Marina Weisband im Gespräch mit Dr. Anna Punke-Dresen
Wer steckt hinter dieser neuen Rubrik und was möchte sie für einen Mehrwert bieten?
Portraits über Menschen im gemeinnützigen Bereich findet man auch an anderer Stelle. Wir erinnern uns zum Beispiel an die „Köpfe“ in der Stiftungsbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mit dieser Rubrik „Mensch des Monats“ möchten wir Menschen hinter einer Führungsposition besser kennenlernen. Dafür hat Dr. Anna Punke-Dresen diese Rubrik ins Leben gerufen.
Anna Punke-Dresen ist selbst seit über 15 Jahren in diversen Funktionen und Kontexten sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich im gemeinnützigen Sektor unterwegs - unter anderem als Vorständin von Hamburger mit Herz e.V. und seit 2023 Leitung Fundraising der Abteilung Engagement & Partnerschaften bei der Hamburger Kunsthalle in Doppelspitze.
Schreiben und gemeinnütziges Engagement sind die beiden Pfeiler, die ihren Werdegang prägen.
Mit dieser monatlichen Rubrik möchte sie einige spannende Personen aus ihrem Netzwerk in persönlichen Gesprächen fragen, wie und warum sie sich selbst im gemeinnützigen Bereich engagieren. Welche Ehrenämter werden zusätzlich zum Hauptamt gepflegt? Was treibt sie dazu an? Was bedeutet Engagement für sie und welche Learnings und Botschaften bringt das für sie mit?

