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Warum Amazon in Berlin den Gemeinsinn fördert...

  • vor 9 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Wie ein Unternehmen mit dem KiezLab Räume für die Zivilgesellschaft schafft – und dabei bewusst Kontrolle abgibt.


Von Becky Gilbert

Nico Reis

Becky Gilbert ist Fundraising-Expertin mit langjähriger Erfahrung in gemeinnützigen Organisationen in Deutschland und den USA. Ihr Fokus liegt auf Großspenden, Philanthropie, Kapitalkampagnen, Fördernetzwerken und der Mobilisierung ehrenamtlichen Engagements. Ihr Wissen gibt sie mit Begeisterung als Beraterin, Coach und Autorin weiter, immer mit dem Ziel, Menschen für eine starke, nachhaltige Zivilgesellschaft zu gewinnen. Seit 2014 gehört Becky zu dem weltweit anerkannten Kreis von Fundraiser:innen, die das Certified Fund Raising Executive (CFRE)-Zertifikat tragen. Und seit Februar ist sie im Team von neues-stiften mit dabei.

Foto: privat

Als Amazon 2025 in das neue Bürogebäude BER21 in Friedrichshain-Kreuzberg einzog, wollte das Unternehmen nicht einfach neue Büroräume beziehen. Ein ganzes Stockwerk mit rund 1.400 Quadratmetern wurde für gemeinnützige Organisationen geöffnet: das KiezLab.

„Wir wollten nicht einfach einziehen, sondern Teil einer kollegialen Nachbarschaft werden“, sagt Afra Gloria Müller, Public-Affairs-Managerin bei Amazon in Berlin.

Coworking-Bereiche, Workshopräume, ein Auditorium, ein Makerspace, Telefonkabinen und eine Teeküche stehen Berliner Organisationen kostenlos zur Verfügung. Betrieben wird das KiezLab von der gemeinnützigen Junge Tüftler gGmbH. Amazon übernimmt Miete und Betriebskosten sowie die Kosten für den Betrieb durch Junge Tüftler.

Das Modell ist einfach: Amazon stellt Raum und Ressourcen zur Verfügung. Die Zivilgesellschaft gibt dem Raum seinen Inhalt. Keine fertigen Lösungen, sondern ein gemeinsamer Ansatz zur Stärkung der Zivilgesellschaft. Der Bedarf ist hoch, das Interesse gewaltig. Das KiezLab kommt in der Stadt so gut an, dass es nach knapp einem Jahr bereits eine längere Warteliste gibt.

Die Idee für das KiezLab entstand nicht allein innerhalb von Amazon. Gemeinsam mit dem Stifterverband wurden zunächst die Bedarfe des gemeinnützigen Sektors betrachtet. Anschließend folgten Workshops mit Junge Tüftler und potenziellen Nutzerorganisationen. „Das Konzept entstand im Dialog mit dem Bezirk und NGOs“, sagt Müller.

Für Müller ist diese Herangehensweise auch eine Lehre für andere Unternehmen. „Zuhören, was die Community wirklich braucht“, sei entscheidend. Das klingt selbstverständlich. In der Praxis bedeutet es aber, die eigene Lösungsidee zunächst zurückzustellen.


Aus Raum wird Gemeinsinn

Die Auswahl der Mitgliederorganisationen und die inhaltliche Gestaltung liegen beim Betreiber Junge Tüftler. Für die Aufnahme gelten unter anderem Kriterien wie Gemeinnützigkeit, gesellschaftlicher Nutzen für Berlin, Diversität und Unabhängigkeit von politischen Parteien und religiösen Institutionen. NGOs bewerben sich direkt online und werden anschließend evaluiert. Ein KiezLab Board, bestehend aus sechs Community-Vertreter plus Junge Tüftler, entscheidet mit über Aufnahmen.

Amazon finanziert den Raum, entscheidet aber nicht darüber, welche Organisationen ihn nutzen oder welche Veranstaltungen dort stattfinden. „Die Auswahl der Organisationen und die inhaltliche Gestaltung liegen bewusst bei Junge Tüftler als unabhängigem Betreiber – nicht bei Amazon“, betont Müller.

Auch nach außen hält sich das Unternehmen zurück: Das KiezLab hat ein eigenes Erscheinungsbild und bewusst kein sichtbares Amazon-Branding. Müller beschreibt die Grundhaltung zum Projekt so: „Nicht das eigene Logo in den Vordergrund stellen.“


Wirkung, die sich messen lässt

Nach Angaben von Amazon haben sich im ersten Jahr 125 gemeinnützige Organisationen dem KiezLab angeschlossen. Rund 100 Menschen kommen durchschnittlich täglich. Mehr als 5.000 Gäste wurden im ersten Jahr von Mitgliedsorganisationen eingeladen.

Die Aktivitäten sind so unterschiedlich wie die Community selbst: Coding-Angebote für Kinder, Workshops, Netzwerktreffen, Veranstaltungen zur Sozialwirtschaft, Lehrerfortbildungen sowie Angebote von Organisationen wie der ReDI School, StartSocial, Ashoka oder App Camps.

Bemerkenswert ist auch, wer den Raum nutzt. Sechs Schulen sind inzwischen Mitglied. Rund ein Drittel der Organisationen arbeitet nach Angaben von Amazon in den Bereichen Sozialarbeit und Bildung; 65 Prozent der Organisationen arbeiten mit Kindern und Jugendlichen.

Die Nachfrage übersteigt inzwischen das Angebot.

