Angelika Willigerod-Bauer im Gespräch mit Dr. Anna Punke-Dresen
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Wer steckt hinter dieser neuen Rubrik und was möchte sie für einen Mehrwert bieten?
Portraits über Menschen im gemeinnützigen Bereich findet man auch an anderer Stelle. Wir erinnern uns zum Beispiel an die „Köpfe“ in der Stiftungsbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mit dieser Rubrik „Mensch des Monats“ möchten wir Menschen hinter einer Führungsposition besser kennenlernen. Dafür hat Dr. Anna Punke-Dresen diese Rubrik ins Leben gerufen.
Anna Punke-Dresen ist selbst seit über 15 Jahren in diversen Funktionen und Kontexten sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich im gemeinnützigen Sektor unterwegs - unter anderem als stellvertretende Leiterin des Kreises Junge Menschen und Stiftungen, Community Lead für MentorMe, Vorständin von Hamburger mit Herz e.V. und seit 2023 Leitung Fundraising der Abteilung Engagement & Partnerschaften bei der Hamburger Kunsthalle in Doppelspitze.
Schreiben und gemeinnütziges Engagement sind die beiden Pfeiler, die ihren Werdegang prägen.
Mit dieser monatlichen Rubrik möchte sie einige spannende Personen aus ihrem Netzwerk in persönlichen Gesprächen fragen, wie und warum sie sich selbst im gemeinnützigen Bereich engagieren. Welche Ehrenämter werden zusätzlich zum Hauptamt gepflegt? Was treibt sie dazu an? Was bedeutet Engagement für sie und welche Learnings und Botschaften bringt das für sie mit?

Angelika Willigerod-Bauer ist Mitgründerin der kohero gGmbH. Sie studierte in Hamburg Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt internationales Recht und Völkerrecht und arbeitete nach dem 2. Staatsexamen u.a. für die Deutsche Bank in London. Seit ihrer Rückkehr nach Hamburg ist sie als Anwältin tätig. Sie ist in unterschiedlichen Bereichen ehrenamtlich engagiert gewesen und war kurz im Startup-Bereich aktiv. Sie hat 2016 „start with a friend“ gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen aufgebaut und ist seit der Gründung vor rund 20 Jahren für die Bürgerstiftung Hamburg bei „Guter Rat vor Ort“ als Anwältin ehrenamtlich tätig. An aktuell zehn Standorten in Hamburg erhalten bedürftige Menschen eine rechtliche Erstberatung. Vor zehn Jahren hat sie dann mit dem syrischen Journalisten Hussam AlZaher die heutige kohero gGmbH gegründet, eine mediale Plattform, auf der Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund ihre Perspektiven veröffentlichen.
Liebe Angelika, ich möchte in dieser Rubrik jedem*r Interviewpartner*in die gleiche Einstiegsfrage stellen: Wann und wo hast Du Dich zum allerersten Mal ehrenamtlich engagiert?
Für die „Stiftunglife“ habe ich 2014 ein Projekt in Äthiopien aufgebaut, bei dem Menschen, die am grauen Star erkrankt waren, mittels einer Operation wieder sehen konnten. Zweimal im Jahr war ich dann in Äthiopien und habe das Land und vor allem die Menschen dort sehr schätzen gelernt. Das war mein erstes ehrenamtliches Projekt mit Menschen aus einer anderen Kultur. Seit 2015 flüchteten immer mehr Menschen nach Deutschland, um den Kriegen, dem Klimawandel und der Verfolgung in ihren Herkunftsländern zu entgehen. Diesen Menschen wollte ich helfen, sie beim Ankommen in einer ihnen total fremden Kultur mit fremder Sprache unterstützen. In einer benachbarten Flüchtlingsunterkunft war ich mit anderen Ehrenamtlichen in einem Welcome Café regelmäßig tätig. Als mich einige Zeit später die Gründerin von „Start with a friend“ fragte, ob ich den Hamburger Standort aufbauen würde, habe ich sofort zugesagt. Gemeinsam mit weiteren Mitstreiter*innen haben wir vielen geflüchteten Menschen zu Freundschaften mit Hamburger*innen verholfen. Dabei habe ich wertvolle Menschen kennengelernt, mit denen ich teilweise noch heute befreundet bin.
