Die Mittelschicht verschwindet


Viele wollen dazugehören, einige behaupten, sie sind es: die Mittelschicht. Friedrich Merz, der mehrfach gescheiterte Anwärter auf den CDU-Vorsitz und Multimillionär, positionierte sich in dieser Schicht ebenso der Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz. Mittelschicht war schon immer etwas, was viele Menschen anstreben. Dort möchte man verortet sein, in der guten Mitte der Gesellschaft. Wenn woanders die Mittelmäßigkeit ein Stigma ist, gilt es bei der Vermögen als erstrebenswert.

Denn in der Mitte der Gesellschaft zu stehen, ist für viele Menschen das soziale Ziele. Nicht am Rand, wo die Bildungsarmut zu Hause ist. Nicht in der Unterschicht, die sich rund um den Existenzminimum sammelt. Genauso wenig möchte man mit hohen Vermögen aus der gesellschaftlichen Mitte ausgegrenzt werden. Und so kommt es wohl auch, dass sich Friedrich Merz nicht nur politisch in der Mitte verortet.

Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hat sich mit der Mittelschicht beschäftigt. Laut Dr. Judith Niehues, Leiterin der Forschungsgruppe Mikrodaten und Methodenentwicklung beim IW definieren die Deutschen ihre Mittelschicht ab einem monatlichen Nettoeinkommen zwischen 7.000 Euro und 10.000 Euro. Nach den Ergebnissen des IW gehen die Deutschen davon aus, dass ein Fünftel der Bevölkerung soviel Geld verdient. (vgl. iwkoeln.de)

Aber leider trügt dieses Gefühl in Deutschland. Denn wenn die 20 % der einkommensstärksten Haushalte betrachtet werden, so gehört man bereits ab einem Nettoeinkommen von knapp 3.000 Euro im Monat dazu.

Schaut man sich die Einkommens-verteilung in Deutschland an, so liegt die Hälfte der Einkommen zwischen 15.000 und 30.000 Euro pro Jahr (1.250 Euro bis 2.500 Euro pro Monat. Weniger haben 20 % in der Bevölkerung. Die Einkommen von 30.000 Euro bis 42.000 Euro (2.500 Euro bis 3.500 Euro) machen ebenfalls 20 % aus. Mehr als 42.000 Euro (bzw. mehr als 3.500 Euro im Monat) bekommen 10 %.

Kurzum: 90 % der Menschen in Deutschland erhalten weniger als 3.500 Euro im Monat. Und somit liegt die Mittelschicht mit 3.000 Euro deutlich unter dem geschätzten Bauchgefühl von 7.000 Euro bis 10.000 Euro.



Die Mittelschicht blutet finanziell aus


Wenn der Blick nicht auf das Einkommen geworfen wird, sondern auf die Vermögensverhältnisse, dann hilft das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) weiter. Erst seit kurzem ist es dem DIW möglich, die Vermögenssituation auch von Millionärinnen auszuwerten. Da war über viele Jahre eine Herausforderung, da diese Gruppe in Bevölkerungsbefragungen unterrepräsentiert war.

Das Ergebnis: das Vermögen ist noch ungleicher verteilt als das Einkommen. Ein Prozent der Bevölkerung hält ca. 35 % des Vermögens. Die oberen 10 % besitzen gut 2/3 des Nettovermögen in Deutschland.

Der typische Millionär, der 1,5 % der Bevölkerung in Deutschland ausmacht, ist ein Mann, älter, besser gebildet und selbständig. Neben dem sozialen Themen der ungleichen Verteilung gibt es also auch noch eine fehlende Gendergerechtigkeit.


Erben sind die Reichen


Das Vermögen der Deutschen ist so hoch wie nie zuvor. Dadurch steigt auch die Höhe der Erbschaften. Aber auch hier gibt es ein Unwucht in der Verteilung. Die Hälfte der gesamten Vermögen von Erbschaften und Schenkungen, so das DIW, geht an die 10 % der Reichsten.

Erbschaften machen Vermögende in Deutschland noch reicher.

„Die Erbschaftswelle verschärft die absolute Vermögensungleichheit“,

analysiert DIW-Experte Markus Grabka im Handelsblatt.