Marina Weisband, geboren 1987 in der Ukraine, ist Expertin für digitale Partizipation und Bildung. Von 2011 bis 2012 war sie politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland. Heute ist sie weiter politisch aktiv: Sie engagiert sich bei den Grünen in den Themenbereichen Digitalisierung und Bildung und kämpft für Kinderrechte. 2020-2022 war sie Co-Vorsitzende des Digitalisierungsvereins D64 e.V.
Hauptberuflich gestaltet sie seit 2014 das Projekt aula - inzwischen aula gGmbH - ein Konzept zur politischen Bildung und liquid-demokratischen Beteiligung von Jugendlichen an den Regeln und Angelegenheiten ihrer Schulen und außerschulischen Organisationen. Darüberhinaus hat sie eine monatliche Kolumne beim Deutschlandfunk und berät Unternehmen und Filmschaffende zu verschiedenen Aspekten von digitalem Wandel und Demokratie, aber auch zu Fragen der Diversität und Beteiligung.
Liebe Marina Weisband, ich möchte in dieser Rubrik jedem*r Interviewpartner*in die gleiche Einstiegsfrage stellen: Wann und wo haben Sie sich zum allerersten Mal ehrenamtlich engagiert? Wie kamen Sie dazu und was war Ihre Motivation dahinter?
Mein erstes Engagement war während meines Studiums beim Wuppertaler Elternverein 3x3 e.V.. Eine Bekannte der Familie vernetzte dort immigrierte Eltern mit deutschen Schüler*innen, damit die sich gegenseitig Nachhilfe geben konnten: die Eltern gaben Nachhilfe in Physik und Mathematik und lernten im Gegenzug von den Schüler*innen deutsch. Das gab allen Selbstwirksamkeit, alle konnten mit ihren Stärken helfen und niemand war Bittsteller. Das hat mich inspiriert.
Sie haben sich bereits in jungen Jahren politisch engagiert, zunächst in der Piratenpartei, später bei Bündnis 90/Die Grünen. Was waren Ihre Beweggründe dafür und welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer politischen Karriere bislang gemacht?
An dem Morgen, als ich in die Piratenpartei eintrat, wusste ich noch gar nicht, dass ich eintreten würde. Ich habe erstmals in meinem Leben gewählt und war so überwältigt von dem Vertrauen, das der Staat mir hier entgegen brachte, dass ich mich dessen als Würdig erweisen musste. Also trat ich am gleichen Tag in die Partei ein, damit sie in meinem Namen auch keinen Unfug anstellt. Ich habe gelernt, dass es in Deutschland in Wirklichkeit sehr einfach ist, sich politisch einzubringen. Viel einfacher, als man es sich vorstellt. Aber je höher man kommt, desto enger ist das Korsett der Dinge, die man tatsächlich direkt beeinflussen kann. Ich fühle jetzt in der Arbeit mit Schulen mehr Selbstwirksamkeit, als ich in der Parteispitze gefühlt habe. Ich glaube, das beste Betätigungsfeld ist immer lokal, oder das eine Thema, für das das eigene Herz brennt. Da gibt es so viele Möglichkeiten, auf die Gesellschaft und die Politik einzuwirken. Ich habe nie bereut, auch nur eine von ihnen genutzt zu haben.
Sie sind Mitgründerin von aula, einem digital gestützten Beteiligungskonzept, das Selbstwirksamkeit und Mitbestimmung von Schüler*innen fördert. Können Sie unseren Leser*innen kurz erzählen, welche Ziele Sie damit verfolgen? Und was haben Sie seit der Gründung geschafft?
Ich habe in meinem Engagement früh verstanden, dass man Demokratie nicht nur wollen muss, sondern auch können. Ich war von der Schule überhaupt nicht auf eine Rolle als demokratisch handelnde Person vorbereitet. Ich hätte mir viel früher die Erfahrung gewünscht, wie einfach es ist, durch eigenes Handeln sein Lebensumfeld zu verändern. Ich wollte mit aula allen Schüler*innen in ganz normalen Regelschulen diese Erfahrung möglich machen, ohne gleich alles auf den Kopf zu stellen. Wir bieten ein Konzept an, bei dem alle an einer Schule lebenden und arbeitenden Leute einen Zugang zu einer Plattform haben, auf der sie eigene Ideen beschreiben, argumentieren, ausarbeiten, verbessern und zu Projektplänen machen können. Sie werden im Unterricht begleitend besprochen, wir lernen das Identifizieren von Bedürfnissen, das Schließen von Kompromissen, das Argumentieren und Projektplanung. Und zuletzt dürfen alle darüber abstimmen und die Abstimmung ist verbindlich. Das heißt, es gibt einen Vertrag, der genau regelt, was die Schülerschaft entscheiden darf und was nicht. Zum Beispiel darf kein Personal gefeuert werden, aber die Hausordnung darf verändert werden. Wir arbeiten jetzt seit zehn Jahren an über 90 Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz (von denen wir wissen). Unsere Evaluationen zeigen, dass die Selbstwirksamkeit der Schüler tatsächlich steigt, aber auch demokratische Kompetenzen und sozialer Zusammenhalt. Immer wieder sind Eltern und Lehrer*innen selbst überrascht, wie vernünftig, umsichtig und klug die Kinder Entscheidungen treffen. Und die Schule selbst verändert sich. Von einem Ort, der besucht oder konsumiert wird, zu einem gemeinsamen Ort, der gestaltet wird und der den Lernenden und Arbeitenden gehört. Dieses Gefühl prägt das Rollenbild für das ganze Leben.
Sie sind als Rednerin und Expertin für demokratische Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt aktiv – welche Themen beschäftigen Sie in diesen Feldern zurzeit am meisten?
Wie viele andere Menschen beschäftigt mich derzeit der Zustand der Demokratien weltweit und speziell in Deutschland. Ich sehe eine klare Kriegsführung gegen Demokratien durch Staaten, einzelne Milliardäre und extreme Gruppen. Ich sehe aber auch eine Sackgasse im System selbst, das so lange gut funktioniert hat, wie Wirtstaft ständig gewachsen ist. Aber viel von diesem Wachstum war auf Pump. Und wir haben auf diesem Weg viel Zwischenmenschliches verloren. Medien halten uns täglich das Negativste und Radikalste der Welt vor Augen und nationale Regierungen sind etwas hilflos im Angesicht internationaler Finanzmärkte, internationaler Digitalisierung und einer internationalen Klimakatastrophe. Ich glaube, wir sind auf dem Weg zu neuen Strukturen. Aber sie sind noch nicht da. Ich will helfen, sie zu gestalten. Und ich glaube, gerade hier ist Partizipation nicht nur möglich, sondern absolut notwendig. Nur alle Menschen zusammen haben so viel notwendige Expertise, dass wir die sehr komplexen Probleme unserer Zeit nutzen können. Es konnte selten so viel gestaltet werden, wie jetzt. Meine Arbeit ist, Menschen dazu zu ermutigen.
Welche Netzwerke sind für Ihre Wirkungsbereiche aktuell wichtig und interessant?
Ich arbeite derzeit viel mit NGOs und Stiftungen zusammen, aber auch mit Medien, besonders mit konstruktivem Journalismus. Der gesamte Bereich der Bildung und Sozialarbeit ist derzeit extrem gefordert. Und natürlich Hacktivisten und Digitalos. Ich kann tatsächlich gar nicht aufzählen, wer für meine Arbeit gerade wichtig ist, weil es praktisch per Definition alle sind. Darin liegt eigentlich auch meine Lieblingsarbeit: im Übersetzen. Ich möchte Schüler*innen und Politik zusammenbringen. Hacker und Senioren. Sozialarbeiter*innen und Unternehmen. In einer neuen Zeit brauchen wir neue Allianzen. Und ich habe schon für meine Mutter russisch-deutsch übersetzt, als ich noch ein kleines Mädchen war. Ich genieße die Sprache verschiedener Bereiche zu sprechen und sie zu verbinden, wenn sie ein gemeinsames Ziel finden.
Und zum Schluss: Drei Fragen & Antworten
Welches Buch haben Sie zum Thema Ehrenamt oder Engagement gelesen, das Sie nachhaltig beeindruckt hat?
Radikal Emotional von Maren Urner
Wenn Sie einen Wunsch für den gemeinnützigen Sektor frei hätten welcher wäre das?
Dass wir gute Dinge tun und im Zweifel lieber nachher um Vergebung bitten als vorher um Erlaubnis.
Was möchtest Du unseren Leser*innen mit auf den Weg geben? Was ist Dein Credo?
Ich finde, was für mich wichtig ist im Leben und dann frage ich mich, wie ich handeln würde, wenn es mir wirklich darauf ankäme, es umzusetzen. Und dann handle ich so.

Marina Weisband
Gründerin
aula
Foto: Marina Weisband




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