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Fundraising für eine freie Gesellschaft?

vor 1 Tag
6 Min. Lesezeit

Wie Philanthropie Freiheit und Demokratie konkret stärkt


Von Becky Gilbert

Nico Reis

Becky Gilbert ist Fundraising-Expertin mit langjähriger Erfahrung in gemeinnützigen Organisationen in Deutschland und den USA. Ihr Fokus liegt auf Großspenden, Philanthropie, Kapitalkampagnen, Fördernetzwerken und der Mobilisierung ehrenamtlichen Engagements. Ihr Wissen gibt sie mit Begeisterung als Beraterin, Coach und Autorin weiter, immer mit dem Ziel, Menschen für eine starke, nachhaltige Zivilgesellschaft zu gewinnen. Seit 2014 gehört Becky zu dem weltweit anerkannten Kreis von Fundraiser:innen, die das Certified Fund Raising Executive (CFRE)-Zertifikat tragen. Und seit Februar ist sie im Team von neues-stiften mit dabei.

Foto: privat

Freiheit bedeutet, eigene Überzeugungen zu entwickeln, sie zu vertreten und gemeinsam mit anderen Veränderungen anzustoßen. Dafür braucht es mehr als gesetzlich garantierte Rechte. Es braucht Menschen und Organisationen, die diese Rechte wahrnehmen und verteidigen, unterschiedliche Perspektiven in öffentliche Debatten einbringen, Missstände sichtbar machen und neue Wege erproben.

Die Berlin Freedom Week vom 7. bis 14. November bietet Anlass, diese Zusammenhänge genauer zu betrachten: Was leistet Philanthropie für Freiheit und Demokratie? Wie demokratisch können Fördernde ihre Unterstützung gestalten? Und wie kann die Zivilgesellschaft die Zusammenarbeit aktiv mitprägen, ohne ihre Unabhängigkeit aufzugeben?

Neues stiften ist in diesem Jahr erstmals Teil der Berlin Freedom Week. Mit zwei eigenen Veranstaltungen beteiligen wir uns an der Woche und laden Sie ein, diese Fragen mit uns zu diskutieren. Außerdem verlosen wir neun Freikarten für die Berlin Freedom Conference am 10. November. Die Details zu den Veranstaltungen und zur Verlosung finden Sie am Ende dieses Artikels.

Eine freie Gesellschaft lebt von einer handlungsfähigen Zivilgesellschaft. Damit Menschen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und Veränderungen anstoßen können, brauchen sie auch die nötigen Ressourcen. Philanthropie kann diese bereitstellen. Zugleich ist Freiheit eine Voraussetzung dafür, dass Menschen selbst entscheiden können, welche Anliegen sie fördern und welche Veränderungen sie ermöglichen möchten.

Daraus ergeben sich zwei zentrale Fragen: Eröffnet philanthropische Förderung freie Handlungsspielräume? Und inwieweit schafft sie neue Abhängigkeiten?


Freiheit braucht Handlungsspielräume

Zivilgesellschaftliche Organisationen brauchen Ressourcen, um ihre Ziele zu verfolgen. Gleichzeitig halten sich gesellschaftliche Herausforderungen selten an Projektpläne. Neue Bedarfe entstehen, während sich politische und soziale Bedingungen verändern. Manche Ideen entfalten ihr Potenzial erst im Laufe der Arbeit.

Hier kann Philanthropie besondere Möglichkeiten eröffnen. Private Mittel lassen sich unter Umständen flexibler einsetzen als öffentliche Fördergelder oder wirtschaftlich gebundene Investitionen. Sie können längerfristige Entwicklungen begleiten, organisatorische Arbeit ermöglichen und Initiativen unterstützen, bevor deren Ansätze umfassend erprobt sind. Diese Möglichkeiten sind nicht selbstverständlich. Sie können aber dort einen Unterschied machen, wo andere Finanzierungsformen an Grenzen stoßen.

Entscheidend ist, wie Förderung gestaltet wird. Mehrjährige Zusagen, flexible Budgets und angemessene Antragsverfahren helfen Organisationen, auf Veränderungen zu reagieren und ihre Arbeit eigenständig weiterzuentwickeln. Es zählt also nicht allein, welches Projekt finanziert wird, sondern auch, welche Handlungsspielräume die Finanzierung eröffnet.

Zugleich ist die Zivilgesellschaft gefragt, die Voraussetzungen einer guten Zusammenarbeit aktiv mitzugestalten. Welche Ressourcen werden benötigt? Wo braucht es Flexibilität? Welche Entscheidungen muss die Organisation selbst treffen können? Und wie lassen sich diese Bedürfnisse gegenüber Fördernden vermitteln und vertreten?

Wer Freiheit stärken will, muss nicht nur einzelne Vorhaben ermöglichen, sondern auch die Eigenständigkeit derjenigen schützen, die sie umsetzen.


