Wir brauchen mehr Vorbilder in der Philanthropie

Die Gesellschaft gerät immer stärker unter Druck: Ausgelöst durch Corona geht ein starker Riss durch alle Gruppen. Corona hat alle bisherigen Ereignissen der letzten 50 Jahre in Deutschland, Österreich und der Schweiz in den Schatten gestellt. Der Lockdown verursacht Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit, Schließungen und Insolvenzen.

Wie schon in der Finanzkrise 2008/2009 zeigt auch die aktuelle Wirtschaftskrise finanzpolitische Reflexe. Auch diese Krise verteilt das Vermögen weltweit neu und drückt die Vermögensschere weiter auseinander. Die mittleren und unteren Vermögensschichten verlieren und die oberste Einkommensschicht mehr ihr Vermögen. Kurzum: die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer.



Tue Gutes und sprich nicht darüber


Aber auch Vermögen kann drücken – und wenn es nur ein moralischer Druck ist. Eine Gruppe junger Millionärserben will jetzt einen gesellschaftlichen Wandel anstoßen und hat dazu eine Praxisgruppe gegründet, so war zu lesen. Das Vorbild kommt aus Amerika, wo reiche junge Menschen schon lange einen Weg für gerechtere Vermögensverteilung suchen. Aber: Mehr Infos gibt es nicht, alle Beteiligten aus dem Club der Erben schweigen.

Warum? Weil generell Milliardärskinder- und Enkel in Deutschland ein großes Kommunikationsproblem haben.

„Wenn die Mitarbeiter meiner Firma wüssten, dass ich millionenschwer bin, würde sich mein Verhältnis doch sofort verändern,“

verriet uns ein Millionenerbe, dessen Name keine Rückschlüsse auf seinen schwerreichen Vater erlaubt,

„außerdem kann ich im Verborgenen mehr bewirken!“

Ist das wirklich so?

Von jeher müssen sich reiche Menschen die Frage stellen: Werde ich um meiner selbst Willen geliebt oder wegen meines Geldes? Die Antworten sind oft kompliziert, die Verantwortung von Wohlhabenden in unserer Gesellschaft aber klar zu benennen: Wir brauchen mehr Vorbilder und ein öffentliches Bekenntnis der Philanthropen!



Amerika als Vorbild für Philanthropie


Nach dem Abgang von Trump taugt die USA wieder als Vorbild für uns. Besonders im Bereich der Philanthropie werfen viele Spendensammlerinnen und Spendensammler ein wehmütiges Auge über den großen Teich.

Wenn wir die USA mit Österreich, der Schweiz und Deutschland vergleichen, dann sehen wir tatsächlich große Unterschiede in den Vermögen. Natürlich liegt die Schweiz weltweit auf Platz 1 und die USA auf dem 3. Platz. Deutschland ist sichtbar abgeschlagen auf dem 24. Platz, 10 Plätze hinter den Österreichern. Die Spendenmärkte in den beiden Alpenstaaten sind relativ gleich. Die Spendenquote pro Kopf gemessen am Vermögen sind hier jeweils bei 0,04 Prozent. Deutschland liegt mit 0,07 Prozent fast doppelt so hoch. Doch in Vergleich zu den USA sind die Länder der DACH Region weit abgeschlagen. Die Spendenquote von 0,35 % ist fünfmal höher und fast zehnmal höher als in der Schweiz und in Österreich.



Mehr Philanthropie ist möglich!


Einig sind sich alle Expertinnen und Experten. Mehr Philanthropie auf der Welt ist möglich. Die Rahmenbedingungen dafür sind ideal. Der Dünger für philanthropisches Wachstum basiert auf zwei Faktoren: dem Wachstum des Vermögens auf der einen Seite und die Investitionsmöglichkeiten in gemeinnützige Projekte auf der anderen Seite.

Und Dank Corona wächst das Vermögen bei den Hochvermögenden stetig, die Zuwächse im IV. Quartal 2020 liegen deutlich höher als im Vorjahr.

Die Deutsche Bundesbank hat im zweiten Quartal 2020, also noch vor den hohen Zuwächsen zum Jahresende das Geldvermögen mit 6,6 Billionen Euro angegeben. Und pro Minuten werden es 1,9 Mio. Euro mehr. Dieses Geld liegt derzeit ungenutzt auf den Konten der entsprechenden Eigentümerinnen und Eigentümer.



Von 95 Mrd. Euro werden nur 15 Mrd. Euro abgehoben


Doch auf der anderen Seite werden die gesellschaftlichen Themen immer herausfordernder. Die Welt zu retten haben sich allein in Deutschland mehr als 300.000 Organisationen auf die Fahnen geschrieben. Diese Vereine, Stiftungen, Initiativen und Verbünde sind nicht nur auf dem Satzungspapier gemeinnützig, sondern der Kit im Zusammenhalt unser Gesellschaft.

Ohne die innovativen Projekte die in den Regionen, den Ländern und auch weltweit entwickelt werden, würden mehr Menschen in Elend leben oder sterben, gebe es mehr Analphabetismus, noch mehr Sklaverei, untergehende Kulturen, aussterbende Tierarten und Pflanzen und zerfallende Denkmäler.

Diese innovativen Projekte braucht der Philanthropen für sein Geld ebenso, wie die Projekte das Geld der Philanthropen benötigt. Allein in Deutschland liegen aber trotz dieser idealen Rahmenbedinungen der wachsenden Vermögen und innovativen Projekten die Vermögensschere weit auseinander. Von den derzeit 95 Mrd. Euro philanthropischen Vermögen in der DACH Regionen werden derzeit nur knapp 15 Mrd. Euro abgehoben.

Diese Philanthropieschere gehört geschlossen. Und dafür braucht die Annäherung zwischen dem philanthropischen Vermögen und dem Projektvermögen der Gemeinnützigen. Eine Annäherung, in der beide Seiten Vorbehalte und Berührungsängste überwinden müssen.

Der Ruf nach Steuergerechtigkeit hallt durch die öffentliche Diskussion, die Einführung einer Reichensteuer ist der politische Reflex. So ist es nicht verwunderlich, dass ein Journalistenteam von BUSINESS INSIDER der Frage nachging: Wie helfen die Milliardäre in Corona?

Die investigative Journalistin Marta Orosz beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dieser Einkommenselite, unter anderem hat sie an der FORBES BILLIONÄRS List mitgearbeitet.

In unserem Podcast berichtet die Journalistin von ihren Erfahrungen mit den Reichsten in Deutschland. Sie wirft einen kritischen Blick auf die Philanthropie, denn es scheint nicht alles Gold was glänzt. Aber sie sieht auch eine Zukunft für die Philanthropie in unseren Landen.

Marta Orosz ist zuversichtlich:

„Es braucht nicht viel: positive Vorbilder und ein sichtbares Engagement.“

Und wir von neues-stiften.de sind der Meinung: das brauchen wir auf beiden Seiten des Philanthropiemarktes.

Jörg Schumacher & Andreas Schiemenz
Jörg Schumacher & Andreas Schiemenz