Katarina Peranić im Gespräch mit Dr. Anna Punke-Dresen

Portraits über Menschen im gemeinnützigen Bereich findet man auch an anderer Stelle. Wir erinnern uns zum Beispiel an die „Köpfe“ in der Stiftungsbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mit dieser Rubrik „Mensch des Monats“ möchten wir Menschen hinter einer Führungsposition besser kennenlernen. Dafür hat Dr. Anna Punke-Dresen diese Rubrik ins Leben gerufen.


Anna Punke-Dresen ist selbst seit über 15 Jahren in diversen Funktionen und Kontexten sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich im gemeinnützigen Sektor unterwegs - unter anderem als stellvertretende Leiterin des Kreises Junge Menschen und Stiftungen, Community Lead für MentorMe, Vorständin von Hamburger mit Herz e.V. und aktuell als Leitung Fundraising der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch.


Schreiben und gemeinnütziges Engagement sind die beiden Pfeiler, die ihren Werdegang prägen.

Mit dieser monatlichen Rubrik möchte sie einige spannende Personen aus ihrem Netzwerk in persönlichen Gesprächen fragen, wie und warum sie sich selbst im gemeinnützigen Bereich engagieren. Welche Ehrenämter werden zusätzlich zum Hauptamt gepflegt? Was treibt sie dazu an? Was bedeutet Engagement für sie und welche Learnings und Botschaften bringt das für sie mit?

Katarina Peranić

Katarina Peranić - seit Juli 2020 Vorständin der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE)







Liebe Katarina, ich möchte in dieser Rubrik jedem*r Interviewpartner*in die gleiche Einstiegsfrage stellen: Wann und wo hast Du Dich zum allerersten Mal ehrenamtlich engagiert? Wie kamst Du dazu und was war Deine Motivation dahinter?


Bei meinem ersten Engagement ­– und ich sehe das auf jeden Fall auch als Engagement an (lacht) – war ich Klassensprecherin in der 5. Klasse. Das hat mich total geprägt und war sehr aufregend, vor allem, weil man in der Schülermitverwaltung mit all den älteren Schüler*innen zusammen saß. Sonst kommt meine Engagementerfahrung eigentlich aus dem Sport. Ich habe mit acht Jahren mit Kunstturnen angefangen und bin dort zum ersten Mal mit Engagement und Ehrenamt in Berührung gekommen. Meine Trainerin hat das freiwillig und engagiert gemacht – das hatte Vorbildfunktion - und ich habe mich dann später, bis ich 14 Jahre alt war, selbst bei z.B. Veranstaltungen des Vereins engagiert. Ich war neben dem Sport auch in einer Theatergruppe der kroatischen Gemeinde aktiv und habe beispielsweise in Kroatien in Wohnheimen für Jugendliche mit Behinderung bei Aufführungen mitgemacht. Ehrenamt und Engagement waren somit von Anfang an Teil meines Lebens.

Zudem war ich einige Jahre Greeterin in Berlin, das sind ehrenamtliche Stadtführerin und die Idee dazu wurde in New York mit den Apple Greeters geboren – engagierte Greeters gibt es an vielen Orten weltweit. Dazu bin ich 2011 gekommen, als ich in Belgrad etwas Ähnliches miterlebt habe – dort wurde das Leben der Stadt gezeigt und nicht nur die Sehenswürdigkeiten. Das hat mich so sehr begeistert, dass ich mich fortan bei den Berlin Greeters engagiert habe. Großartig dabei ist, dass es so gar nichts mit meiner eigentlichen Arbeit zu tun hatte und ich meine interkulturelle Kompetenz weiter trainieren konnte. Man trainiert Skills, die man sonst nicht braucht. Grundsätzlich kann ich leider nicht ‚Nein’ sagen, wenn mich jemand fragt, ob ich mich engagieren möchte (lacht).


Zusammenfassend kann ich sagen: Ich bin bisher keine klassische Ehrenamtskarriere gegangen, sondern, mein Engagement war privat getrieben, aus einem hohen Spaßfaktor heraus und, um etwas Neues auszuprobieren, was man beruflich noch nicht so machen konnte.

Inwieweit haben Dich Deine Familie und Deine Eltern als Vorbilder dabei geprägt?


Meine Eltern stammen nicht aus Deutschland sondern aus Ex-Jugoslawien, heute Kroatien, und sind Ende der 70er nach Deutschland ausgewandert. Dort gab es kein klassisches Vereinswesen. Aber informelles Engagement, Hilfsbereitschaft und Verantwortungsübernahme waren immer Thema.