Neue Ideen brauchen die Freiheit, sich zu entwickeln

Eine freie Gesellschaft lebt davon, dass Bestehendes infrage gestellt wird. Viele gesellschaftliche Veränderungen beginnen mit Ideen, deren Erfolg zunächst ungewiss ist. Gerade weniger etablierte Initiativen und Organisationen haben es oft schwer, Unterstützung zu finden, wenn ihnen belastbare Referenzen oder messbare Ergebnisse noch fehlen.

Philanthropie kann solche Hürden überwinden helfen. Sie kann frühe Entwicklungsphasen finanzieren, Experimente ermöglichen und Vorhaben unterstützen, deren gesellschaftlicher Nutzen noch nicht abschließend belegt ist. Das bedeutet nicht, auf sorgfältige Prüfung zu verzichten. Es bedeutet, Unsicherheit als Teil von Entwicklung anzuerkennen und Förderanforderungen an den jeweiligen Entwicklungsstand einer Initiative anzupassen.

Dabei geht es auch um die Freiheit, eigene Wege zu finden. Wenn Fördernde bereits im Detail festlegen, welche Lösung verfolgt werden soll, bleibt wenig Raum für die Expertise der Organisationen und die Erfahrungen der Menschen, mit denen sie arbeiten.

Zivilgesellschaftliche Organisationen tragen ihren Teil dazu bei, indem sie nicht nur fertige Lösungen präsentieren, sondern auch ihre Fragen, Annahmen und Lernziele transparent machen. Im Idealfall macht eine Förderung gemeinsames Lernen möglich.


Wirkung erzielen, ohne sie vollständig vorzugeben

Wer philanthropische Mittel vergibt, beeinflusst mit, welche Initiativen zusätzliche Möglichkeiten erhalten und welche Vorhaben umgesetzt werden können. Dieser Einfluss gehört zur Realität philanthropischen Handelns und bringt Verantwortung mit sich.

Fördernde müssen nachvollziehen können, wofür ihre Mittel eingesetzt werden und welche Veränderungen sie unterstützen. Doch die Stärkung von Freiheit und Demokratie lässt sich nicht immer in Kennzahlen abbilden. Vertrauen aufzubauen, Menschen zur Beteiligung zu ermutigen, neue Stimmen in öffentliche Debatten einzubringen oder demokratische Strukturen zu stärken, braucht Zeit.

Rechenschaft und Eigenständigkeit sind dabei keine Gegensätze. Zusammenarbeit braucht Vertrauen auf beiden Seiten. Sie nimmt die Verantwortung für den Einsatz der Mittel ernst und lässt zugleich den nötigen Raum für eigenständiges Handeln.


Freiheit braucht offene Zugänge

Die Möglichkeit, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen, sollte nicht davon abhängen, ob eine Initiative bereits über gute Kontakte, professionelle Antragsstrukturen oder einen bekannten Namen verfügt.

Philanthropie kann Zugänge öffnen, indem sie Förderverfahren vereinfacht, aktiv nach neuen Initiativen sucht und auch Organisationen berücksichtigt, die außerhalb etablierter Netzwerke arbeiten. Sie kann zudem Kontakte, Fachwissen oder andere Ressourcen einbringen, sofern diese tatsächlich gebraucht werden.

Private Spender:innen, Stiftungen, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Organisationen können gemeinsam überlegen, wie Unterstützung zugänglicher und hilfreicher gestaltet werden kann. Kooperation ist dabei kein Selbstzweck. Sie sollte neue Möglichkeiten schaffen, statt vor allem zusätzliche Abstimmungsrunden und Berichtspflichten hervorzubringen.


Die Berlin Freedom Week ist eine stadtweite Veranstaltungswoche in Berlin, die sich den Themen Freiheit, Demokratie und Menschenrechte widmet. Foto: Freedom Week
Die Berlin Freedom Week ist eine stadtweite Veranstaltungswoche in Berlin, die sich den Themen Freiheit, Demokratie und Menschenrechte widmet. Foto: Freedom Week

Philanthropie braucht die Unabhängigkeit der Zivilgesellschaft

Philanthrop:innen entscheiden selbst, welche Anliegen sie unterstützen. Zugleich sollten sie reflektieren, welchen Einfluss ihre Förderentscheidungen auf die Handlungsmöglichkeiten anderer haben. Gut gemeinte Vorgaben stärken eine Organisation nicht automatisch. Auch zusätzliche Beratung, Kontakte oder Sachleistungen sind nur dann hilfreich, wenn sie zu den tatsächlichen Bedarfen passen.

Zivilgesellschaftliche Organisationen können die Zusammenarbeit aktiv gestalten, indem sie ihre Ziele, Bedarfe und Grenzen klar benennen. Dazu gehört, Erwartungen zu hinterfragen, wenn sie nicht zur eigenen Mission passen, und auf Förderbedingungen hinzuweisen, die an der Realität der eigenen Arbeit vorbeigehen.

Fundraising bedeutet in diesem Verständnis nicht, möglichst vielen Wünschen potenzieller Geldgebender entgegenzukommen. Vielmehr geht es darum, Menschen und Ressourcen für ein gemeinsames Anliegen zu gewinnen und dabei die eigene Verantwortung und Unabhängigkeit zu bewahren.