Eine Befragung der Community ergab laut Amazon eine Zufriedenheit von 95,1 Prozent; 97 Prozent der Befragten gaben an, sich mit ihrer Perspektive im KiezLab willkommen und repräsentiert zu fühlen. Ein ausführlicher Impact Report von Junge Tüftler soll diese Entwicklung weiter dokumentieren.

Für Müller ist der wichtigste Erfolgsindikator allerdings weniger eine Kennzahl:

„Erfolg sieht für mich so aus: Wenn die Organisationen sagen: ‚Das ist UNSER Raum‘ und ihn als ihren ansehen, ihn weiterentwickeln.“


Mehr als eine klassische Spende

Zu den von Amazon zur Verfügung gestellten Ressourcen zählen auch die Zeit und Fähigkeiten seiner Mitarbeitenden, die sich unter anderem bei Workshops engagieren oder ihr Fachwissen weitergeben.

Der entscheidende Unterschied zur klassischen Projektförderung liegt jedoch woanders. Im KiezLab begegnen sich Organisationen, teilen Wissen, veranstalten gemeinsam, entdecken neue Partner und entwickeln Ideen weiter. Der gesellschaftliche Wert entsteht damit nicht allein durch das, was Amazon hineinsteckt, sondern durch das, was die Zivilgesellschaft daraus macht.

Genau hier liegt möglicherweise die interessanteste Lehre des KiezLabs.

Unternehmensphilanthropie steht immer in einem Spannungsfeld: Ein Unternehmen möchte gesellschaftlich etwas bewirken, hat aber gleichzeitig eigene Interessen und eine eigene öffentliche Wahrnehmung.

Das KiezLab versucht, dieses Spannungsfeld durch eine klare Rollenverteilung zu bearbeiten. Müller selbst kennt beide Seiten. Vor ihrer Tätigkeit bei Amazon arbeitete sie beim Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND), wo sie unter anderem Social Economy Berlin mit aufbaute und leitete.

Für Müller ist es besonders wichtig, unterschiedliche Akteure zusammenzubringen und daraus konkrete Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen entstehen zu lassen. „Ich bin quasi in beide Richtungen eine Übersetzerin“, sagt sie über ihre heutige Rolle. Sie sieht Unternehmen in der Verantwortung für die Orte, an denen sie präsent sind – gerade in einer Zeit, in der öffentliche Mittel knapper werden und die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik wichtiger wird.


Was Unternehmen daraus lernen können

Das KiezLab-Modell lässt sich nicht eins zu eins übertragen. Nicht jedes Unternehmen verfügt über 1.400 Quadratmeter Bürofläche in Berlin. Aber das Prinzip dahinter ist breiter anwendbar, zumal Unternehmen über viele Ressourcen verfügen, die für gemeinnützige Organisationen knapp sind: Räume, Technologie, Fachwissen, Netzwerke und Mitarbeiterzeit.

Entscheidende Fragen aus der Perspektive der Unternehmensphilanthropie lauten deshalb: „Wie sehen effektive Partnerschaften mit der Zivilgesellschaft aus? Welche Ressourcen könnten wir zur Verfügung stellen? Wie viel Kontrolle sind wir bereit abzugeben?“

Für Müller braucht es dafür vor allem Geduld, Mut sowie die Bereitschaft, das Angebot gemeinsam mit der Community weiterzuentwickeln und Kritik auszuhalten. In der Praxis wird das unter anderem durch „Kiez & Kaffee“, Müllers offene wöchentliche Sprechstunde für NGO-Fragen und Anliegen direkt vor Ort in der KiezLab-Küche umgesetzt.


Ein Berliner Modell mit Potenzial

Das KiezLab ist Amazons erster dedizierter Community Space dieser Art weltweit. „In den USA“, so Müller, „gibt es ein ähnliches, aber wesentlich kleineres Konzept, bei dem wir mit einer Universität in New York City eine Partnerschaft haben, die einen größeren Konferenzraum für Community-Aktivitäten nutzt.“

Ansonsten sei das KiezLab ganz speziell auf die Bedarfe in Berlin entwickelt worden. Natürlich freue man sich, wenn andere Länder und andere Unternehmen das Konzept als Inspiration nutzen würden. Ob daraus tatsächlich ein übertragbares Modell für Unternehmensengagement entsteht, wird die weitere Entwicklung zeigen.

Die wichtigsten Botschaften sind jedoch schon sichtbar:

Zivilgesellschaft und Gemeinsinn lassen sich nicht verordnen. Man kann aber Räume dafür schaffen – und dann den Menschen und Organisationen vertrauen, die sie mit Leben füllen.

Zum ersten Geburtstag des KiezLabs fasst Müller zusammen: „Wir haben von Beginn an den direkten Austausch mit der Nachbarschaft gesucht und einen kollaborativen Weg gewählt. Ich glaube, dass das von den NGOs sehr geschätzt wird.

Sicherlich gab es anfangs auch kritische Stimmen. Unsere Antwort darauf war und ist: Transparenz, ein unabhängiger Betreiber und eine Community, die das KiezLab aktiv mitgestalten kann – also ein Angebot für und mit der Nachbarschaft und der Zivilgesellschaft.“


Bei inhaltlichen Fragen erreichen Sie Becky Gilbert unter b.gilbert@neues-stiften.de.


Stephanie Reuter

Kelly Jo Lihaven verantwortet als Head of Philanthropy & Social Investment im Global Community Opportunity Team der Bank of America in London die philanthropische Plattform der Bank für Europa, den Nahen Osten und Afrika.

Foto: JOBLINGE/Christoph Timmer


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