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Stephanie Reuter im Gespräch mit Dr. Anna Punke-Dresen

Wer steckt hinter dieser neuen Rubrik und was möchte sie für einen Mehrwert bieten?

Portraits über Menschen im gemeinnützigen Bereich findet man auch an anderer Stelle. Wir erinnern uns zum Beispiel an die „Köpfe“ in der Stiftungsbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mit dieser Rubrik „Mensch des Monats“ möchten wir Menschen hinter einer Führungsposition besser kennenlernen. Dafür hat Dr. Anna Punke-Dresen diese Rubrik ins Leben gerufen.


Anna Punke-Dresen ist selbst seit über 15 Jahren in diversen Funktionen und Kontexten sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich im gemeinnützigen Sektor unterwegs - unter anderem als stellvertretende Leiterin des Kreises Junge Menschen und Stiftungen, Community Lead für MentorMe, Vorständin von Hamburger mit Herz e.V. und aktuell als Leitung Fundraising der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch.


Schreiben und gemeinnütziges Engagement sind die beiden Pfeiler, die ihren Werdegang prägen.

Mit dieser monatlichen Rubrik möchte sie einige spannende Personen aus ihrem Netzwerk in persönlichen Gesprächen fragen, wie und warum sie sich selbst im gemeinnützigen Bereich engagieren. Welche Ehrenämter werden zusätzlich zum Hauptamt gepflegt? Was treibt sie dazu an? Was bedeutet Engagement für sie und welche Learnings und Botschaften bringt das für sie mit?

 
Stephanie Reuter

Stephanie Reuter ist eine deutsche Journalistin und Geschäftsführerin der Rudolf Augstein Stiftung in Hamburg.







 

Liebe Stephanie, ich möchte in dieser Rubrik jedem*r Interviewpartner*in die gleiche Einstiegsfrage stellen: Wann und wo hast Du Dich zum allerersten Mal ehrenamtlich engagiert? Wie kamst Du dazu und was war Deine Motivation dahinter?


Erst in der Rückschau fällt mir auf, dass mich tatsächlich der Journalismus zu meinem allerersten Engagement gebracht hat. Als in Kindertagen mein „Tierfreund“-Abo durch das „Greenpeace-Magazin“ abgelöst wurde, gründete ich mit einer Freundin ein Greenteam. Die Idee war, in der eigenen Nachbarschaft durch kleine Aktionen einen Unterschied zu machen. Wir sammelten Müll im Wald und schrieben Flyer, die unter Scheibenwischer geklemmt zu Mülltrennung aufriefen oder Tierversuche anprangerten. Das klingt niedlich, aber wir nahmen das als Kinder sehr ernst. Danach folgten einige Jahre in der Jugendarbeit des CVJM, in der Schülermitverwaltung und beim heimischen Handballverein.


Du hast im Medien- und Stiftungsbereich als Journalistin und Managerin einen bewegten Lebenslauf. Als Du 2011 die Geschäftsführung der Rudolf Augstein Stiftung übernommen hast, was waren damals Deine Ambition und Deine Ziele und was hast Du davon in den über zehn Jahren erreicht und umsetzen können?


Für mich war es ein großes Privileg, durch die Stiftungstätigkeit „Meta“ gehen zu können. Statt an einzelnen Recherchen zu arbeiten, konnte ich plötzlich das gesamte journalistische Ökosystem in den Blick nehmen. Seither begleitet mich täglich die Frage: Wie lässt sich dieses Ökosystem in Zeiten der digitalen Transformation stärken? Hierfür stellen wir Risikokapital für Organisationen zur Verfügung, die den investigativen Journalismus voranbringen, die neue Methoden und Geschäftsmodelle erproben oder die zur Vernetzung und Vielfalt im journalistischen Feld beitragen.


