits- und damit verbundenen Kulturförderung: Kunst und Kultur auf Rezept!
Die Idee kommt aus Großbritannien
Kultur auf Rezept, das sogenannte Social Prescribing, ist ein aus Großbritannien und Kanada stammendes Konzept, bei dem Ärzte oder Fachkräfte des Gesundheitswesens Kunst- und Kulturangebote verschreiben. Der Fokus liegt auf der Stärkung des seelischen Wohlbefindens und der Verringerung sozialer Isolation bei psychischen Belastungen.
Die Idee: Kunst auf Rezept beschreibt einen Ansatz, bei dem kulturelle Angebote gezielt als ergänzende Unterstützung für die psychische Gesundheit eingesetzt werden. Ärztinnen und Ärzte oder andere Fachkräfte können Menschen mit psychischen Belastungen beispielsweise Museumsbesuche, kreative Workshops, Theater- oder Musikangebote empfehlen. Ziel ist es, das Wohlbefinden zu stärken, soziale Teilhabe zu fördern und den Genesungsprozess zu unterstützen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass kulturelle Aktivitäten Stress reduzieren, das Gefühl von Isolation verringern und insbesondere bei Depressionen positive Effekte haben können. Kunst auf Rezept ersetzt dabei keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung, sondern versteht sich als sinnvolle Ergänzung im Rahmen einer ganzheitlichen Gesundheitsversorgung.
Deutsche Forscher untersuchen Vor-und Nachteile des Modells
In Deutschland ist das Konzept im regulären Gesundheitssystem noch sehr unbekannt, wird aber in Modellprojekten intensiv erforscht und umgesetzt. So setzt beispielsweise das Pilotprojekt „Kultur auf Rezept“ in Kaiserslautern, das von der Bundeskulturstiftung und vom Kulturministerium Rheinland-Pfalz unterstützt wird, bei leichten Depressionen als Alternative zur Schulmedizin auf die positive Wirkung kultureller Erlebnisse. Gemeinsam mit einem Hausarzt oder Psychotherapeuten wird überlegt, welche Form des kulturellen Erlebnisses passen könnte, dies erfolgt natürlich dann in Austausch mit der jeweiligen Kulturinstitution. Auch diese individuelle Absprache kann schon positive Effekte hervorrufen, werden kulturelle Vorlieben gesehen und persönliche Wünsche erfüllt.
Aus dem Wartezimmer in die Gemäldegalerie
Rechnet man sich das einmal durch, könnte man mit wenig Geld schon einiges bewirken. Eine Eintrittskarte der Hamburger Kunsthalle kostet beispielsweise 18 Euro regulär. Vergleicht man dies mit dem Preis für beispielsweise eine Stunde Psychotherapie oder verschriebenen Psychopharmaka käme der psychologische Effekt, den beispielsweise ein Museumsbesuch bewirken kann, günstig daher. Was könnten die Krankenkassen sparen! Welch Wunder der Gesundheitsförderung könnte dies bewirken und welche positiven finanziellen Auswirkungen hätte dies natürlich auch für den Kunst- und Kultursektor durch Mehreinnahmen im Ticketverkauf. Dies hätte auch den Mehrwert von Investitionen im Kulturbereich zur Folge und damit auch eine Wirkung in eine Gesellschaft hinein.
Natürlich möchte ich an dieser Stelle betonen, dass ernsthafte Erkrankungen durch diese Überlegungen keinesfalls bagatellisiert werden sollen. Aber die Leser*innen dieses Artikels kennen vielleicht auch so manche Situationen des Unwohlseins und welch positive Einflüsse ein schönes Erlebnisse in solch einer Lage doch bewirken könnte. Denn Heilung bedeutet nicht nur zu einer Tablette zu greifen - der Vorschlag von Kultur auf Rezept verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz mit Betrachtung des Einflusses von Freude, Glück, Staunen, Begeisterung, Entspannung und Dankbarkeit auf Körper und Seele.
Ein Museumsbesuch wirkt beispielsweise laut des Magazins „Psychologie Heute“ wie Medizin für die Seele: Er senkt messbar den Cortisolspiegel und reduziert Stress. Gleichzeitig fördert die ruhige Umgebung die Achtsamkeit, hellt die Stimmung auf und aktiviert kognitive sowie emotionale Prozesse, weshalb Museumsbesuche in manchen Ländern eben bereits auf Rezept verschrieben werden.
Fazit
Pilotprojekte wie das oben beschriebene sind wichtig, um Möglichkeiten und positive Effekte zu untersuchen und sichtbar zu machen. Ob, wie und wann „Kultur auf Rezept“ überhaupt und wirklich auch in Deutschland umsetzbar wäre, steht in den Sternen. Meine Mutter ist zwar schon in Rente, arbeitet aber immer noch stundenweise in ihrer ehemaligen Apotheke. Und wer weiß, vielleicht bedruckt sie einiges Tages einen Kulturbesuch auf eins ihrer ausgehändigten Rezepte.

