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Rupert Graf Strachwitz im Gespräch mit Dr. Anna Punke-Dresen

  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Wer steckt hinter dieser neuen Rubrik und was möchte sie für einen Mehrwert bieten?

Portraits über Menschen im gemeinnützigen Bereich findet man auch an anderer Stelle. Wir erinnern uns zum Beispiel an die „Köpfe“ in der Stiftungsbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mit dieser Rubrik „Mensch des Monats“ möchten wir Menschen hinter einer Führungsposition besser kennenlernen. Dafür hat Dr. Anna Punke-Dresen diese Rubrik ins Leben gerufen.


Anna Punke-Dresen ist selbst seit über 15 Jahren in diversen Funktionen und Kontexten sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich im gemeinnützigen Sektor unterwegs - unter anderem als stellvertretende Leiterin des Kreises Junge Menschen und Stiftungen, Community Lead für MentorMe, Vorständin von Hamburger mit Herz e.V. und seit 2023 Leitung Fundraising der Abteilung Engagement & Partnerschaften bei der Hamburger Kunsthalle in Doppelspitze.


Schreiben und gemeinnütziges Engagement sind die beiden Pfeiler, die ihren Werdegang prägen.

Mit dieser monatlichen Rubrik möchte sie einige spannende Personen aus ihrem Netzwerk in persönlichen Gesprächen fragen, wie und warum sie sich selbst im gemeinnützigen Bereich engagieren. Welche Ehrenämter werden zusätzlich zum Hauptamt gepflegt? Was treibt sie dazu an? Was bedeutet Engagement für sie und welche Learnings und Botschaften bringt das für sie mit?

Carola von Peinen
Rupert Graf Strachwitz ist dem Maecenata Institut und der Stiftung bis heute eng verbunden. Fotos: Maecenata

Rupert Graf Strachwitz ist ein deutscher Politikwissenschaftler und Historiker und im Bereich Zivilgesellschaft und Stiftungswesen tätig. 1987 begann er mit der Beratungstätigkeit für Stiftungen und andere gemeinnützige Organisationen. 1989 gründete er die Maecenata Management GmbH, als spezialisierte Dienstleistungs- und Beratungsgesellschaft für diesen Bereich. Von 1997 bis 2023 war er Direktor des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft, seit 2010 ist er im Vorstand der Maecenata Stiftung. Er lehrt seit Jahrzehnten an mehreren Hochschulen und hat vielfach Artikel zum Themenbereich Zivilgesellschaft, Bürgerschaftliches En-gagement, Philanthropie, Stiftungswesen sowie zu europäischen Themen publiziert. Darüber hinaus war und ist er Mitglied zahlreicher Kommissionen, Beiräte und in Stiftungsräten und -vorständen im In- und Ausland.

Lieber Herr Strachwitz, ich möchte in dieser Rubrik jedem*r Interviewpartner*in die gleiche Einstiegsfrage stellen: Wann und wo haben Sie sich zum allerersten Mal ehrenamtlich engagiert?


Über Freunde kam ich als Student zu einer Gruppe, die zum Malteser-Hilfsdienst gehörte und Sonntagsdienst in einer Behinderteneinrichtung leistete. Ich war damals froh, diese Gruppe gefunden zu haben, denn von zu Hause, vor allem von meiner Mutter waren meine Schwester und ich so geprägt, daß so ein Engagement einfach zum Leben dazu gehört. Dass das später mal mein Beruf werden würde, ahnte ich damals noch nicht.


Sie haben 2010 die Maecenata Stiftung gegründet. Was waren Ihre Beweggründe dafür und welche Schritte hat es für eine Gründung gebraucht?


Die Stiftung war eigentlich der Schlusspunkt einer langen Entwicklung. Nachdem ich lange haupt- und ehrenamtlich für die Malteser, eine große internationale humanitäre  Organisation gearbeitet hatte, hatte ich Lust, mich selbständig zu machen und gründete die Maecenata Management GmbH. Durch ein Mandat, die Erstellung eines Verzeichnisses der deutschen Stiftungen, was es noch nie gegeben hatte, kam ich 1990 mit einem großen internationalen Forschungsprojekt, dem Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project, in Berührung und fand darüber den Weg zurück zur Wissenschaft. Daraus entstand 1997 das Maecenata Institut als selbständige außeruniversitäre Forschungseinrichtung. 2010 war die Zeit gekommen, die Maecenata Management zu verkaufen und die gemeinnützigen Tätigkeiten, zu denen seit 2001 auch der deutsche Teil des Netzwerks Transnational Giving Europe gehörte, neu zu strukturieren. Die Gründung der Stiftung war also nicht so sehr ein philanthropischer Akt, sondern eher den Versuch, einen mittelfristig stabilen Rechtsträger für das Institut und das Transnational-Giving-Programm zu schaffen. Inzwischen sind zwei weitere Programme dazugekommen.


Wie haben Sie die Entwicklungen des Maecenata Instituts der letzten Jahre miterlebt und welche Themen beschäftigen das Institut zurzeit?

 

Das Maecenata Institut entwickelte sich nach seiner Gründung zunächst sehr gut. Wir wurden aus den USA und aus Deutschland gefördert und konnten viel machen. Die Zeit war auch günstig. Die Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements „des Bundestags, der ich als sogenanntes sachverständiges Mitglied angehörte, sorgte für eine deutlich gestiegene öffentliche Aufmerksamkeit für dieses Themenfeld. Gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung organisierten wir eine Expertenkommission zur Reform des Stiftungs- und Gemeinnützigkeitsrechts. Aber nach einigen Jahren flaute das öffentliche Interesse aus verschiedenen Gründen merklich ab. Außerdem verbreitete sich bei den großen Förderstiftungen eine große Skepsis gegenüber einer kritischen Stiftungsforschung. Das führte bei uns ab 2005 zu einem großen Einbruch, von dem wir uns erst ab 2014 wieder erholen konnten, als ein neuer Förderer uns tatkräftig unterstützte.