Mir war allerdings sofort klar, dass eine einzelne Stiftung wenig ausrichten kann. Daher agieren wir als Netzwerkerin und Brückenbauerin im Feld: Neben unserer Fördertätigkeit schaffen wir Aufmerksamkeit für die Relevanz des Themas. Schließlich wissen viele nicht, dass die Medienkonzentration in Deutschland stetig zunimmt. Im Lokaljournalismus beispielsweise werden immer mehr Stellen gestrichen, Redaktionen zusammengelegt oder gar aufgelöst. Dabei belegen Studien: Wo Journalismus Missstände nicht sichtbar macht, geht unsere Demokratie ein.


Inzwischen tragen unsere Bemühungen Früchte. Mit dem Expertisekreis Qualitätsjournalismus und Stiftungen haben wir eine Anlaufstelle für kollegialen Austausch unter dem Dach des Bundesverbands geschaffen. Auf europäischer Ebene gibt es das Journalism Funders Forum, in das wir uns einbringen und unter dem Dach von Civitates haben wir mit Mitstreiter*innen aus ganz Europa den ersten gepoolten Fonds für unabhängigen gemeinwohlorientierten Journalismus geschaffen. Zudem wächst das Feld innovativer Medien-Start-ups beständig. Doch es gibt noch viel zu tun: Das Feld ist chronisch „unterfördert“, und vieles, was wir mitanstoßen, gilt es in die Fläche zu tragen. Denken wir beispielsweise an mehr Diversität in Redaktionen.


Du setzt Dich sehr für gemeinnützigen Journalismus ein – kannst Du die Leser*innen hier mal abholen: Was bedeutet gemeinnütziger Journalismus für Dich?


Der gemeinnützige Journalismus leistet einen Beitrag zur Medienvielfalt. Er ergänzt die Angebote der Öffentlich-Rechtlichen und der privatwirtschaftlichen Verlage. Wie die privatwirtschaftlichen Verlage muss er sich refinanzieren, aber anders als diese verfolgt er keine Gewinnerzielungsabsicht. Die Erkenntnis steht vor etwaigen Erlösen. Gerade in Bereichen, die kostenintensiv sind und in denen wir ein Marktversagen beobachten – ich denke an Investigativ- oder Lokal-Journalismus –, sind diese Angebote wichtig. Aber auch, wenn es darum geht, Journalismus neu zu denken, setzen gemeinwohlorientierte Angebote wichtige Impulse. Sie experimentieren mit neuen Formen und setzen auf Kollaboration statt Konkurrenz, um Missstände aufzudecken. Allen, die jetzt neugierig geworden sind, lege ich unseren Report „Wozu Non-Profit-Journalismus?“ ans Herz – diesen haben wir gemeinsam mit Phineo, der Schöpflin Stiftung und Luminate erarbeitet.


Im Koalitionsvertrag nimmt gemeinnütziger Journalismus erfreulicherweise einen deutlichen Platz ein. Hast Du die Koalitionsverhandlungen dazu mitbekommen? Was sind für Dich die nächsten wichtigen Schritte?


Seit Jahren lobbyieren wir als Teil des Forum Gemeinnütziger Journalismus für die Anerkennung des Non-Profit-Journalismus als gemeinnützig. Denn bis heute arbeiten die Pionier*innen im Feld mit Hilfskonstruktionen, um für ihre Newsrooms diesen Steuerstatus zu erlangen. Dass die neue Regierung jetzt Rechtssicherheit schaffen will, halten wir für ein wichtiges Signal. Natürlich haben wir während der Koalitionsverhandlungen jede Menge Hintergrundgespräche geführt und Stellungnahmen geschrieben, um mit unseren Argumenten durchzudringen. Jetzt geht es an die Umsetzung. Wir möchten, dass den Worten schnell Taten folgen, erst dann knallen die Sektkorken.


Du hast in den USA zu stiftungsfinanziertem Journalismus geforscht. Was können wir von den USA lernen? Was wünscht Du Dir für die Entwicklung in Deutschland vor dem Hintergrund Deiner Erfahrungen im Ausland?


