Prof. Dr. Hans Fleisch im Gespräch mit Dr. Anna Punke-Dresen

Portraits über Menschen im gemeinnützigen Bereich findet man auch an anderer Stelle. Wir erinnern uns zum Beispiel an die „Köpfe“ in der Stiftungsbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mit dieser Rubrik „Mensch des Monats“ möchten wir Menschen hinter einer Führungsposition besser kennenlernen. Dafür hat Dr. Anna Punke-Dresen diese Rubrik ins Leben gerufen.


Anna Punke-Dresen ist selbst seit über 15 Jahren in diversen Funktionen und Kontexten sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich im gemeinnützigen Sektor unterwegs - unter anderem als stellvertretende Leiterin des Kreises Junge Menschen und Stiftungen, Community Lead für MentorMe, Vorständin von Hamburger mit Herz e.V. und aktuell als Leitung Fundraising der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch.


Schreiben und gemeinnütziges Engagement sind die beiden Pfeiler, die ihren Werdegang prägen.

Mit dieser monatlichen Rubrik möchte sie einige spannende Personen aus ihrem Netzwerk in persönlichen Gesprächen fragen, wie und warum sie sich selbst im gemeinnützigen Bereich engagieren. Welche Ehrenämter werden zusätzlich zum Hauptamt gepflegt? Was treibt sie dazu an? Was bedeutet Engagement für sie und welche Learnings und Botschaften bringt das für sie mit?

Prof. Dr. Hans Fleisch

Prof. Dr. Hans Fleisch - unter anderem Vorsitzender des Stiftungsrats der Heinz-Trox-Stiftung, ehemaliger Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen u.v.m. -habe ich zum ersten Mal in einem Seminar zum Thema „Stiftungsmanagement“ an der Universität Hildesheim kennengelernt.


Ich studierte damals „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“ im Hauptstudium und das Seminarangebot machte mich aufgrund meiner Engagementerfahrung neugierig.


Wie es sicherlich vielen Menschen geht, die den ehemaligen Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen kennenlernen durften, beeindruckte mich die erste Begegnung mit Hans sehr. Selten ist mir ein fremdes Thema mit so viel Begeisterungsfähigkeit, Fokussierung, Transferleistung, und natürlich auch Expertise vermittelt worden.


Es folgten mein Engagement als studentische Hilfskraft für Hans und auch im Rahmen mehrerer Deutscher Stiftungstage, wo ich hinter den Kulissen sehr viel über Veranstaltungsmanagement lernen durfte; zudem schrieb ich meine Diplomarbeit und meine Promotion bei ihm und habe letztendlich den Stiftungsbereich, den gemeinnützigen Bereich und viele spannende Personen meines Netzwerks dank Hans persönlich kennengelernt.


Warum es wichtig ist, stets den Blick über den Tellerrand zu behalten, welche spannenden und vielschichtigen Wege seine Engagementkarriere beinhalten und was er sich für die Zukunft des Gemeinwesens wünscht, zeigt unser Interview mit Hans als „Mensch des Monats“.


Lieber Hans, ich möchte in dieser Rubrik jedem*r Interviewpartner*in die gleiche Einstiegsfrage stellen: Wann und wo hast Du Dich zum allerersten Mal ehrenamtlich engagiert? Wie kamst Du dazu und was war Deine Motivation dahinter?


Es begann 1972 und war zunächst politisches Engagement. Ich war gerade 14 Jahre alt geworden, Klassensprecher und damit auch Mitglied im Schülerrat. Der Schülerrat war damals dominiert von Linksradikalen aus der Oberstufe. Es gab einen enormen Druck, linksradikal zu sein. Ich wollte mich dagegen wehren und habe darum, sozusagen als kleine Gegenbewegung, mit einem Freund eine neue Schülergruppe gegründet. Um Anhänger auch für die Schülersprecherwahlen zu gewinnen, haben wir beide alle möglichen eigentlich unpolitischen Projekte für Schüler gestartet: von Kinonachmittagen in der Aula bis zu Mittelstufenparties. Die Schülergruppe wuchs rasch und baute die Services für Schüler weiter aus. Und dann habe ich auch die Schülersprecherwahlen gewonnen und das Engagement entsprechend ausgebaut fortgesetzt.


An der Universität habe ich dann wiederum eine entsprechende Gruppe gegründet im ersten Semester und nach gleichem Muster zusätzliche Services für Studierende organisiert mit einer wachsenden Zahl an Mitwirkenden, was sich dann auch in Wahlerfolgen niederschlug – so wurde die Mehrheit der Marxisten im Studentenparlament gebrochen und ich wurde Mitglied des ASTA und dort Kulturreferent.


Also: Es begann mit einem Engagement, das letztlich auf Verteidigung unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung zielte, aber was überwiegend aus sozusagen sozialen und kulturellen Dienstleistungen bestand.


