Medien in Kriegszeiten: Wem nützt die Wahrheit, wenn sie keiner kennt?

Von Jörg Schumacher


Der Krieg in der Ukraine ist für viele ein Ringen der Demokratie mit der Tyrannei. In Wahrheit ist er aber auch ein Informationskrieg um die Wahrheit.


Während die russische Seite Fernsehtürme zerstört und in den eigenen Medien Begriffe wie Angriffskrieg oder Invasion verbietet, nutzt die ukrainische Seite die sozialen Medien wie noch nie zuvor in einer militärischen Auseinandersetzung.


Krieg in der Ukraine

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj oder der ehemalige Boxer Vitali Klitschko mit seinem Bruder sind die Gesichter auf Twitter, Facebook und Instagram. Denn beide Seiten wissen:


Der Krieg in der Ukraine – er wird auch über die Bilder in den Medien entschieden.


Ob tote russische Soldaten, zerstörte Gebäude, flüchtende Zivilisten oder ausgebombte Kinder, beide Seiten nutzen alle Medienkanäle für ihre Propaganda. Und die wirkt. Unabhängige Beobachter gehen davon aus, dass knapp zwei Drittel der Russen im Moment gar nicht wissen, was sich genau in der Ukraine abspielt.



In den Hintergrund gerät der klassische Journalismus, der nicht müde wird, davor zu warnen, dass man diese Informationen sowohl von russischer als auch ukrainischer Seite ja gar nicht überprüfen könne.


Warum ist es das so? Versagen hier die klassischen Methoden des Journalismus? Nein, in Kriegsgebieten gelten andere Spielregeln. Die sogenannten Kriegsreporter der meisten Medien arbeiten embedded, wie es so schön neudeutsch heißt, das bedeutet eingebettet: Diese Kriegsberichterstatter werden immer von einer Seite an die Front geführt und berichten dann was er oder sie sehen - oder was sie gezeigt bekommen.

Die Korrespondenten beispielsweise der öffentlich-rechtlichen Medien sitzen in Städten wie Moskau oder Warschau und sind ebenfalls abhängig von den dortigen Medien oder eigenen Quellen, über die sich informieren. Viele Berichte basieren teilweise auf persönlichen Einschätzungen und Meinungen und fallen eher in den Bereich Kommentar.


Die Arbeitsweisen des Journalismus erweisen sich zunehmend als wirkungslos, denn sie kommen der wirklichen Situation nicht nah.


Was es jetzt braucht, ist tatsächlich eine Kombination von Journalismus in schnellen Kanälen wie den sozialen Medien. Live-Kanäle und erfahrene Reporter sind die Mischung, die jetzt funktionieren kann. Viele Newskanäle, aber auch die vielgescholtene BILD-Zeitung versuchen hier in moderierten Formaten an allen wichtigen Orten, auch mitten im Kriegsgeschehen in Kiew, zwar nicht objektiv, aber zumindest unabhängig das Geschehen dazustellen.


Gleichzeitig wird es eine zukünftige Aufgabe sein, die Menschen in totalitären Regimen mit mediengelenkten Kanälen überhaupt zuerreichen. Wem nützt die Wahrheit, wen sie keiner kennt?