top of page

Tanja Ferkau im Gespräch mit Dr. Anna Punke-Dresen

  • jschumacher84
  • vor 4 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Wer steckt hinter dieser neuen Rubrik und was möchte sie für einen Mehrwert bieten?

Portraits über Menschen im gemeinnützigen Bereich findet man auch an anderer Stelle. Wir erinnern uns zum Beispiel an die „Köpfe“ in der Stiftungsbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mit dieser Rubrik „Mensch des Monats“ möchten wir Menschen hinter einer Führungsposition besser kennenlernen. Dafür hat Dr. Anna Punke-Dresen diese Rubrik ins Leben gerufen.


Anna Punke-Dresen ist selbst seit über 15 Jahren in diversen Funktionen und Kontexten sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich im gemeinnützigen Sektor unterwegs - unter anderem als stellvertretende Leiterin des Kreises Junge Menschen und Stiftungen, Community Lead für MentorMe, Vorständin von Hamburger mit Herz e.V. und seit 2023 Leitung Fundraising der Abteilung Engagement & Partnerschaften bei der Hamburger Kunsthalle in Doppelspitze.


Schreiben und gemeinnütziges Engagement sind die beiden Pfeiler, die ihren Werdegang prägen.

Mit dieser monatlichen Rubrik möchte sie einige spannende Personen aus ihrem Netzwerk in persönlichen Gesprächen fragen, wie und warum sie sich selbst im gemeinnützigen Bereich engagieren. Welche Ehrenämter werden zusätzlich zum Hauptamt gepflegt? Was treibt sie dazu an? Was bedeutet Engagement für sie und welche Learnings und Botschaften bringt das für sie mit?

Carola von Peinen
Tanja Ferkau ist Strategin für systemischen Wandel. Foto: SPORTS20

Anfang 2017 gründete Tanja Ferkau die gemeinnützige IMPCT gGmbH als Beschleunigerin für Transformation und Wirkung. Mit IMPCT begleitet sie Stiftungen, Non-Profit-Organisationen und Social Businesses bei grundlegenden Veränderungsprozessen – von Wirkungslogiken über Organisationsentwicklung bis hin zu langfristig tragfähigen Strukturen. Ergänzt wird dieser Ansatz durch ganzheitliche 12-monatige Förderprogramme, die Organisationen stärken, ihre Potenziale zu entfalten und ihre gesellschaftliche Wirkung nachhaltig zu steigern. Darüber hinaus engagiert sich Tanja Ferkau als Gründerin der IMPCTforChange GmbH sowie als Co-Founderin der gemeinnützigen SPORTS20 gGmbH für einen nachhaltigen Wandel in Wirtschaft und Sport. Als international gefragte Keynote-Speakerin sowie in Beiräten und Ausschüssen verbindet sie strategische Klarheit mit dem Anspruch, Wirkung messbar und Veränderung gestaltbar zu machen.

Liebe Tanja Ferkau, ich möchte in dieser Rubrik jedem*r Interviewpartner*in die gleiche Einstiegsfrage stellen: Wann und wo haben Sie sich zum allerersten Mal ehrenamtlich engagiert?


Schon in der Uni habe ich mich engagiert, aber punktuell und nicht strategisch. Und dann passiert das Leben einfach. Vor zehn Jahren bin ich „reingestolpert“ – in die Hamburger Messehallen, Ende August 2015, nach dem großen Abendblatt-Aufruf, als in großer Zahl Geflüchtete zu uns kamen. Für mich war sofort klar: Hier brauchte es nicht nur helfende Hände, sondern auch Strukturen, Überblick, Organisation. Inmitten von Bergen aus Kleiderspenden, unzähligen engagierten Freiwilligen und einer überwältigenden Stimmung von Solidarität war plötzlich alles anders. Ich bin damals für 18 Monate geblieben und habe Marketing und Strategie für HanseaticHelp e.V. aufgebaut. Aus dem ersten Schritt wurde eine intensive Zeit – mit Feuereifer, Herzblut und all meiner beruflichen Erfahrung im Rücken. Auf einmal war das, was sonst Excel-Tabellen, Whiteboards und Projektpläne waren, pure Notwendigkeit für echte Menschen in echter Not.

Heute, zehn Jahre später, ist aus diesem spontanen Chaos, aus Europas größter Kleiderkammer, ein gemeinnütziger Verein geworden, der aus Hamburg nicht mehr wegzudenken ist. Was damals improvisiert wurde, ist heute eine Struktur, die dauerhaft wirkt. Ich selbst bin stolz, Teil dieser Gründungsgeschichte zu sein. Und dankbar dafür, dass ich die Energie dieser Anfangstage miterleben durfte, dass wir gemeinsam diese Initiative auf die Beine gestellt haben und dass aus spontaner Hilfsbereitschaft etwas Bleibendes entstanden ist.