Gute Förderbeziehungen erkennen die unterschiedlichen Rollen beider Seiten an: Fördernde entscheiden über den Einsatz ihrer Ressourcen. Die Organisationen tragen die Verantwortung für ihre Arbeit, ihre Zielgruppen und ihre fachlichen Entscheidungen. Eine tragfähige Zusammenarbeit respektiert beides.


Freiheit als gemeinsamer Maßstab

Philanthropie stärkt Freiheit und Demokratie, indem sie Menschen und Organisationen in die Lage versetzt, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Ihre besondere Chance liegt darin, private Ressourcen auch für Anliegen einzusetzen, die nicht allein von staatlichen Prioritäten oder wirtschaftlichen Interessen bestimmt werden. Ob daraus tatsächlich mehr Freiheit entsteht, hängt jedoch auch davon ab, wie Förderung gestaltet wird und wie viel Eigenständigkeit sie ermöglicht.

Für Philanthrop:innen bedeutet das, nicht nur nach dem Zweck einer Förderung zu fragen, sondern auch danach, welche Handlungsmöglichkeiten sie eröffnet. Für die Zivilgesellschaft bedeutet es, die Zusammenarbeit mit Fördernden aktiv mitzugestalten, eigene Bedarfe klar zu kommunizieren und die eigene Unabhängigkeit zu wahren.

Fundraising verbindet gesellschaftliche Anliegen mit den Ressourcen, die nötig sind, um sie voranzubringen. Im besten Fall entsteht daraus mehr als die Finanzierung einzelner Vorhaben: Es entstehen neue Möglichkeiten, Ideen zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen und gesellschaftliche Veränderungen selbstbestimmt mitzugestalten.


Drei Ansätze für die Stärkung freier Gesellschaften durch Philanthropie

Flexibel und langfristig fördern: Nicht nur einzelne Projekte finanzieren, sondern auch die Strukturen und Spielräume stärken, die Organisationen brauchen, um unabhängig zu arbeiten und auf Veränderungen zu reagieren.

Vertrauen schenken und Entwicklung ermöglichen: Neue Ideen zulassen, Experimente unterstützen und Wirkung differenziert betrachten, statt ausschließlich kurzfristige, messbare Ergebnisse zu erwarten.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe gestalten: Förderbedingungen gemeinsam weiterentwickeln, unterschiedliche Rollen respektieren und die Eigenständigkeit der Zivilgesellschaft wahren. Fundraising sollte gemeinsame Anliegen stärken, nicht Organisationen in neue Abhängigkeiten bringen.


neues stiften bei der Berlin Freedom Week

Die Fragen dieses Artikels stehen im Mittelpunkt unserer beiden Veranstaltungen. Neues stiften nimmt in diesem Jahr zum ersten Mal an der Berlin Freedom Week teil und lädt Sie herzlich ein, mit uns zu diskutieren:

9. November: „Financing Democracy: Engaging Philanthropy for Civil Society“ Anmeldung: Eventbrite

10. November: „Was hat Philanthropie mit Freiheit zu tun?“ Weitere Informationen: berlin-freedom-week.com


Verlosung: neun Freikarten für die Berlin Freedom Conference

Für die große Tagung „Berlin Freedom Conference“ am 10. November haben wir als Veranstalter neun Freikarten erhalten. Der Sachwert beträgt 29,99 Euro, für Studierende 14,99 Euro. Diese Karten verlosen wir über unseren Newsletter. Wenn Sie teilnehmen möchten, schreiben Sie uns eine E-Mail an b.gilbert@neues-stiften.de.


Über die Berlin Freedom Week

Die Berlin Freedom Week ist eine gemeinsame Initiative der Axel Springer Freedom Foundation gGmbH, der Berlin Freedom Society e. V., der Robert-Havemann-Gesellschaft e. V., des World Liberty Congress und von visitBerlin. Die Berlin Freedom Conference wird von der Berlin Freedom Society e. V. veranstaltet und gemeinsam mit der Axel Springer Freedom Foundation gGmbH, dem World Liberty Congress und visitBerlin umgesetzt.

Die Berlin Freedom Week sowie die Berlin Freedom Conference werden von der Senatskanzlei Berlin sowie Airbnb und der Berliner Sparkasse gefördert. Weitere Förderer der Freiheitswoche sind die Postcode Lotterie, die Civitas-Bernhard-Vogel-Stiftung und die Jacob Waitz Industrie GmbH. Medienpartner sind der Tagesspiegel, die Deutsche Welle, radio3 und WALL.


Bei inhaltlichen Fragen erreichen Sie Becky Gilbert unter b.gilbert@neues-stiften.de.


Stephanie Reuter

das Team von neues stiften ist auch mit einer Veranstaltung vertreten: Am 10.11.2026 um 12 Uhr „Was hat Philanthropie mit Freiheit zu tun?“ Weitere Informationen: Was hat Philanthropie mit Freiheit zu tun? | BERLIN FREEDOM WEEK

Grafik: neues stiften


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