Wie hat Dein kontinuierliches ehrenamtliches Engagement Deinem beruflichen Werdegang geholfen? Von welchen Netzwerken profitierst Du heute noch?


Es hat mich auf jeden Fall geprägt. Ich muss allerdings auch sagen, dass ich einen kleinen Engagement-Knick während meiner Studienzeit hatte. Ich war zuerst in Marburg und bin dann nach Berlin gezogen. Ich musste mein Studium selbst finanzieren und hatte nicht mehr viel Zeit für andere Dinge. Während meines Studiums der Politikwissenschaften habe ich mich dann mit Transformationsprozessen in Ost- und Südosteuropa beschäftigt und dabei hat mich die Rolle der Zivilgesellschaft für eine demokratische Entwicklung besonders interessiert. Das war die erneute Anknüpfung an mein persönliches Engagement: Du bestimmst mit, du mischt mit, du handelst Dinge aus, was eine Grundvoraussetzung für Demokratie ist. Folglich wollte ich mich nach dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung weiter für die Zivilgesellschaft engagieren, habe angefangen für den Verein Most-Brücke zu arbeiten, der sich für den polnisch-russischen Dialog von Studierenden eingesetzt hat und bin dann gegen Ende des Studiums glücklicherweise von der Ehrenamtlichkeit in die Hauptamtlichkeit gewechselt.


„Diese starken Netzwerke, intensiven Begegnungen und auch vielen Veranstaltungen unterschiedlicher Kulturen haben mich damals sehr getragen und bestehen zum Teil bis heute noch. Der Aspekt der Interkulturalität im Engagement war für mich ein Lern-Netzwerk, das ich ehrenamtlich ausleben konnte.“

Der Netzwerk-Gedanke zeigt sich auch dadurch, dass die Stiftung Bürgermut, zu der ich später gegangen bin, von dem Gründer des Vereins Most-Brücke ins Leben gerufen wurde. Mein Job als Referentin bei der Stiftung Bürgermut war damals mein erster richtiger Job. In dieser Zeit habe ich nebenbei auch andere Initiativen mit aufgebaut, zum Beispiel eine Social Media Sprechstunde. Das tat ich ohne jegliche Vorerfahrung, denn damals gab es das nur im englischsprachigen Raum. Ein weiteres meiner Netzwerke, das bis heute trägt, sind die WILMAS, die von engagierten Frauen aus unserer Szene, wie Claudia Schluckebier, gegründet wurde.


Was waren und sind die wichtigsten Learnings aus deinen Ehrenämtern bzw. Engagements?


Da gibt es ganz viel. Wenn wir über Empathie sprechen, kann man bei einem Engagement viel lernen, da man sich meistens für andere engagiert und mit anderen zusammenarbeitet. Man muss sich in die Situation der Anderen hineinversetzen und für sich selbst schauen, wie komme ich da hin, wo ich hin möchte. Man handelt auch permanent Dinge aus und Konflikte im Ehrenamt sind eine gute Schule, um Standpunkte zu trainieren, Meinungen äußern zu können und nicht einzuknicken. Ehrenamt hält deinen Geist und Körper jung, fit und flexibel, weil man ja permanent in Situationen ist, die du gar nicht vorhersehen kannst. Zudem kann man mit etwas starkem Willen etwas Neues bewirken und bewegen. Wenn du dann die ersten Mitstreiter findest, die die Idee toll finden und groß machen wollen, ist das unbezahlbar. Am schönsten ist natürlich, wenn man das dann noch in eine festere Struktur übertragen kann und sieht, dass das Engagement wirkt.


Nun zu Deinem jetzigen beruflichen Engagement: Die Stiftung DSEE wird ja nun ein Jahr alt. Was bedeuten für Dich als Vorständin der Stiftung die Begriffe Ehrenamt und Engagement?


Ehrenamt bedingt Engagement, egal wie man es benennt. Für mich beinhaltet es, sich selbstbestimmt, unentgeltlich und freiwillig für einen sozialen, milden, kirchlichen Zweck zu engagieren, im Kontext einer Organisation. Und Ehrenamt bedeutet, wie das Wort schon sagt, für mich auch die Übernahme eines Amtes, sei es die Mitwirkung in einem Vorstand oder einem anderem Gremium wie z.B. einem Kuratorium oder beispielsweise Schatzmeister*in zu sein. In unserem Errichtungsgesetz wurde es nun auch zum ersten Mal gesetzlich definiert. Das schöne an dieser Definition ist, dass es auch das informelle Engagement mit beinhaltet, was per se schwierig zu fördern ist, weil die Personen sich ja nicht für eine Organisation engagieren, sondern in losen Netzwerken.