2016 hast Du das heutige kohero Magazin mitgegründet. Wie seid ihr auf die Idee gekommen und wie seid ihr bei der Gründung vorgegangen, was waren die ersten Schritte?
Bei „Start with a friend“ lernte ich den syrischen Journalisten Hussam AlZaher kennen. In vielen Gesprächen wurde uns immer deutlicher, dass Geflüchtete keine mediale Plattform und Präsenz haben, die über ihre Perspektiven berichten. Ende 2016 gründeten Hussam Alzaher und ich mit Unterstützung von weiteren Ehrenamtlichen das „Flüchtling-Magazin“. Das Online-Magazin steht für multikulturellen Austausch und Verständigung. Mit Hilfe dieser Plattform soll ein Dialog auf Augenhöhe zwischen Geflüchteten und Deutschen entstehen. Geflüchtete schreiben über ihre Kultur, ihre Gedanken, ihre Träume, Erfolge, ihre Probleme, über Integration und ihre Erfahrungen in Deutschland. Die Texte werden von den Geflüchteten selbst verfasst und in deutscher Sprache veröffentlicht, denn sie sind an Deutsche und an deutsch sprechende Geflüchtete adressiert. Die Geflüchteten können so auch ihre Deutschkenntnisse verbessern, denn ein wesentlicher Bestandteil der Integration ist die Sprache. Die geflüchteten Menschen bekommen Gesichter, können erzählen, mitteilen, wie und warum sie nach Deutschland gekommen sind, wie es in ihren Herkunftsländern war, was sie bei ihrer Ankunft in Deutschland erlebt haben. Durch diese Berichte sollen Brücken zwischen den unterschiedlichen Kulturen auf- und Vorurteile abgebaut werden.
Wir veröffentlichten zunächst alles online. Im Team waren Autor*innen, Journalist*innen, Fotograf*innen, Grafiker*innen, Künstler*innen: Gelebte Integration durch ein internationales Team, das unter dem Motto arbeitet: Wir hören zu und wollen miteinander reden und diskutieren. Konstruktiv und sehr demokratisch bauten wir eine Struktur auf, waren oftmals auch spontan und mussten improvisieren.Uns einte aber unsere Mission: Ihr habt eine Stimme! Gegenseitig das Fremde zu etwas Vertrautem machen. Von Menschen, mit Menschen, für Menschen!
Ich bin sehr glücklich und stolz, dass ich Teil dieser Gründungsgeschichte bin und dankbar dafür, dass ich die Energie dieser Anfangstage miterleben durfte und dass kohero nach fast 10 Jahren noch immer besteht.
Wie hat sich das Kohero Magazin im Laufe der Zeit entwickelt? Was habt ihr bis heute geschafft?
Anfang 2018 konnte mit Hilfe der ZEIT-Stiftung die erste gedruckte Ausgabe des „Flüchtling Magazins“ mit einer Auflage von 5.000 Exemplaren erscheinen und kostenlos verteilt werden. Denn wir wollten nicht nur online aktiv sein, sondern auch crossmedial auftreten, um so noch mehr Menschen zu erreichen. Podcasts zu den Themen Flucht und Migration wurden produziert. Allmählich wurde kohero sichtbarer, in anderen Medien erwähnt und gewann immer mehr Aufmerksamkeit. Wir entwickelten 2019 das „Schreibtandem“, ein Projekt, in dem deutschsprachige Menschen gemeinsam mit Menschen mit Flucht-/Migrationshintergrund im Tandem schreiben. Dieses Projekt wird seit Beginn finanziell von der Bürgerstiftung Hamburg gefördert.
