Tobias Wrzesinski im Gespräch mit Dr. Anna Punke-Dresen

Portraits über Menschen im gemeinnützigen Bereich findet man auch an anderer Stelle. Wir erinnern uns zum Beispiel an die „Köpfe“ in der Stiftungsbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mit dieser Rubrik „Mensch des Monats“ möchten wir Menschen hinter einer Führungsposition besser kennenlernen. Dafür hat Dr. Anna Punke-Dresen diese Rubrik ins Leben gerufen.

Anna Punke-Dresen ist selbst seit über 15 Jahren in diversen Funktionen und Kontexten sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich im gemeinnützigen Sektor unterwegs - unter anderem als stellvertretende Leiterin des Kreises Junge Menschen und Stiftungen, Community Lead für MentorMe, Vorständin von Hamburger mit Herz e.V. und aktuell als Leitung Fundraising der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch.


Schreiben und gemeinnütziges Engagement sind die beiden Pfeiler, die ihren Werdegang prägen.

Mit dieser monatlichen Rubrik möchte sie einige spannende Personen aus ihrem Netzwerk in persönlichen Gesprächen fragen, wie und warum sie sich selbst im gemeinnützigen Bereich engagieren. Welche Ehrenämter werden zusätzlich zum Hauptamt gepflegt? Was treibt sie dazu an? Was bedeutet Engagement für sie und welche Learnings und Botschaften bringt das für sie mit?

Tobias Wrzesinski

Tobias Wrzesinski, Geschäftsführer der DFB-Stiftungen Egidius Braun und Sepp Herberger, und ich kennen uns schon seit ein paar Jahren über den Kreis Junge Menschen und Stiftungen, in dessen Beirat der 38-jährige Diplom-Betriebswirt aktiv ist.




Tobias gehört zu den Menschen, die von sich sagen können, dass sie es geschafft haben, ihre Leidenschaft zum Beruf machen zu dürfen. Als ehemaliger Schiedsrichter engagiert er sich seit November 2009 bei den DFB-Stiftungen für diverse Projekte im Bereich der sozialen Integration im In- und Ausland.

Beeindruckend ist auch die Vielfalt an ehrenamtlichen Engagements neben seiner beruflichen Karriere und so freute ich mich, dass er meiner Interviewanfrage sofort zugesagt hat. Welche Parallelen für Tobias Wrzesinski ein Fußballspiel und ehrenamtliches Engagement haben, wie er Engagement lebt und vorlebt und wie er den gesellschaftlichen Auftrag von Vereinen für die Zukunft bewertet, können Sie, liebe Leser*innen, im Folgenden erfahren:


Lieber Tobias, ich möchte in dieser Rubrik jedem*r Interviewpartner*in die gleiche Einstiegsfrage stellen: Wann und wo hast Du Dich zum allerersten Mal ehrenamtlich engagiert? Wie kamst Du dazu und was war Deine Motivation dahinter?


Mein erstes „richtiges“ Ehrenamt habe ich im November 1997 begonnen. Damals absolvierte ich in der Sportschule Edenkoben die Ausbildung zum Fußball-Schiedsrichter. Mich hat diese Aufgabe schon sehr früh begeistert, ich habe im Fußballstadion und bei TV-Übertragungen immer auf den Schiedsrichter geachtet - vielleicht auch, weil mein Opa einst Schiedsrichter gewesen ist und ich deshalb genetisch vorbelastet bin (lacht). In jedem Fall hat es mich fasziniert, auf dem Fußballfeld die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass ein Spiel fair verläuft und 22 Sportler*innen ihrer Leidenschaft nachgehen können.


Wie hat Dein kontinuierliches ehrenamtliches Engagement Deinem beruflichen Werdegang geholfen? Von welchen Netzwerken profitierst Du heute noch?


Ich treffe in meinem ehrenamtlichen Wirken bis heute viele engagierte und inspirierende Menschen. Gerade durch die Vielzahl von Fußballspielen, die ich mehr als ein Jahrzehnt vor allem an der sogenannten Basis bei kleineren Vereinen geleitet habe, konnte ich spannende Menschen kennen und schätzen lernen, die den Ball im wahrsten Sinne des Wortes ins Rollen bringen und sich selbstlos für den Sport und die Mitglieder ihres jeweiligen Vereins engagieren. Heute schätze ich das Privileg, dass ich meine Leidenschaft für den Fußball jeden Tag leben darf und mein Hobby zum Beruf machen durfte. Dabei habe ich genau diese Erlebnisse und Eindrücke nicht vergessen.