Für unsere Leser*innen, die die IMPCT gGmbH noch nicht kennen: Mit welcher Idee haben Sie die Organisation 2017 gegründet und was beschäftigt Sie zurzeit diesbezüglich?


Meine Motivation für IMPCT stammt aus der Erkenntnis, dass engagierte Menschen und Organisationen oft unglaubliches Herz besitzen, aber an Rahmenbedingungen scheitern: Finanzierung, Personalressourcen, fehlende Strukturen, ineffektives Ehrenamtsmanagement. Diese Barrieren sind kein Zeichen von Ineffizienz, sondern ein Hinweis darauf, wo Unterstützung wirklich gebraucht wird. Wir wollen ihnen helfen, diese Hindernisse zu überwinden.

Aus meinem jahrelangen Konzern-Hintergrund in Strategie und Management wusste ich: da kann ich helfen. Bei Hanseatic Help habe ich gespürt, wie viel Potenzial dort liegt, wo Menschen sich für das Gemeinwohl engagieren. Doch ohne gezielte Begleitung bleibt Potenzial oft ungenutzt. Genau hier setzt IMPCT an: Wir geben Organisationen konkrete Werkzeuge an die Hand – strategisch, operativ und strukturell –, damit sie nicht nur überleben, sondern wachsen und wirken können. Die Idee der „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist dabei kein Slogan, sondern eine Arbeitsweise: Wir stärken Kapazitäten, bauen resilientere Strukturen auf und entwickeln zielgerichtete Prioritäten.

Was mich zudem antreibt, ist der beobachtbare Trend, dass der Bedarf an zivilgesellschaftlicher Handlungsfähigkeit täglich wächst. Es gibt so viel beeindruckende Arbeit da draußen: Sozialunternehmen, gemeinnützige Organisationen, Initiativen, die sich für Bildung, Umwelt oder soziale Teilhabe einsetzen. Wenn diese Akteure scheitern, verliert die Gesellschaft an Vielfalt, an Optionen, an Hoffnung. Deshalb ist mein Fokus darauf gerichtet, dass Ideen nicht scheitern, sondern echte Wirkung entfalten – durch gezielte Unterstützung, durch Vernetzung, durch pragmatische Umsetzungsschritte, die auch in ressourcenarmen Phasen funktionieren.

 

Sie haben auch noch SPORTS20 gGmbH gegründet, engagieren sich darüber hinaus für die Science City Hamburg, für Klimaschutz und Nachhaltigkeit und vieles mehr. Was treibt Sie für Ihr vielfältiges Engagement an?


Wir haben nur eine Welt. Und diese Welt steht vor einer enormen gesellschaftlichen Zerreißprobe: Hier prallen Werte, Bedürfnisse und Möglichkeiten aufeinander, während Ressourcen knapper werden und der Druck wächst, sinnvoll zu handeln. In diesem Kontext treibt mich die Frage an: Wie schaffen wir es, dass gute Ideen nicht am Mangel scheitern, sondern echte, nachhaltige Wirkung entfalten?

 

Mein Engagement – SPORTS20, Science City Hamburg, Klimaschutz, Bildung für nachhaltige Entwicklung – entspringt folglich einer einzigen Leitidee: Wir haben eine Verantwortung, Menschen zu helfen, ihre Potenziale zu entfalten. Dass ich in unterschiedlichen Bereichen aktiv bin, ermöglicht mir, Muster zu erkennen, die sich auch in der Zivilgesellschaft wiederfinden. Es geht darum, übergreifende Lösungen zu fördern, statt in Silos zu verharren. Wenn man die Verknüpfungen versteht – beispielsweise Bildung mit Sport, Wissenschaft mit Gesellschaft, Nachhaltigkeit mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit – entstehen Synergien, die eine größere Wirkung entfalten als isolierte Projekte.

Die Frage ist: Wie gestalten wir eine Zukunft, in der gute Ideen Gelegenheiten bekommen zu wachsen, und zwar dort, wo es am dringendsten gebraucht wird. Unsere Welt, unsere Gesellschaft, unsere Natur verdient unsere größte Anstrengung, damit die Veränderungen, die wir heute anstoßen, morgen eine bessere Realität schaffen – für alle.


