Carolin Schnoeckel im Gespräch mit Dr. Anna Punke-Dresen
Wer steckt hinter dieser neuen Rubrik und was möchte sie für einen Mehrwert bieten?
Portraits über Menschen im gemeinnützigen Bereich findet man auch an anderer Stelle. Wir erinnern uns zum Beispiel an die „Köpfe“ in der Stiftungsbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mit dieser Rubrik „Mensch des Monats“ möchten wir Menschen hinter einer Führungsposition besser kennenlernen. Dafür hat Dr. Anna Punke-Dresen diese Rubrik ins Leben gerufen.
Anna Punke-Dresen ist selbst seit über 15 Jahren in diversen Funktionen und Kontexten sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich im gemeinnützigen Sektor unterwegs - unter anderem als Vorständin von Hamburger mit Herz e.V. und seit 2023 Leitung Fundraising der Abteilung Engagement & Partnerschaften bei der Hamburger Kunsthalle in Doppelspitze.
Schreiben und gemeinnütziges Engagement sind die beiden Pfeiler, die ihren Werdegang prägen.
Mit dieser monatlichen Rubrik möchte sie einige spannende Personen aus ihrem Netzwerk in persönlichen Gesprächen fragen, wie und warum sie sich selbst im gemeinnützigen Bereich engagieren. Welche Ehrenämter werden zusätzlich zum Hauptamt gepflegt? Was treibt sie dazu an? Was bedeutet Engagement für sie und welche Learnings und Botschaften bringt das für sie mit?

