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Neue Philanthropie in Zeiten des Krieges?

Von Andreas Schiemenz

Andreas Schiemenz
Andreas Schiemenz

Ich bin mit dem sicheren Bewusstsein durch das Leben gegangen, dass wir die erste Generation in Europa sein, die keinen Krieg erleben werden. Eine Gewissheit die sich seit dem Einmarsch in der Ukraine in grenzenlose Ohnmacht verwandelt wurde. Nie war Krieg so präsent in Europa.


Die naive Leichtigkeit des Alltags ist spätestens mit der Frage der 10jährigen beim Frühstück: „Sind die Russen böse?“ in eine bitte Realität verschwunden.


Seit dem Einmarsch wird in den sozialen Medien viel diskutiert, die Zeitungen analysieren und die Wirtschaft reagiert schnell auf die anstehenden Einschränkungen. Business as usual, so schaut es auch aus, wenn in einer Fundraisinggruppe auf Facebook diskutiert wird, wie sich der Krieg in der Ukraine auf das Spendenverhalten in Deutschland auswirken wird. The show must goes on.

Es muss ja irgendwie weitergehen und vielleicht helfen solche Diskussion uns abzulenken vom Leid und den menschlichen Tragödien des Krieges, von drohenden Hackerangriffen und den atomaren Drohgebärden.


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Natürlich wird dieser Krieg kurz- und mittelfristig die Lebenssituationen von Menschen auch in Deutschland verändert.


Die Lebenshaltungskosten steigen ohnehin, die Inflation hat den höchsten Stand seit Jahren erreicht. Monat für Monat haben die Spendenden weniger Geld zur freien Verfügung, Energie und die Lebenshaltung kosten mehr als noch vor einigen Wochen. Trotzdem werden gerade viele Normalspendenden wieder ihre Solidarität zeigen und mehr spenden, als das Portmonee in Wirklichkeit hergibt.


Und auch wird es, wie in jeder Krise, eine Neuverteilung des Geldes geben. Denn die höheren Preise ziehen Geld von der einen Seite auf eine andere Seite, nämlich die Seite der Vermögenden. Viele Menschen aus den obersten Vermögenssegment werden, ob sie es wollen oder nicht, auch hier wieder mehr Geld bekommen.


Natürlich, nicht alle Menschen haben eine soziale Ader, engagieren sich oder sind gar Philanthropen. Es gibt auch Menschen, die mehr an sich denken als an die anderen. In allen Geschlechtern, in allen Bildungsklassen, in allen Religionen und an allen Orten. Doch es gibt eben auch die Menschen, denen das soziale Miteinander, die Gesellschaft, nicht egal sind.


Diese Menschen gibt es auch in den oberen Einkommensklassen. Menschen, die wissen, dass mit dem Vermögen eine Verantwortung einhergeht.


„Dieses Geld gehört nicht mir, es ist mir nur anvertraut“.


Eine Aussage, die ich regelmäßig in den Gesprächen mit vermögenden Personen höre. Auch Menschen, die in der Wirtschaftspresse eher als eckig und kantig positioniert werden, zeigen ihr Verstand und ganz besonders ihr Herz in dieser Formulierung.


Dieses Geld ist, ähnlich wie in dem biblischen Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Matthäus 25,14-30 und Lukas 19, 12-27) diesen Menschen nur zur Verwaltung gegeben. Sie sehen es gar nicht als das eigene Geld. Sondern sie sehen eine Verantwortung für dieses Vermögen.


Dieser Verantwortung gerecht zu werden, ist der Kern des philanthropischen Handelns.


Diese Haltung wird sich auch in der jetzigen Kriegslage nicht verändert. Aber verändern wird sich sicherlich die Antwort auf die Frage, wie diese Verantwortung in dem gesellschaftlichen Engagement umgesetzt werden kann.


Vor dem Kriegsbeginn haben uns im deutschsprachigen Raum die Fragen nach dem Klima und der Umwelt, der Generationengerechtigkeit, der Bildung und Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt. Doch haben diese Fragen überhaupt noch eine Relevanz? Sind diese Themen nicht reine Wohlstandsthemen, wenn es um die nackte Existenz von unseren europäischen Nachbarn und möglicherweise um unsere eigene Zukunft geht?


Die jungen Aktiven von „Fridays for Future“ haben ihre Demonstration letzten Freitag kurzfristig in „Fridays for Freedom". Und das mit recht. Denn es wird keine Zukunft ohne Frieden geben. Es wird kein wichtigeres Thema als Völkerverständigung, menschliches Miteinander geben.


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Es wird keine Projekte geben, die so wichtig sind wie Verständnis, Abbau von Vorurteilen und die persönliche Neugier und Offenheit gegenüber anderen.


Das bedeutet nicht, dass nun Klima und Umweltschutz an den Rand gedrängt werden, es bedeutet nicht, dass Kunst und Kultur keine Rolle mehr spielen. Ganz im Gegenteil, alle diese Themen werden wichtig bleiben, wenn sie auf die zentrale Frage eine Antwort geben: Wie können wir auf diesem Planeten in Zukunft in Frieden miteinander leben? Ohne Gewalt, ohne Ausgrenzen, ohne Überheblichkeit und westlicher Arroganz?

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