Im Vergleich zu Deutschland hat der stiftungsfinanzierte Journalismus in den Vereinigten Staaten eine lange Tradition. Das wird vom dortigen Mediensystem begünstigt. US-Amerikaner*innen beneiden uns um unseren starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, denn in den USA fristen Public Service Media ein Nischendasein. Sie sind seit jeher auf Stiftungs- und Spendengelder angewiesen. Zudem hat die Finanzkrise zu einem Kahlschlag der Lokalberichterstattung geführt. In den vergangenen 15 Jahren wurden mehr als 2.000 Redaktionen geschlossen. Man spricht von Nachrichtenwüsten (news deserts). Wie Stiftungen diesem negativen Trend begegnen, interessierte mich. Begeistert war ich von der vielfältigen Innovationsförderung. Auch erproben Medienorganisationen neue Eigentümerschaftsmodelle, die sehr viel demokratischer aufgestellt sind. Dabei kommen zum Beispiel Community Foundations ins Spiel und fördern Lokaljournalismus – hier ist bei uns noch viel Luft nach oben. Auch wenn Modelle immer an die Gegebenheiten vor Ort angepasst werden müssen, so empfinde ich den Austausch mit den US-Stiftungskolleg*innen nicht nur als inspirierend, sondern als wichtig. Denn wir sollten hierzulande kluge Förderinstrumente initiieren, bevor auch bei uns Strukturen weiter erodieren.


Ich könnte Dich hier auch ausführlich zu Deinem aktuellen, breit gefächerten ehrenamtlichen Engagement befragen. Du bist Leiterin des Arbeitskreises Stiftungskommunikation beim Bundesverband Deutscher Stiftungen und Mitinitiatorin und Beiratsmitglied des Forum Gemeinnütziger Journalismus. Zudem hast Du mit #ImpulseStiften eine ehrenamtliche Initiative zusammen mit Felix Dresewski, Karsten Timmer und Kirsten Wagner 2020 zu Beginn der Corona-Pandemie auf die Beine gestellt, die sich seitdem 14-tägig zu spannenden Fokusthemen mit renommierten Expert*innen trifft. Wie bekommst Du das denn alles unter einen Hut? Wie schaut ein klassischer Arbeitstag einer Stephanie Reuter aus?


Dadurch, dass ich das Privileg habe, mich für meine Herzensthemen in der Stiftung und darüber hinaus einsetzen zu können, verschwimmen Grenzen häufig und die Tage sind entsprechend durchgetaktet. Doch die Impulse und die Freude, die das ehrenamtliche Engagement bringen, möchte ich auf keinen Fall missen.


Was sind innerhalb dieser Ehrenämter Deine Themen für 2022 und wovon profitierst Du beruflich und persönlich am meisten?


Über die Rechtssicherheit für den gemeinnützigen Journalismus haben wir gesprochen. Bei #ImpulseStiften geht es um die Weiterentwicklung unseres Stiftungshandwerks, denn das wird zu selten kritisch unter die Lupe genommen und diskutiert. Hier spielen Machtgefälle eine nicht zu unterschätzende Rolle. Aktuell befassen wir uns vor allem mit der Frage, wie Förderstiftungen ihre Aktivitäten vertrauensvoller und agiler gestalten können.


Beruflich und persönlich profitiere ich am meisten vom Austausch mit meinen Mitstreiter*innen – dieser ist so wertvoll und bereichernd, dafür bin ich einfach nur dankbar.

 

2 Antworten in einem Satz:


Welches Buch hast Du bzgl. Ehrenamt/Engagement oder auch den Feldern, in denen Du Dich engagierst, gelesen, das Dich nachhaltig beeindruckt hat?

Modern Grantmaking – A Guide for Funders Who Believe Better is Possible“ ist den “Reformern” gewidmet – auf dass wir alle von Zeit zu Zeit unsere Arbeit reflektieren und wertegeleitet weiterentwickeln.


Wenn Du einen Wunsch für den Stiftungssektor frei hättest, welcher wäre das?

Dass sich alle Stiftungen mit den Thesen der Initiative #VertrauenMachtWirkung auseinandersetzen und deren Vorschläge umsetzen.

 
Stephanie Reuter

Stephanie Reuter

Geschäftsführerin

Rudolf Augstein Stiftung

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