Gesa Gräfin von Schwerin im Gespräch mit Dr. Anna Punke-Dresen
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Wer steckt hinter dieser neuen Rubrik und was möchte sie für einen Mehrwert bieten?
Portraits über Menschen im gemeinnützigen Bereich findet man auch an anderer Stelle. Wir erinnern uns zum Beispiel an die „Köpfe“ in der Stiftungsbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mit dieser Rubrik „Mensch des Monats“ möchten wir Menschen hinter einer Führungsposition besser kennenlernen. Dafür hat Dr. Anna Punke-Dresen diese Rubrik ins Leben gerufen.
Anna Punke-Dresen ist selbst seit über 15 Jahren in diversen Funktionen und Kontexten sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich im gemeinnützigen Sektor unterwegs - unter anderem als stellvertretende Leiterin des Kreises Junge Menschen und Stiftungen, Community Lead für MentorMe, Vorständin von Hamburger mit Herz e.V. und seit 2023 Leitung Fundraising der Abteilung Engagement & Partnerschaften bei der Hamburger Kunsthalle in Doppelspitze.
Schreiben und gemeinnütziges Engagement sind die beiden Pfeiler, die ihren Werdegang prägen.
Mit dieser monatlichen Rubrik möchte sie einige spannende Personen aus ihrem Netzwerk in persönlichen Gesprächen fragen, wie und warum sie sich selbst im gemeinnützigen Bereich engagieren. Welche Ehrenämter werden zusätzlich zum Hauptamt gepflegt? Was treibt sie dazu an? Was bedeutet Engagement für sie und welche Learnings und Botschaften bringt das für sie mit?

Gesa Gräfin v. Schwerin ist selbstständige Rechtsanwältin und daneben Gründerin und Gesellschafterin des Sozialunternehmens Law4school GmbH. Seit fast 20 Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema „Digitale Gewalt“ verübt von und gegenüber jungen Menschen.
2014 gründete sie den gemeinnützigen Verein Prävention 2.0 e.V., der ihr Projekt Law4school betreute und auch eine jährliche Bundeskonferenz für ausgebildete Medienscouts ausrichtete. 2011 wurde sie für ihr ehrenamtliches Engagement mit dem Landespräventionspreis Mecklenburg-Vorpommern und 2018 mit dem EMOTION Award in der Kategorie „Soziale Werte“ ausgezeichnet.
2023 gründete sie die Law4school GmbH, deren Ziel es ist, an Schulen deutschlandweit die Selbstwirksamkeit und Resilienz junger Menschen bei Verletzungen im digitalen Raum zu stärken.
Liebe Gesa, ich möchte in dieser Rubrik jedem*r Interviewpartner*in die gleiche Einstiegsfrage stellen: Wann und wo hast Du Dich zum allerersten Mal ehrenamtlich engagiert?
2007 wurde ich mit einem Fall von Cybermobbing mandatiert – damals ging es noch um Schüler.VZ. Nachdem ich den betroffenen Kindern anwaltlich geholfen hatte, bat die Schule der Kinder mich, mit den Schülern der 6. und 7. Klassen zum Thema „Recht im Internet“ zu arbeiten. Denn man hatte das Gefühl, dass diese gar nicht wissen, welche Regeln im Internet gelten. Aus diesen ersten Vorträgen in den Klassen, einem Elternabend und einer Lehrkräftefortbildung entwickelte sich eine ehrenamtliche Vortragstätigkeit von Rostock ausgehend in ganz Mecklenburg-Vorpommern mit jährlich rund 100 Vorträgen. Für mich war klar: Wenn wir jetzt nichts tun, wächst da eine Generation heran, die es als normal erachtet, so miteinander umzugehen. Da ich selbst Kinder habe, die damals 7 und 2 Jahre alt waren, wollte ich die Anwälte in alle Schulen in Mecklenburg-Vorpommern schicken, um alle jungen Menschen zu erreichen. Leider gab es dafür keine Gelder. Also versuchte ich wenigstens über mein Engagement einen kleinen Beitrag zu leisten.
Seit 2013 bietest Du Webinare zum Thema Cybermobbing mit dem Projekt „Law4school“ an. Zwischen 2014 und 2024 konntest Du damit in rund 2.000 Webinaren bereits rund 300.000 Teilnehmer erreichen. 2023 hast Du dann die Law4school GmbH gegründet. Was war damals die Initialzündung und wie kam es 2023 zu der Gründung?