Wie hat sich diese Vorstellung von Ehrenamt und Engagement in dem ersten Jahr eurer Stiftung entwickelt und welches Bild transportiert ihr aktuell nach außen?


Die oben genannte Definition und das Errichtungsgesetz unterstreichen die Arbeit der Stiftung, Ehrenamt und Engagementformen zu stärken, vor allem in strukturschwächeren und ländlichen Räumen, insbesondere dort, wo Strukturen für das Ehrenamt nicht so stark vorhanden sind.


„Schwerpunkt ist zurzeit das Thema Nachwachsgewinnung. Nachwuchs nicht nur im Sinn von jungen Menschen, sondern auch Gruppen, die bisher noch nicht so engagiert sind oder Menschen, die sich nicht trauen.“

Der Freiwilligensurvey zeigt zum Beispiel, dass das Engagement von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und von den Menschen, die nicht hier geboren sind, geringer ist als das Engagement von denjenigen, die hier in Deutschland geboren sind. Diesbezüglich wollen wir unterstützen, nicht nur finanziell, sondern z.B. auch mit Service- oder Qualifizierungsangeboten. Darüber hinaus sind natürlich Digitalisierung und Innovation die Megathemen, Vereine und andere Engagementformen sind sehr stark im Wandel und auch dafür bieten wir Unterstützung an.


Daran anschließend: Ist die Bezeichnung Ehrenamt inzwischen nicht auch irgendwie antiquiert? Hat die Stiftung nicht auch den Auftrag, den Begriff „hipp“ zu machen? Wie fördert die Stiftung dahingehend ehrenamtliches Engagement und was planst Du / plant ihr in diesem Kontext für die Zukunft?


Es gibt nicht dieses oder jenes Ehrenamt, Engagement ist unglaublich divers – in Deutschland gibt es Beispielsweise 600.000 Vereine, die sich in ganz unterschiedlichen Themenfeldern engagieren. Die Begriffe werden häufig ähnlich verwendet und sind doch so unterschiedlich. In ländlichen Räumen spricht man oft vom Ehrenamt, in anderen Kontexten sagt man freiwilliges Engagement. Am Ende des Tages geht es darum, was man tut. Zum Beispiel ist das so genannte klassische Engagement in Kirchengemeinden vor Ort oder auch im Bereich der Feuerwehr oder dem Katastrophenschutz sehr beeindruckend, professionell und unglaublich wichtig für unser Zusammenleben.

Das Ziel der Stiftung ist nicht, dass Engagement „hipper“ werden soll, sondern zu zeigen, dass es wirklich toll ist, sich zu engagieren. Da stecken wunderbare Menschen dahinter.


„Wir möchten, dass es eine Form der Anerkennung gibt für Menschen, die sich engagieren und dazu gehört eine gute Kommunikation und ein Auftreten, womit man sich identifizieren kann.“

Neuen Formen des Engagements muss genauso Rechnung getragen werden wie dem ganz klassischen Engagement. Deshalb möchten wir auch Öffentlichkeitsarbeit machen für das Thema und den Stellenwert, den Engagement verdient, stärken. Auch diese Interviewreihe ist eine Ode an das Engagement und davon braucht es mehr.


Welche Maßnahmen und Aktionen plant ihr dahingehend?


Wir haben im Rahmen des Aufholpaketes der Bundesregierung zusätzliche Mittel erhalten, um gemeinnützige Organisationen, die vor allem Kinder, Jugendliche und Familien adressieren, zu unterstützen. Das Förderprogramm heißt ZukunftsMUT[KP1] . Zudem haben wir ein Mikroförderprogramm aufgesetzt mit der Zielrichtung, Engagement in ländlichen Räumen zu fördern, weil wir im letzten Jahr gemerkt haben, dass viele ganz niedrige Förderbeiträge bei uns beantragt haben und man damit ganz viel bewirken kann. Außerdem wird es ein Förderprogramm geben, das „100 Mal digital“ heißt. Hier können sich 100 Organisationen bewerben, um eine digitale Herausforderung mit Qualifizierungs-Bausteinen und Coachingbegleitung zu lösen. Es gibt viel zu tun und wir bauen unsere Angebote Stück für Stück weiter aus. Aktuell sind wir 45 Teammitglieder, es sollen bis zu 75 Mitarbeiter*innen werden. Wir brauchen auch dringend sehr gutes Personal bei all den Förderzielen, die wir haben. Und das Allerschönste ist, wir haben ein digitales Förderportal [KP2] in wenigen Wochen entwickelt und aufgesetzt, das den Beantragungsprozess enorm erleichtert.


