Der Fall Ramelow - wie stark darf man sozialen Medien vertrauen?


Der Fall Ramelow

Es ist ein Fall, wie er in jedem Social Media-Lehrbuch für Krisen steht: Ein Internetnutzer gibt im Netz Dinge von sich Preis, die er am liebsten wieder zurücknehmen würde – und löst einen veritablen Shitstorm aus!


Nur dass in diesem Fall der Nutzer Bodo Ramelow heißt, Ministerpräsident in Thüringen ist und das Ganze in der neuen App Clubhouse passiert ist. Clubhouse ist mit zwei Millionen aktiven Anwendern zwar deutlich kleiner als Twitter (330 Mio Nutzer), aber im Moment in aller Munde, weil die App als der letzte Schrei in Sachen Social Media gilt.


Was war passiert? In einem Gespräch (die App lässt nur Audio zu) hatte Ramelow delikate Details über die Ministerpräsidenten-Runden zu Corona („dauern so lange“), über sich („spiele Candy Crush auf Level 10“) und die Kanzlerin („das Merkelchen“) in einem Chatroom zum Besten gegeben. Anwesend: 2500 Zuhörer, darunter Politiker wie Manuela Schwesig (MVP-Ministerpräsidentin), aber auch zahlreiche Journalisten wie zum Beispiel der Chefredakteur der Welt am Sonntag, der prompt die Details unter der Zeile „Als Bodo Ramelow einen Einblick in sein Denken gewährte“ veröffentlichte. Bis frühmorgens versuchte Ramelow sich zu rechtfertigen und die Äußerungen zu relativieren – vergeblich. Am Ende musste er sich bei der Kanzlerin entschuldigen.


Und das obwohl in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der App ausdrücklich die Vertraulichkeit garantiert ist - und auch Ramelow sich auf ein geschütztes Gespräch berief.

Aber was heißt das genau? Im Journalismus gibt es drei Zitier-Stufen: „Unter eins“ versteht man direkte Zitate aus einem Gespräch mit klarer Benennung des Zitatgebers.

„Unter zwei“ werden die Quellen nur umschrieben: wie „aus Regierungskreisen verlautete“, vornehmlich in indirekter Rede. Und „unter drei“ bleibt das Gespräch schließlich ohne Einverständnis der Teilnehmer unveröffentlicht. Allerdings muss das vorher vereinbart sein – beispielsweise bei einer Talkrunde oder einem Vortrag, der nicht öffentlich ist.


Wir lernen:

Soziale Medien sind immer öffentlich, egal wie sie daherkommen. Jeder Teilnehmer, erst recht, wenn er eine Organisation vertritt oder ein Amt bekleidet. Jeder Post, jeder Tweet und auch jede Äußerung muss vor diesem Hintergrund durchdacht sein, Getreu der wichtigsten Regel der Krisenkommunikation: Wer nichts zu sagen hat, schweigt lieber.

Bodo Ramelow hat das inzwischen begriffen. Der Süddeutschen Zeitung sagte er:


„Wer in einen Raum mit 1000 Menschen geht, der weiß, was das bedeutet.“

Jörg Schumacher
Jörg Schumacher