Während ich von 2007 bis 2012 die Vorträge in Präsenz in Schulen durchführte, störte mich immer, dass ich nur wenige Schüler in einer Klasse, ein paar Eltern oder ein Kollegium erreichte. Für mich waren und sind die rechtlichen Grundlagen, die ich vermittele, aber so wichtig, dass ich mit diesem Wissen in die Fläche kommen wollte. Eine Freundin gab mir 2012 den Tipp, Live-Webinare als Format zu wählen. Nachdem ich mich mit dem Format beschäftigt hatte, erkannte ich es als die perfekte Lösung, um deutschlandweit aufklären und sensibilisieren zu können. Allerdings: 2013 wusste noch niemand, insbesondere Schulen nicht, was ein Webinar ist. Schulen konnten sich nicht vorstellen, dass ich live online in die Klassenzimmer kommen kann. Daher musste ich jeder Schule, in der ich zuvor in Präsenz war, persönlich mit einem Techniktest vorführen, wie und dass ein Webinar auch in ihrer Schule funktioniert. Sobald diese technische Hemmschwelle beseitigt war, nutzten diese Schulen das Projekt regelmäßig. Und dann kam Corona: Jetzt musste ich nicht mehr erklären, wie es funktioniert. Ohne Marketing zu betreiben, sprach sich das Angebot schnell herum und seit Corona wurde ich mit Anfragen von Schulen nahezu überrannt. Da die Projektabwicklung bis 2022 über den kleinen gemeinnützigen Verein Prävention 2.0 e.V. lief, der mit diesem Ansturm aber überfordert war, entschloss ich mich, das Projekt mit der Law4school GmbH fortzuführen. Ich wollte die Abläufe für die Schulen vereinfachen und das Projekt auch noch weiterentwickeln. Neben einer Geschäftsleitungsassistentin stellte ich einen Sozialpädagogen ein, mit dem ich schon viele Jahre zum Thema zusammenarbeitete. Bei der Gründung kam mir zugute, dass ich als Anwältin mit der Gründung einer GmbH vertraut bin. Eine gute Steuerberatung zu finden, war dann noch eine Herausforderung.
Was sind die wichtigsten Learnings? Hast Du Downlights und Highlights, die Du mit unseren Leser*innen teilen möchtest?
Als nicht gemeinnütziges Sozialunternehmen gehört man in Deutschland nirgendwo richtig dazu: Im Wirtschaftssektor bist Du mit dem sozialen Ansatz ein Exot. Im sozialen Sektor wird Dir mit Skepsis begegnet, da Du ein Wirtschaftsunternehmen bist, das Gewinne erwirtschaftet.
Gemeinnützigkeit ist häufig das alleinige Eintrittsticket im Bildungsbereich. Daher hatte ich mich 2024 auch mit dem Gedanken getragen, die Gemeinnützigkeit zu beantragen. Die Satzungsänderung lag bereits beim Finanzamt. Aber dann wurde mir im Gespräch mit meinem Steuerberater, der auf Gemeinnützigkeitsrecht spezialisiert ist, klar, dass ich damit das Projekt Law4school - „mein Baby“ – quasi aus der Hand gebe. Bis dahin hatte ich mein Projekt nach meinen Vorstellungen entwickelt, ohne Mitsprache einer anderen Institution. Das sollte nun das Finanzamt werden, da ich ab dem Zeitpunkt der Erlangung der Gemeinnützigkeit alle Unternehmungen immer gedanklich vom Finanzamt als gemeinnützig hätte absegnen lassen müssen. Wahrscheinlich hätte das immer funktioniert, aber die Unsicherheit wollte ich nicht. Zudem baue ich mit diesem Unternehmen meine Altersvorsorge auf und will die Entscheidung über das weitere Wohl und Wehe des Unternehmens selbst treffen können.
Die Entscheidung gegen die Gemeinnützigkeit war auch keine einfache: Das bedeutet, dass ich Körperschaft-, Gewerbe- und Umsatzsteuer zahlen muss. Mit Blick darauf, dass sich das Unternehmen bislang auch ohne Fördergelder trägt und ich zwei Vollzeitmitarbeiter sowie einen Werksstudenten bezahlen kann, habe ich diesen erheblichen Nachteil aber in Kauf genommen, um mein eigener Herr zu bleiben.
Statt Förderanträge zu stellen und hinterher dokumentieren und abrechnen zu müssen, suche ich jetzt Unternehmen, die Schulpatenschaften übernehmen und Schulen die finanziellen Mittel bereitstellen, mit denen sie dann unsere Angebote nutzen können. Eine Win-win-Situation, da die Unternehmen zukünftige Mitarbeiter sowie Kinder ihrer aktuellen Mitarbeiter stärken und gleichzeitig soziales Engagement zeigen.