„Wir fragen uns im Stiftungsteam fortlaufend: was können wir im Rahmen unserer Möglichkeiten für den Fußball und die so bemerkenswert engagierten Menschen in den bundesweit rund 24.300 Fußballvereinen tun.“

Auch in eurer Stiftungsarbeit unterstützt ihr junge Menschen dabei, sich ehrenamtlich zu engagieren. Was bedeutet denn für Dich Ehrenamt? Was möchtest Du den jungen Menschen damit auf den Weg geben?


Für mich ist der Begriff des sogenannten „Vereinsmeiers“ keine Beleidigung - im Gegenteil: er steht für eine große Tradition und eine besondere Vielfalt. Mehr als 88.000 Sportvereine setzen sich dafür ein, dass Kinder und Jugendliche sportlich aktiv sein, sich miteinander messen, sich kennen und verstehen lernen können. Wertevermittlung ist notwendiger denn je und zählt zum „Kerngeschäft“ der ehrenamtlich geprägten Sportvereine und selbstverständlich in gleicher Weise auch zum Wesenskern anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen. Bei aller Ökonomisierung und medialer Reichweite sind das für mich die wahren Stärken des Sports. Mit der Egidius-Braun-Akademie wollen wir insofern unseren Beitrag leisten, als dass wir junge Menschen, die sich bereits ehrenamtlich in Sportvereinen oder -verbänden engagieren, bei ihrem Wirken unterstützen, ihnen zusätzliches Wissen vermitteln und sie miteinander in Kontakt bringen. Daneben engagieren wir uns mit einem Leadership-Programm für Menschen mit Fluchterfahrung, um das Potential der neuen Mitbürger*innen für den Sport und den Fußball zu nutzen. Mit unserer Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ engagieren wir uns für Jugendstrafgefangene, bilden sie gemeinsam mit den DFB-Landesverbänden beispielsweise zu Trainern und Schiedsrichtern aus, um zusammen eine Zukunft im Fußball zu gestalten. Im Handicap-Bereich setzen wir auf Trainer-Duos, die sich aus Menschen mit und ohne Behinderung zusammensetzen.


„Wir fragen immer nach den Stärken, nicht nach der Herkunft, einem Handicap oder einer Straftat. Ich weiß aus meiner eigenen Vita: im Ehrenamt kann man etwas bewegen, man wird gebraucht und bekommt dadurch zusätzlichen Halt im Leben und Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten.“

Wenn Du auf Deine bisherigen ehrenamtlichen Ämter zurückblickst - vom Schiedsrichter, über das Mentoring bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem Wirken bei Rotary und im Palliativ- und Hospiz-Bereich: Was waren die wichtigsten Stationen, was und wie hast Du gesellschaftlich dabei bewegt?


Die Schiedsrichterei habe ich über Jahre leistungsorientiert betrieben und bis zu meinem Ausscheiden vor wenigen Jahren weit mehr als 1.000 Fußballspiele geleitet. Der Schiedsrichter ist wesentlicher Teil des Spiels und ermöglicht anderen ihr Sporttreiben. Ohne den 23. Mann (oder Frau) geht es eben nicht. Im Mentoringprogramm der Friedrich-Ebert-Stiftung bin ich als früherer Stipendiat schon einige Jahre aktiv. Ich habe aktuell die Freude, dass ich eine beeindruckende junge Stipendiatin auf ihrem Weg begleiten darf. Wahrscheinlich lerne ich mehr von ihr als sie von mir (lacht). Das Thema Palliativ-Versorgung bewegt mich seit dem Tod meines Vaters vor nunmehr zwei Jahren sehr. Zuvor hatte ich keinerlei Berührungspunkte mit diesem Bereich. Der Tod ist ein schweres Thema, das wir oft von uns wegschieben. Ich weiß heute, dass es ein Privileg ist, wenn man am Ende seines Lebens in Würde sterben darf. Unser Gesundheitssystem hat bei allen Stärken auch Schwächen, dazu zählt meiner Meinung nach der Umgang mit todkranken Patient*innen. Mir ist es deshalb wichtig, mich in diesem Bereich mit meinen Möglichkeiten einzusetzen.


Wie genau haben Dir Deine Ehrenämter in Deiner Karriere geholfen? Was waren und sind die wichtigsten Learnings?


Meine Ehrenämter helfen mir noch heute in meinem privaten und beruflichen Alltag. Ich mag engagierte Menschen, die sich nicht fragen, „Was habe ich davon?“, sondern „Was kann ich tun?“. Ich mag es, Probleme pragmatisch zu lösen, anzupacken und nicht zu lamentieren, was alles nicht geht. Die beste und ausführlichste Problembeschreibung hilft doch nichts, wenn am Ende die Lösung fehlt und der berühmte „Ball“ sprichwörtlich nicht im Tor landet. Meine Erfahrungen, die ich gerade auch auf dem Fußballfeld sammeln durfte, helfen mir heute im Beruf unter anderem dabei, mich in die Lage der engagierten Menschen in den Fußballvereinen an der Basis hineinzuversetzen. Im Stiftungsteam sind wir viel unterwegs. Wir wollen die Menschen treffen, mit denen und für die wir uns engagieren. Wir wollen um ihre Bedarfe wissen und im Dialog besprechen, was wir tun können, um das jeweilige Ziel im „Doppelpass“ zu erreichen. Das geht nach meiner festen Überzeugung im Gespräch vor Ort viel besser als vom Schreibtisch aus.