Wir gingen dazu über, zweimal im Jahr ein monothematisches Magazin zu produzieren, neben den fast täglich erscheinenden online Artikeln. 2020 wurde dann der Name nach langen Diskussionen von „Flüchtling Magazin“ in „kohero“ (das bedeutet in Esperanto Zusammenhalt) geändert. Viele Geflüchtete, die für uns schrieben, sahen sich nicht mehr als Flüchtlinge an, sondern fühlten sich in Deutschland angekommen. Die kohero gGmbH wurde gegründet – bis dahin waren wir das Projekt eines Vereins. Es wurde ein Mitgliedschaftsmodell entwickelt, um so eine stabilere Finanzierung zu erreichen, neben Spenden und Fördergeldern. Endlich konnten den Autor*innen kleine Honorare gezahlt werden, drei Teilzeitkräfte und migrantische Praktikant*innen wurden eingestellt. Mit regelmäßigen Begegnungsformaten wie Lesungen von migrantischen Autor*innen, Bücherabenden, auf denen migrantische Literatur vorgestellt wird, den sehr beliebten Falafelparties und Workshops wird die Community stetig vergrößert. Es entstand ein Online Shop, in dem neben den Magazinen migrantische Literatur angeboten wird. Mit dem ersten Migrantischen Kalender 2024, in dem viele internationale Feier- und Gedenktage festgehalten und illustriert sind, konnten wir ein in Deutschland neues Produkt anbieten. Rund 200 Autor*innen schreiben oder haben bereits für kohero geschrieben. 2025 wurde die Struktur in der Redaktion geändert: es werden regelmäßig Newsletter zu verschiedenen migrantischen Themen an Abonnent*innen versandt („Migrantisch gelesen“, „Migrationsnews“, „Syrienupdate“, „Nelken und Nostalgie“ , „kohero Newsletter“). Wir veröffentlichen Schwerpunktthemen (z.B. Bezahlkarte für Flüchtlinge, queere Flüchtlinge, Palästinensische Stimmen in Deutschland), die besonders intensiv recherchiert werden. Alle Inhalte sind bei kohero kostenlos abrufbar. Trotz der manchmal sehr angestrengten finanziellen Situation konnten wir unsere Community stetig vergrößern. Aber wir werden von vielen wahrgenommen und handeln nach dem Motto unserer 13. Printausgabe: „Wir wollen es schaffen“.
Was sind die wichtigsten Learnings? Hast Du Downlights und Highlights, die Du mit unseren Leser*innen teilen möchten?
Neben sämtlichen kaufmännischen und administrativen Aufgaben bin ich seit Anfang an für das Fundraising zuständig. Hier habe ich im Laufe der Jahre gemerkt, dass zunehmend die Bereitschaft in der Bevölkerung und der Politik zurückgeht, Flüchtlingsarbeit zu unterstützen. Es fehlen Förderzusagen, andere Projekte und Initiativen aus der Zivilgesellschaft mussten bereits aufgeben. Wir haben es bisher trotz allem geschafft, weiterzumachen, wenn auch zeitweilig mit massiven Einsparungen, aber es war schon herausfordernd.
Im redaktionellen Bereich ist es immer wieder wichtig gewesen, sich neu zu positionieren, neue Strukturen aufzubauen, Veränderungen zu verwirklichen und sich auf die Kernaufgaben zu konzentrieren. Wir haben es auch hier bisher gemeinsam geschafft.
Aber immer war es wunderbar, einen berührenden Artikel zu lesen, eine neue Printausgabe in den Händen zu halten, einen neuen Podcast zu hören oder zu sehen, dass Teammitglieder kohero erfolgreich als „Startrampe“ für einen Berufseinstieg genutzt haben und mitzuerleben, wie in den Schreibtandems Menschen sich öffnen, anfangen aus ihrem Leben zu erzählen und damit wieder ein bisschen besser ankommen.