 

Heute beschäftigen sich das Maecenata Institut ebenso wie das Policy- und Kommunikationsprogramm der Stiftung, das Tocqueville Forum, und ihr Middle East and North Africa (MENA) Study Centre vor allem mit dem sich verengenden bürgerschaftlichen Raum (shrinking civic space) in Deutschland und international, mit der konstruktiven Zurückweisung der pauschalen Angriffe auf die Zivilgesellschaft ("NGO-Bashing") und mit Versöhnungsstrategien bei unseren Nachbarn im Südosten. Daneben spielen für einige Kolleginnen feministische Themen eine wichtige Rolle. Dauerthema bleibt das komplizierte Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Staat. Immer stärker ins Blickfeld rücken die Probleme der Erosion der Demokratie und die Rolle der Zivilgesellschaft in Sicherheitsstrategien.

 

Ich selber beschäftige mich zudem nach wie vor mit dem Stiftungswesen und beteilige mich gerade an einem großen internationalen Projekt zur historischen Stiftungsforschung.

 

Welche aktuellen Debatten rund um Zivilgesellschaft haben Sie auf den jüngsten Veranstaltungen und Kongressen in Berlin oder im europäischen Rahmenbeobachtet? Worüber spricht die Zivilgesellschaft in diesem Sommer?

 

Das Demokratiethema, besser gesagt die Verteidigung der Grundfreiheiten, die in der UN-Menschenrechtscharta, der europäischen Menschenrechtskonvention und zahlreichen anderen Dokumenten niedergelegt sind (Menschen- und Bürgerrechte, Herrschaft des Rechts, Demokratie und kulturelle Traditionen) wird immer mehr zum zentralen Thema. Hier kommen auf die Zivilgesellschaft zentrale Aufgaben zu, denen sie sich prioritär widmen muss. Dies wird auch von ihren Akteuren zunehmend erkannt. Das wollen wir forschend begleiten.

 

Ein ganz wichtiges Thema bleibt aber die nach wie vor defizitäre Zivilgesellschaftsforschung in Deutschland. Wir brauchen dringend ein gut und stabil finanziertes Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung.


Welche Netzwerke sind für Ihre Wirkungsbereiche aktuell wichtig und interessant?

 

Da wir uns im Kern als Wissenschaftler verstehen, ist das Maecenata Institut seit ihrer Gründung aktives Mitglied der internationalen Wissenschaftlervereinigung ISTR (International Society for Third Sector Research). Nicht zuletzt wegen unserer europäischen Ausrichtung, aber auch als deutscher Partner im Netzwerk Transnational Giving Europe (kürzlich umbenannt in Giving Europe Network) waren wir schon lange Mitglied im European Foundation Centre, aus dem vor einigen Jahren durch Fusion PHILEA (Philanthropy Europe Association) geworden ist. Erst seit kurzem sind wir auch Mitglied von ERNOP (European Research Network on Philanthropy). In Deutschland gehören wir zu den Gründungsmitgliedern des BBE (Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement) und seit einigen Jahren auch des Bundesverbands Deutscher Stiftungen.  Außerdem wirken wir in der Allianz Rechtssicherheit für politische Willensbildung mit. Schließlich vertrete ich die Stiftung u.a. im Bündnis für Gemeinnützigkeit, dem Netzwerk der Dachverbände der Zivilgesellschaft, und im Trägerkreis der ITZ (Initiative Transparente Zivilgesellschaft).


Was raten Sie Vertreter*innen von zivilgesellschaftlichen Organisationen aktuell im Spannungsfeld der Multikrisen, in denen wir uns alle bewegen und handeln?

  

1. Nicht so viel über sich selber reden, sondern die Themen in den Vordergrund stellen!

2. Zwischen der Vertretung von Gemeinwohlinteressen und der (durchaus legitimen) Vertretung von Eigeninteressen trennen!

3. Die größeren Zusammenhänge wie die Erosion der Demokratie, die geopolitischenVerschiebungen und die Situation der öffentlichen Haushalte in den Blick nehmen!

Und zum Schluss: Drei Fragen & Antworten

Welches Buch haben Sie zum Thema Ehrenamt oder Engagement gelesen, das Sie nachhaltig beeindruckt hat?

Anne Applebaum: Autocracy Inc. (deutsch: Die Achse der Autokraten)


Wenn Sie einen Wunsch für den gemeinnützigen Sektor frei hätten, welcher wäre das?

Nichts über uns ohne uns! ( Anm. d. Red: Rupert Graf Strachwitz greift mit diesem Leitsatz ein zentrales Prinzip von Teilhabe und Zivilgesellschaft auf) Das gilt auch bei komplexen Fragestellungen wie Sicherheitsstrategie, Gemeinnützigkeitsrecht oder Demokratieförderung.


Was möchten Sie unseren Leser*innen mit auf den Weg geben? Was ist Ihr Credo?

Ohne aktive, unabhängige Zivilgesellschaft keine Demokratie - ohne Demokratie kein freies, unabhängiges und einiges Europa - ohne einiges Europa...???

Carola von Peinen

Rupert Graf Strachwitz

Gründer

Maecenata

Foto: Strachwitz

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