Zugleich ist Dir das Vereinswesen an sich sowohl in Deinen Ehrenämtern als auch als Stiftungsgeschäftsführer wichtig. Wie bewertest Du die aktuelle Situation von Vereinen, bleiben wir mal bei den Sportvereinen. Was macht für Dich erfolgreiche Vereinsarbeit aus? Und wie sollte sich der gesellschaftliche Auftrag von Vereinen in Zukunft entwickeln?


Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat kürzlich eine für mich erschreckende Nachricht veröffentlicht: Während der Corona-Pandemie sind bereits eine Million Mitgliedschaften in den bundesdeutschen Sportvereinen erloschen. Das ist eine alarmierende Zahl, die zeigt, wie groß die pandemie-bedingte Not vor allem an der Basis, in den kleinen Vereinen um die Ecke ist. Ehrenamtliches Engagement ist deshalb notweniger denn je. (Sport-)Vereine sind nach meiner festen Überzeugung wesentliche Bestandteile unserer pluralen Gesellschaft. Allerdings gab es schon vor der Corona-Krise Herausforderungen, neue „Ehrenamtler*innen“ zu gewinnen. Häufig hören wir, dass der Verein zunehmend als Dienstleister gesehen wird und dabei die Bereitschaft, sich selbst einzubringen, abnimmt.


„Ein Idealverein kann als solcher aber nur dann überleben, wenn er als das gelebt wird, was er ist: eine Solidargemeinschaft von Menschen unterschiedlicher Herkunft, sozialer Schichten und individueller Stärken. Wenn sich jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten in diese Gemeinschaft einbringt, sind die Vereine auf Dauer überlebensfähig und können in der günstigen Preisstruktur fortbestehen.“

Dabei bin ich mir sicher, dass Vereine in der direkten Ansprache potenzieller Unterstützer*innen auch noch aktiver werden können. Das setzt ein breites Wissen über die Mitgliederschaft voraus. Wenn man beispielsweise weiß, dass ein Mitglied als Steuerberater tätig ist, oder die Mutter eines Jugendspielers Werbefachfrau ist, warum dann nicht gezielt auf dieses Wissen zurückgreifen und die jeweiligen Menschen aktiv ansprechen und zur Mitarbeit einladen? Gerade junge Vereinsmitglieder können im Bereich der sozialen Netzwerke unterstützen, ihren Verein digitaler machen und ihre Wünsche für das Ehrenamt 2.0 formulieren und aktiv leben. Unsere Gesellschaft braucht ein lebendiges Vereinsleben, im Gesundheitswesen, bei den Tafeln, im Sport, der Musik, der Kunst, im Brauchtum, der Tierpflege und der Geselligkeit. Es sind doch gerade die Begegnungen zwischen den Menschen, die das Leben lebenswert machen – vor allem das hat uns die Pandemie doch gezeigt.

3 Antworten in einem Satz:


Welches Buch hast Du bzgl. Ehrenamt oder auch Vereinswesen gelesen, das dich nachhaltig beeindruckt hat? Während meines Studiums fand ich die Veröffentlichungen von Gerhard Trosien sehr interessant. Er weist bis heute auf die gesellschaftliche Bedeutung des dritten Sektors hin und betrachtet den Sport dabei nicht ausschließlich aus der ökonomischen Perspektive. Aus Schiedsrichter-Sicht hat mich unlängst das Buch „Die richtige Entscheidung“ von Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich begeistert. Er beschreibt darin eindrucksvoll, warum die „Pfeiferei“ das schönste Ehrenamt der Welt ist. Wenn Du einen Wunsch für den gemeinnützigen Sektor frei hättest, welcher wäre das? Dass Menschen jeden Alters, jeder (sozialer) Herkunft, ob mit oder ohne Handicap, sich mit ihren individuellen Stärken in den dritten Sektor einbringen und dabei die bestmöglichen Rahmenbedingungen vorfinden. Was möchtest Du unseren Leser*innen mit auf den Weg geben? Was ist Dein Credo? Ich habe für mich gelernt: Frag‘ nicht, was es dir bringt, sondern mach‘ das, was dir Freude macht, mit großer Leidenschaft, der Rest kommt von allein.

Tobias Wrzesinski

Tobias Wrzesinski

Geschäftsführer

DFB-Stiftungen Egidius Braun und Sepp Herberger