Carolin Schnoeckel ist 1993 in der Eifel geboren worden und dort aufgewachsen. Während ihrer Schulzeit hat sie ein Auslandsjahr in Florida verbracht und nach dem Abitur in Freiburg im Breisgau und in Hamburg Jura studiert.
Nach dem Studium hat sie sich bewusst die Frage gestellt, wie sie ihre juristische Ausbildung mit gesellschaftlichem Engagement verbinden und ihre berufliche Zukunft gestalten möchte. Deshalb hat sie an einer Zusatzausbildung zur Stiftungsberaterin teilgenommen und sich intensiv mit dem gemeinnützigen Sektor beschäftigt.
2023 hat sie schließlich gemeinsam mit ihrem Mann die Kindsein Stiftung gegründet und ist seitdem als operativer Vorstand tätig. Darüber hinaus ist sie seit 2025 Mitglied des Verwaltungsrats der Pestalozzi-Stiftung Hamburg und engagiert sich in der Zivilgesellschaft.
Liebe Frau Schnoeckel, ich möchte in dieser Rubrik jedem*r Interviewpartner*in die gleiche Einstiegsfrage stellen: Wann und wo haben Sie sich zum allerersten Mal ehrenamtlich engagiert?
Als Kind war ich bei den Pfadfindern in der Eifel. Dort haben wir als Gruppe immer wieder gemeinnützige Aktionen organisiert und Spenden oder Kleidung für Menschen gesammelt, die Unterstützung benötigen. Für mich stand aber damals gar nicht so sehr der Begriff „Ehrenamt“ im Vordergrund. Ich war mit meinen Freunden zusammen, wir hatten eine gute Zeit und haben gleichzeitig etwas Sinnvolles getan.
Während meines Studiums war ich dann nicht offiziell ehrenamtlich engagiert. Eine Begegnung aus dieser Zeit ist mir aber bis heute besonders im Gedächtnis geblieben. Vor dem Supermarkt in der Nähe meiner damaligen Wohnung lebte ein obdachloser Mann, dem ich regelmäßig etwas zu essen oder zu trinken mitbrachte. An Weihnachten schenkte er mir dann von seinem eigenen Geld einen Schoko-Nikolaus als Dankeschön. Das hat mich sehr berührt. Für mich war das ein besonderer Moment, der mir gezeigt hat, dass Großzügigkeit überhaupt nichts damit zu tun hat, wie viel ein Mensch besitzt.
Sie haben eine noch recht junge Stiftung mit dem Namen „Kindsein“ gegründet. Können Sie unseren Leser*innen kurz erzählen, was sich dahinter verbirgt und was die Ziele Ihrer Stiftung sind?
Unsere Stiftung folgt einem sehr einfachen Grundgedanken: Jedes Kind soll „Kindsein“ können.
Für mich bedeutet Kindsein, frei sein zu dürfen und mit dem Gefühl aufzuwachsen, dass man alle Möglichkeiten hat. Kinder sind voller Energie, Motivation, Kreativität und Hoffnung, aber sie sind auch sehr empfänglich für Einflüsse, die ihre Entwicklung formen. Diese können positiv oder negativ sein. Kinder können nichts für die finanziellen oder sozialen Voraussetzungen, in die sie hineingeboren werden. Gleichzeitig sind sie unsere Zukunft. Gerade in jungen Jahren können wir noch sehr viel bewirken.
Deshalb möchten wir Kinderarmut nicht nur punktuell betrachten, sondern dort ansetzen, wo sie im Alltag von Kindern konkret spürbar wird. Unsere Arbeit konzentriert sich derzeit auf drei Lebensbereiche:
Kindsein in der Küche:
Gesunde Ernährung und der Zugang zu frischen Lebensmitteln sollten keine Frage des Einkommens sein. In unseren Kochprojekten vermitteln wir deshalb Wissen über Ernährung und zeigen Kindern, wie viel Freude gemeinsames Kochen machen kann.
Kindsein in der Freizeit:
Ferienreisen, Sportvereine und Hobbys sind für viele selbstverständlich, für andere Familien jedoch kaum finanzierbar. Deshalb ermöglichen wir Ferienreisen und unterstützen sinnvolle Freizeitangebote. Darüber hinaus entwickeln wir gerade ein Sport-Patenschaftsprogramm.
Kindsein in der Schule:
Tausende Kinder werden jährlich in Hamburg ohne Schulranzen eingeschult. Damit die Kinder von Beginn an die gleichen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schulstart haben, verschenken wir jedes Jahr Schulranzen-Sets und Schulrucksäcke an benachteiligte Kinder. Allein 2026 haben wir mehr als 5.000 Schulranzen an Kinder in Hamburg vergeben. Dabei erfahren die Kinder nicht, dass es sich um eine Spende handelt. Sie bekommen den Ranzen über ihre Eltern oder Bezugspersonen als Geschenk. So möchten wir dazu beitragen, dass der Schulstart möglichst gleichberechtigt und unbeschwert beginnt.
Was sind die wichtigsten Learnings der ersten Zeit Ihres Stiftungswirkens?
Mein wichtigstes Learning ist, dass Engagement wirklich viel bewegen kann und es Freude bringt, anderen Menschen zu helfen. Man muss nur zuhören und bereit sein, die eigene Idee zu verändern oder sogar zu verwerfen, wenn sie in der Praxis keinen Sinn ergibt. Ich habe immer wieder erlebt, wie viel möglich wird, wenn viele Menschen zusammenkommen und ein gemeinsames Ziel haben.
Bei unserem ersten Schulranzen-Projekt ist beispielsweise der Hersteller kurzfristig ausgefallen und wir hatten nur vier Wochen Zeit, Ersatz zu finden. Das war herausfordernd. Am Ende hat alles funktioniert, aber es war recht knapp und definitiv ein Moment, an dem wir gemerkt haben, wie wichtig Flexibilität und gute Partner sind.
Die schönsten Momente sind immer die persönlichen. Familien schicken uns Fotos von Kindern, die stolz mit ihrem neuen Ranzen vor der Schule stehen, bringen Blumen oder Pralinen vorbei oder schreiben uns eine Nachricht und berichten, wie sich ein Kind beispielsweise durch ein neues Sporthobby positiv entwickelt. Zu spüren, dass unsere Arbeit wirklich etwas im Leben der Kinder bewirkt, ist das größte „Highlight“.
Welche Netzwerke und Kontakte waren und sind für Sie hilfreich, um Ihre Arbeit umsetzen zu können?
Die wichtigsten Ansprechpartner*innen sind für mich immer die Menschen, die täglich mit den Kindern und Familien arbeiten. Lehrer*innen, Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen und auch die Eltern und Kinder selbst. Sie wissen sehr konkret, was funktioniert und was nicht. Sie kennen die Herausforderungen der betroffenen Familien am besten. Unsere Arbeit können wir nur dann richtig umsetzen, wenn wir immer wieder nachfragen und zuhören.
Was würden Sie anderen Philanthropen raten, die selbst eine gemeinnützige Organisation gründen möchten?
Mein wichtigster Rat wäre, nicht zu schnell mit einer fertigen Lösung zu starten. Sprecht zuerst mit den Menschen und Organisationen, die das jeweilige Problem täglich erleben. Mit Schulen, Kitas, gemeinnützigen Vereinen oder anderen Stiftungen. Für mich war jedes einzelne Gespräch hilfreich und hat neue Ideen und Perspektiven eingebracht, ohne die die Stiftung jetzt nicht an dem Punkt stehen würde, an dem sie heute steht.
Gerade im gemeinnützigen Bereich müssen wir nicht alles neu erfinden. Wenn wir Wissen und Erfahrungen teilen, können wir Ressourcen viel sinnvoller einsetzen und gemeinsam sehr viel mehr bewirken.
Und zum Schluss: Drei Fragen & Antworten
Welches Buch haben Sie zum Thema Ehrenamt oder Engagement gelesen, das Sie nachhaltig beeindruckt hat?
Mich haben bislang persönliche Gespräche und Begegnungen stärker geprägt als Bücher. Sehr gespannt bin ich aber auf das neue Buch von Herrn Schiemenz „Die Kraft der Großzügigkeit. Wie Philanthropie unsere Gesellschaft verändert“, das im November erscheint.
Wenn Sie einen Wunsch für den gemeinnützigen Sektor frei hätten welcher wäre das?
Dass wir noch häufiger Wissen, Kontakte und Ressourcen teilen, statt jedes Problem allein lösen zu wollen.
Was möchtest Du unseren Leser*innen mit auf den Weg geben? Was ist Dein Credo?
Wir müssen nicht die ganze Welt verändern, um für einen Menschen einen echten Unterschied zu machen. Genau darin liegt für mich die Kraft von Engagement.

Carolin Schnöckel
Gründerin
Kindsein Stiftung
Foto: Kindsein Stiftung




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