Wenn wir noch mal auf den Bereich Ehrenamt und Freiwilligenarbeit blicken: Was macht für Dich erfolgreiches Ehrenamt aus? Welche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen braucht es und was wünscht Du Dir für die Entwicklung des Bereiches bürgerschaftliches Engagement in Deutschland?


Erfolgreiches Ehrenamt bedeutet für mich Selbstwirksamkeit, also Spaß mit Wirkung. Man engagiert sich meistens für einen gemeinnützigen Zweck, um dadurch zu sehen, dass sich gesellschaftlich etwas bewegt. Ob man sich schon seit Jahrzehnten oder nur punktuell engagiert, oder ob man spendet, das ist egal. Wichtig ist, was kommt am Ende dabei raus. Ohne die vielen Engagierten würden wir in Deutschland gar nicht so gut leben. Zudem sieht man, dass digitales Engagement immer stärker genutzt wird und es eine Ergänzung zum klassischen Engagement vor Ort ist. Gerade für junge Menschen gehört das zur Lebensrealität. Durch Corona wurden plötzlich diejenigen, die diese Skills haben, ganz wichtig für die Organisationen. Hinsichtlich Digitalisierung sollte man Mut und Offenheit mitbringen und auch die Lust am Scheitern entwickeln.


„Die Zivilgesellschaft muss die Gesellschaft mitgestalten, weil die Zivilgesellschaft so nah an den Menschen ist, an Gruppen, die häufig ausgeschlossen sind.“

Diesbezüglich wäre mein Wunsch, Engagement auch durch Bürokratieabbau zu fördern, damit zum Beispiel eine Vereinsgründung auch unkomplizierter geht, weil es a) dafür eine gute Beratung gibt, die durch uns geschehen kann, und b) weil Prozesse schneller und digitaler gehen könnten und man Engagement dadurch nicht ausbremst, sondern eher befördert. In der Studie „Bürokratieabbau im Ehrenamt“ [KP3] wurde herausgefunden, dass sich ehrenamtliche Vorstände pro Woche im Schnitt 6,5 Stunden mit Bürokratie rumschlagen müssen, das ist einfach zu hoch. Klar ist: Wir sind keine Lobbyisten und wir sind auch kein Verband. Aber was wir machen können ist, die Problematiken einzusammeln und an richtigen Stellen zu adressieren und sichtbar zu machen, wo es Problem- und Schieflagen gibt für Engagement. Wir hatten uns zum Beispiel auch für das Transparenzregister eingesetzt, haben mit unterschiedlichen Akteuren gesprochen und darauf hingewiesen, dass die aktuelle Fassung nicht gut ist und als eine immense Belastung für die Vereins- und Stiftungswelt wahrgenommen wird. Auch die DSGVO verschlingt viel Zeit für Bürokratie und aktuell stellt die Umsetzung der Hygienemaßnahmen im Rahmen der Pandemie viele vor große Herausforderungen. Wir versuchen in der einen Richtung darüber zu informieren, z.B. durch unseren Pool an Juristen und Fördermittelberater*innen, und in der anderen Richtung die Fragestellungen in die Politik zu tragen.


[KP1] https://www.deutsche-stiftung-engagement-und-ehrenamt.de/foerderung/zukunftsmut/

[KP2] https://foerderportal.d-s-e-e.de/

[KP3] https://stm.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/studie-zur-buerokratieentlastung-im-ehrenamt-vorgestellt/

3 Antworten in 1 Satz


Welches Buch hast Du bzgl. Ehrenamt oder Engagement gelesen, das dich nachhaltig beeindruckt hat?

Am Wochenende habe ich das Buch „Demokratieverstärker. 12 Monate, 21 Ideen: Eine Politikagenda für hier und jetzt“ von Elisabeth Niejahr (Hg.), Grzegorz Nocko (Hg.) gelesen und möchte dieses gerne empfehlen.

Wenn Du einen Wunsch für den gemeinnützigen Sektor frei hättest, welcher wäre das?

Mehr Anerkennung und Sichtbarkeit für die vielen Stunden bürgerschaftlichen Engagements, die täglich geleistet werden.

Was möchtest Du unseren Leser*innen mit auf den Weg geben? Was ist dein Credo?

Neugierig sein, gut zuhören und den Mut haben, Neues zu wagen.

Katarina Peranić

Katarina Peranić

Vorständin

Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt

Dozentin

Deutsche StiftungsAkademie

Geschäftsführerin

Stiftung Bürgermut