Was hat Sie bislang am meisten in Ihrer eigenen „Engagementschule“ geprägt? Und was macht Sie dabei aus?

 

Meine eigene Entwicklung formten vor allem zwei Erfahrungen: Erstens das direkte Zuhören bei Menschen, die täglich mit Ressourcenknappheit kämpfen und dennoch mit Mut voranschreiten. Ihre Energie und Unerschütterlichkeit haben mich sehr geprägt. Und zweitens beim Scheitern das Lernen aus Fehlschlägen, statt sie zu verstecken. Daraus resultiert meine Haltung: Pragmatismus, Offenheit und der Glaube an systemische Lösungen. Ich versuche lernbereit, transparent und immer für die Sache zu sein – jenseits von Egos und Silodenken.

 

Sie kommunizieren sehr stark über die sozialen Medien. Wie hat sich die Kommunikation aus Ihrer Sicht hinsichtlich Engagementmöglichkeiten im gemeinnützigen Bereich verändert?

 

Ich nutze persönlich überwiegend LinkedIn, habe aber auch ein gespaltenes Verhältnis zu sozialen Medien. Auf der positiven Seite bietet Social Media wie LinkedIn eine enorme Reichweite und schnelle Interaktion. Inhalte können in kurzer Zeit Sichtbarkeit erhalten, fachliche Diskussionen, Praxisberichte und den Austausch von Best Practices finde ich toll. Auf der negativen Seite gibt es jedoch auch viel Unnötiges bis hin zu destruktiven Phänomenen. Mir ist immer der Fokus auf Authentizität wichtig: Geschichten aus der Praxis, Fehlerkultur und Lernprozesse erhöhen die Glaubwürdigkeit. Wichtig bleibt aber, die Risiken zu beachten: Fake-News, Überlastung der Zielgruppen und Datenschutz sowie Sicherheit erfordern klare Richtlinien und Moderation. Kurz gesagt: Social Media wandelt Engagement von einem einseitigen Spendenaufruf zu dynamischer, teilhabeorientierter Mitgestaltung – mit mehr Möglichkeiten, aber auch neuen Verantwortlichkeiten.


Was würden Sie anderen Philanthropen raten, die sich auch engagieren oder eine eigene Non-Profit-Organisation gründen möchten?

 

Wählen Sie eine klare, fokussierte Vision mit messbaren Zielen. Holen Sie sich einen Partner an Bord, der sie inhaltlich berät und vernetzt. Viele Themen sind im Markt schon gut abgebildet und würden besser bedient durch Zustiftung oder Unterstützung bestehender Formate. Hier schlägt Kollaboration Gründung.Im Falle der Gründung: Fangen Sie klein an und prüfen den Fortschritt regelmäßig. Suchen Sie Partnerschaften, bleiben Sie transparent und sorgen Sie für gute Führung. Sichern Sie eine solide Finanzierung durch verschiedene (!) Quellen. Stellen Sie ein engagiertes, professionelles Team zusammen und entwickeln Sie eine klare Kommunikationsstrategie. Wichtig ist, Entscheidungen zu treffen, die echten messbaren Einfluss haben, statt nur auf Bauchgefühl zu vertrauen. Das klingt jetzt nach viel, aber wenn man sich einmal die Mühe gemacht hat, diese Grundlagen zu klären, wird daraus – mit einer Prise Glück – ein erfolgreiches NPO.

Und zum Schluss: Drei Fragen & Antworten

Welches Buch haben Sie zum Thema Ehrenamt oder Engagement gelesen, das Sie nachhaltig beeindruckt hat?

Demon Copperhead von Barbara Kingsolver – Ein Blick in die amerikanische Gesellschaft. Mein Must-read des Jahres 2025.


Wenn Sie einen Wunsch für den gemeinnützigen Sektor frei hätten, welcher wäre das?

1.    Regulatorik, die die Externalisierung von Kosten unmöglich macht. So würden zivilgesellschaftliche „Geschäftsmodelle“ schlagartig marktfähig.

2.    Vorsteuerabzug für gemeinnützige Organisationen: Leistungen würden wieder 100% kosten und nicht 119%, bzw. 107%.

3.    Mehr Wertschätzung.


Was möchten Sie unseren Leser*innen mit auf den Weg geben? Was ist Ihr Credo?

Frei nach Pipi Langstrumpf: Der Sturm wird stärker. Wir auch.

Carola von Peinen

Tanja Ferkau

Gründerin

IMPCT gGmbH & SPORTS20 GmbH

Foto: SPORTS"=

Kommentare


bottom of page