Die vergessene Krise

Sie ist nicht vorbei. Sie ist nur nicht mehr wichtig. Zumindest nicht, wenn man sich derzeit die öffentliche Berichterstattung und die öffentliche Diskussion anschaut: die Flüchtlingskrise im Mittelmeer.


In der gemeinnützigen Arbeit sprechen Kommunikationsexpertinnen und -experten von den „Vergessenen Krisen“. Denn noch immer geraten täglich Flüchtlinge im Mittelmeer in Seenot. Noch immer sind unzählige Menschenso verzweifelt, dass ihnen nur noch die Rettung über das Meer bleibt – in kleinen Holz- oder Schlauchbooten, verzweifelt festgeklammert, in der Hoffnung, das rettende Europa zu erreichen.



Sea-Eye berichtet auf seiner Webseite über acht geflüchtete Frauen, die mit 21 weiteren Menschen auf hoher See gerettet wurden. Unter den 29 Menschen in einem kleinen Holzboot waren auch, so berichtet die Organisation, vier Babys.

Die geretteten Frauen berichten von einer Flucht aus der Hölle. Sie berichten davon, dass schwarze Menschen in Libyen gekidnappt und vergewaltigtwerden und sich daher kaum aus dem Haus trauen. Traurige Berichte, bestätigt von der UN, Amnesty International und andere Organisationen.


In dem von Bürgerkrieg erschütterten Libyen sind flüchtende Menschen Willkür, Folter, Sklaverei und dem Tod ausgeliefert. Nach derzeitigen Schätzungen sind etwa 580.000 Flüchtlinge in Libyen unterwegs, die überwiegend aus den Nachbarländern Niger, Sudan, Tschad und Ägypten kommen. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) haben sich bis Anfang August knapp 120.000 Migranten in Europa gemeldet.

Trotz aller Dramatik, aller Verzweiflung und unzähligen Toten findet diese Krise keine Öffentlichkeit. Und ebenso unfassbar: Es gibt keine sichtbare Erkenntnis in unserem Land. Und das, obwohl die nächste Welle aus Afghanistan kommt: Nun wird sich zeigen, was die Regierungen aus der Flüchtlingskrise 2015 gelernt haben.



Laut der Marktforschung ist das Thema Flüchtlinge auf Platz 1 der Sorgen der Deutschen. Ein Thema, auf das bestimmte Parteien setzen, um Angst und Schrecken unter den potenziellen Wählerinnen und Wählern zu verbreiten.

Wir sollten dafür sorgen, dass diese Krisen eben nicht vergessen werden. Nicht von Aktion Deutschland Hilft e.V. (Podcast mit Anja Trögner), der UNO Flüchtlingshilfe oder Unicef (Podcast mit Karina Hövener), der Diakonie Katastrophenhilfe und den vielen anderen, die um Spenden werben, auch wenn es gerade nicht populär ist.

Gemeinwohl heißt nicht wegzusehen“, heißt es. Erinnern wir die Menschen immer wieder an die vergessenen Krisen, das ist unser Auftrag!


Fotos: Sea-Eye e.V.

Jörg Schumacher & Andreas Schiemenz
Jörg Schumacher & Andreas Schiemenz