Wie finanziert sich eure gGmbH, welche Netzwerke und Kontakte waren und sind für Euch hilfreich, um die gemeinnützige Arbeit umsetzen zu können?
Von Anfang an sind Spenden und Fördergelder zu 70% die Einnahmequelle von kohero. Wobei die Förderzusagen sehr zurückgegangen sind, gerade in den letzten beiden Jahren. Wir haben glücklicherweise drei großzügige private Spender, die uns sehr unterstützen. Mit der 2024 geschaffenen Mitgliedschaft und dem Online Shop haben wir weitere Möglichkeiten für Einnahmen geschaffen, die aber noch wachsen könnten. Wir sind dankbar für jede neue Mitgliedschaft! Die Bürgerstiftung Hamburg begleitet unser Schreibtandem-Projekt seit Anbeginn mit einer jährlichen Förderung, dazu kommen die ZEIT-Stiftung sowie die Postcode Lotterie mit regelmäßigen finanziellen Unterstützungen. Kontakte zu anderen kleineren Medien, Kooperationspartner*innen (Körberhaus, Haus des Engagements, Der Paritätische, Museum der Arbeit Hamburg u.a.) haben uns gestärkt. Wir haben immer wieder gemerkt, dass es sehr wichtig ist, Netzwerke aufzubauen. Nur gemeinsam können wir es schaffen.
Was treibt Dich für Dein persönliches Engagement an?
kohero hat seit rund 10 Jahren ohne große Förderungen „überlebt“ und wir sind trotzdem gewachsen, werden immer mehr wahrgenommen. Wir empowern Menschen, ihre Perspektiven mitzuteilen und geben ihnen so Selbstbewusstsein. Es macht mich glücklich und gibt mir Hoffnung, so weiterzumachen, dass kohero auch einen Beitrag zu besserer Integration, besserem gegenseitigen Verständnis und dazu beiträgt und ein kleines bisschen den derzeitigen Herausforderungen, vor denen unsere freiheitlich demokratische Gesellschaft steht, etwas entgegenzusetzen.
Und zum Schluss: Drei Fragen & Antworten
Welches Buch hast Du zum Thema Ehrenamt oder Engagement gelesen, das Dich nachhaltig beeindruckt hat?
Dieses Buch hat mich aktuell sehr beschäftigt, zwar nicht im Bereich Fundraising, aber zu einem anderen wichtigen Thema heutzutage, dem Zuhören: Bernhard Pörksen „Zuhören, die Kunst sich der Welt zu öffnen.“
Offen sein, vor allem den leisen Tönen nachlauschen, Menschen wahrnehmen: Das ist hier die zentrale Botschaft. Das Zuhören fällt immer schwerer, unsere Aufmerksamkeit wird hart umkämpft. Aufmerksamkeit ist aber so wichtig, ohne sie gibt es kein Mitgefühl, keine Nächstenliebe, keine Liebe.
Wenn Du einen Wunsch für den gemeinnützigen Sektor frei hättest, welcher wäre das?
Weniger Bürokratie! Die Förderung gemeinnützigen Engagements sollte mit weniger administrativem Aufwand möglich werden und mehr Wertschätzung von staatlicher Seite für das Ehrenamt wäre wünschenswert.
Was möchtest Du unseren Leser*innen mit auf den Weg geben? Was ist Dein Credo?
Trotz der vielen aktuellen Herausforderungen nicht die Zuversicht und den Mut verlieren, für etwas einzustehen, zu kämpfen, etwas zu unterstützen, an das man glaubt. Auch ein kleiner Wassertropfen kann zu einem reißenden Fluss werden, wenn viele Wassertropfen zusammenkommen…

Angelika Willigerod-Bauer
Mitgründerin
kohero gGmbH
Foto: Amad Hamed






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