Highlights sind für mich die tollen Feedbacks aus den Schulen, die mir zeigen, dass unser Ziel, die jungen Menschen zu stärken, über unsere Angebote funktioniert. Wenn dann eine Zweitklässlerin, die mit ihrer Mutter an einem Webinar „Eltern mit Grundschulkindern“ teilgenommen hat und sich sehnlichst ein Smartphone zu Weihnachten wünschte, hinterher zu ihrer Mutter sagt: „Mama, es reicht, wenn ich mit 18 ein Smartphone bekomme!“, weiß ich, dass sie mich verstanden hat: Ein Smartphone ist kein Spielzeug, sondern bedeutet Risiken, Gefahren, Pflichten und Verantwortung.
Wie finanziert sich Deine Organisation, welche Netzwerke und Kontakte waren und sind für Dich hilfreich, um Deine Arbeit umsetzen zu können?
Tatsächlich finanziert sich mein Unternehmen schlicht durch den Verkauf unserer Angebote: 90minütige Live-Webinare für eine Klasse, Elternabend oder ein Kollegium für je 90,00 € und unsere Law4school-Plus-Lizenz für unser Streaming-Angebot, in dem ich in Video-Modulen die rechtlichen Aspekte altersangepasst erkläre.
Da ich in all den Jahren im Grunde kein Marketing betrieben habe, kommen Kunden über persönlichen Empfehlungen auf uns zu. Vorträge auf themenbezogenen Fachtagen haben daneben immer wieder neue Kontakte ergeben. So entstand z.B. eine Kooperation mit dem Bildungsministerium Rheinland-Pfalz, das Gutscheine für die Teilnahme von Schulklassen bei uns erwirbt. Auch der Kontakt zu den Landespräventionsräten Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg führte zu einer längerfristigen finanziellen Unterstützung der Schulen.
Wo stehst Du jetzt? Wie soll sich Law4school weiterentwickeln?
Da mein Wunsch, möglichst alle Schulen in Deutschland mit unseren Angeboten zu erreichen, nicht erreicht werden kann, wenn ich mich weiterhin allein um das operative Geschäft kümmere, suche ich eine Anwältin oder einen Anwalt, der mich in dem Bereich entlastet. Denn dann kann ich an Unternehmen, Unternehmerverbände u.a. herantreten und für Schulpatenschaften werben.
Gleichzeitig plane ich, alle Videos in unserem Streaming-Angebot mit KI und Lipsync in zahlreiche andere Sprachen zu übersetzen, um so auch die jungen Menschen und ihre Eltern zu erreichen, die noch nicht der deutschen Sprache mächtig sind. So erfahren auch sie frühzeitig, welche Rechte sie als Betroffene haben und welche Konsequenzen Tätern drohen.
Was würdest Du anderen Philanthropen bzw. Sozialunternehmern raten, die selbst ein Sozialunternehmen gründen möchten?
Wenn die Möglichkeit besteht, das Unternehmen ohne Inanspruchnahme von Fördergeldern, Stiftungsgeldern oder auch Spenden wirtschaftlich gesund zu führen, sollte man sich nicht davon abschrecken lassen, dass Steuerlasten entstehen. Denn erst wenn Gewinne erwirtschaftet werden, fallen diese Steuern an. Und Gewinne zu erwirtschaften, zeigt doch, dass das Unternehmen gesund ist und Zukunft hat!
Und zum Schluss: Drei Fragen & Antworten
Welches Buch hast Du zum Thema Ehrenamt oder Engagement gelesen, das Dich nachhaltig beeindruckt hat?
Tatsächlich fehlt mir die Zeit zum Lesen von Büchern, aber in der Neuen Zürcher Zeitung NZZ las ich einen Artikel mit dem Titel „Wer einen Sinn im Leben sieht, ist glücklicher, gesünder, lebt länger.“ Ob ich länger leben werde, weiß ich heute nicht, aber glücklicher und gesünder bin ich.
Wenn Du einen Wunsch für den gemeinnützigen Sektor frei hättest, welcher wäre das?
Ich wünsche mir mehr Verständnis dafür, dass ein Sozialunternehmen nicht zwingend gemeinnützig sein muss und dass Sozialunternehmer auch gründen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, ohne dass das ihr Engagement schmälert.
Was möchtest Du unseren Leser*innen mit auf den Weg geben? Was ist Dein Credo?
Wenn man für ein Thema brennt, sollte man es anpacken getreu dem Motto: „Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie an und handelt.“

Gesa Gräfin von Schwerin
Gründerin
Law4School gGmbH
Foto: Anne Domdey




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