„Kinder, die in einem Haushalt aufgewachsen sind, der bereits höhere Einkommens- und Vermögensniveau aufwies, erhalten später im Schnitt auch höhere Erbschaften und Schenkungen.“

Durchschnittlich belief sich das Erbe inflationsbereinigt pro Person auf rund 85.000 Euro, bei Schenkungen auf 89.000 Euro. Doch auch hier verteilten sich die Beträge recht unterschiedlich. Der Mittelwert liegt nämlich bei 145.000 Euro, wobei die ärmsten Erben im Schnitt nur 10.000 Euro erhalten.


Fundraising neu denken


Die Vermögens-und Einkommensbetrachtung macht es sichtbar. Die traditionelle Mittel-schicht ist nicht mehr als ein diffuses Bauchgefühl, das eine Verortung der eigenen Finanzsituation in der Gesellschaft versucht. Doch diese Mitte wandert kontinuierlich an den Rand der vermögenden Gesellschaft.

Nur 1,5 % der Erwachsenen sind Millionäre, die Hälfte der Menschen müssen mit maximal 42.000 Euro im Jahr auskommen. Bei der Vermögensverteilung ist die Schere noch weiter auseinander geklappt. Die 50 % der Ärmsten besitzen nicht einmal 22.800 Euro, während das 0,1 % der Reichsten mehr als 5,4 Mio. Euro besitzen.

Diese Situation wird sich auch im Fundraising bemerkbar machen. Noch immer richtet sich die Mehrheit der Fundraisingmaßnahmen an die Normal- und Kleinspenden.


Das klassische und bewährte Fundraisinginstrument des Spendenbriefes richtet sich genau an diese Gruppe. In vielen Organisationen werden fast alle Spenden über diesen Kanal eingeworben.

Auch die Straßen- und Haustürwerbung richtet sich im Schwerpunkt an die Mehrheit der Bevölkerung, die eindeutig nicht zu den Vermögenden oder einkommens-starken Gruppen gehören. Ebenso das Onlinefundraising, welches sich ebenfalls an der breiten Masse der Spenderinnen und Spender ausrichtet.

Die mittleren und oberen Spenden-gruppen jedoch werden nicht annähernd so intensiv angesprochen wie die unteren Spendengruppen. Die sogenannten Middle Donor mit Spendenbeträgen über dem Durch-schnitt von 284 Euro in 2020 (lt. der Bilanz des Helfens) und die Major Donor über 2.500 Euro je Spende.


Über kurz oder lang werden die unteren Einkommen deutlich weniger Geld zur Verfügung haben, dass gespendet werden kann. Diese Entwicklung bedeutet einen hohen Verlust für den Spendenmarkt. Ein Markt, der derzeitig genau von diesen Einkommen geprägt wird.

Eine Kompensation der wegfallenden Einnahmen kann nur erfolgen, wenn die mittleren Einkommen mehr in den Fokus genommen werden. Doch das allein wird nicht ausreichen, denn die Mittelschicht wird sich über kurz oder lang auflösen. Daher muss die Ausrichtung im Fundraising auf der Ansprache der oberen Vermögens- und Einkommensgruppen erfolgen.

Diese Gruppe ist in vielfacher Hinsicht ideal für das Fundraising. Die Kaufkraft ist maximal, d.h. diese Menschen haben mehr, als sie für das tägliche Leben benötigen. Sie sind darüber hinaus auch wirtschaftlich abgesichert, so dass ausreichend Geldvermögen für gesellschaftliches Engagement zur Verfügung steht.


Darüber hinaus erbt diese Gruppe überdurchschnittlich viel und vermehrt damit das Vermögen. Dieser Vermögenswachstum macht das Nachlassfundraising für die Organisationen einfacher. Denn die Erbinnen und Erben sind bereits finanziell gut versorgt, einer großzügige Spende an eine gemeinnützige Organisation steht daher nicht im Wege.

Doch weder das Nachlassfundraising noch die das Großspenden-fundraising lassen sich mit dem bewährten, klassischen Spendenbrief gewinnen. Hierfür ist es notwendig, die persönliche Beziehungsebene zwischen der Organisation und den Spenderinnen und Spendern aufzubauen. Und persönliche Beziehung kosten Geld, denn es sind Menschen, nämlich Fundraiserinnen und Fundraiser, die Vertrauen aufbauen und halten können.

Andreas Schiemenz
Andreas Schiemenz