Du hast wie kein anderer den gemeinnützigen Bereich seit den 1990er Jahren entscheidend geprägt, nicht nur durch Deine Zeit als Generalsekretär beim Bundesverband Deutscher Stiftung. Du hast diverse Vereine, Institute und Stiftungen gegründet, mit aufgebaut und geleitet, warst Regierungsbeauftragter ZivilEngagement beim BMFSFJ, hast bis heute eine Ehrenprofessur im Bereich Stiftungsmanagement in Hildesheim und ich könnte hier noch vieles weiter aufzählen.

Wenn Du heute neben Deinen vielen Hauptämtern auch auf Deine Ehrenämter und daraus resultierende Netzwerke blickst – was waren Deine wichtigsten Stationen und wovon profitierst Du heute noch?


Bis heute prägend war und ist mein jahrelanges Engagement im Fortbildungswerk für Studenten und Schüler FWS, das in meinem zweiten Studiensemester begann. Das überparteiliche FWS diente der Stärkung von Kompetenzen für demokratisches Engagement, also allgemeinpolitisches Wissen, Rhetorik, Wahlkampforganisation usf. Das FWS beruhte auf dem Engagement von Studierenden, die Kernfinanzierung kam von einer Stiftung. Zunächst war ich da Assistent des Studenten Rüdiger von Fritsch, der zuletzt deutscher Botschafter in Russland war, sodann war ich Seminarleitungs-Vertreter des Studenten Thomas de Maiziere, dann wurde ich selbst Seminarleiter und meine Vertreterin war Wera Hophouse, die heute im britischen Unterhaus für die Liberaldemokraten sitzt. Sehr sehr viele damals Engagierte vom FWS, das mit dem Ende der Stiftungsförderung dann leider kollabierte, sind später im Stiftungswesen „gelandet“, die FWS-Ehemaligen sind bis heute ein für mich sehr bereicherndes wichtiges Netzwerk. Und ich habe durch dieses Engagement in FWS und für meine Hochschulgruppe mehr gelernt als durch das Studium: Menschenführung und -motivation, Argumentation und öffentliche Kommunikation, Organisation, Fundraising usf., also das, was ich beruflich seit vielen Jahren als Handwerkszeug benötige.

Eine weitere besonders wichtige Station war mein achtjähriges Ehrenamt an der Spitze der internationalen Organisation Population Communication International, New York, die weltweit agierte mit Seifenopern – auch im Radio – für gesundheitsförderliche Verhaltensänderung, z.B. Popularisierung von Kondomnutzung. Das hat mir – neben meiner beruflichen Arbeit für die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung – prägende Erfahrungen auf der internationalen Ebene beschert, und ich habe u.a. viel über Verhaltensbeeinflussung gelernt.

Die anderen Engagements waren aber auch allesamt sehr lehrreich. Ich hatte ja immer mehrere parallel, aber immer jeweils befristet auf zwei Amtsperioden. So habe ich z.B. eine Zeitlang ehrenamtlich u.a. eine Stiftung für Traumaforschung geleitet, das war ein kleines Engagement mit enormer Horizonterweiterung. Und auch meine heutigen Ehrenämter z.B. im Wirtschaftsbeirat der Organisation Chancenwerk e.V. oder als Gesellschafter des Zentrums für die Liberale Moderne erfahre ich als Meilensteine meiner Engagementbiografie.


Wie genau haben Dir Deine Ehrenämter in Deiner Karriere geholfen? Was waren und sind die wichtigsten Learnings?


Zunächst einmal haben die frühen Erfahrungen in meinem zivilgesellschaftlichen Engagement dazu geführt, dass ich meine begonnene Karriere als Manager in der Wirtschaft früh wieder abgebrochen habe, um auch beruflich in die Zivilgesellschaft zu wechseln. Die verschiedenen Ehrenämter haben mir dann nicht direkt in einer Karriere geholfen; aber sie haben mir erstens Netzwerke beschert, die beim beruflichen Wirken oft hilfreich waren, um Ergebnisse zu erzielen, u.a. weil sie Zugänge zu Entscheidungsträgern und Multiplikatoren erleichterten, und meine Engagements waren zweitens sicher wichtig für meine allgemeine Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung.

Gelernt habe ich im Ehrenamtlichen vor allem zwei Dinge: Erstens das Handwerk, wie man auf Basis bloßer Ideen dann vernünftige Konzepte und letztlich die Realisierung der Gemeinwohlvorhaben hinbekommt. Zweitens, dass es beim Einschienen und Verwirklichen von sinnvollen Gemeinwohlvorhaben letztlich nur auf Handwerk, eigenes Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, andere zu motivieren, ankommt. Wenn Du aus praktischer Erfahrung im Ehrenamt weißt, dass Du diese drei Kompetenzen hast, dann kannst Du Dir relativ frei aussuchen, was Du zum Gelingen bringen willst.


Was macht für Dich erfolgreiches gesellschaftliches Engagement aus? Was sind für Dich Voraussetzungen, damit Du Dich gerne freiwillig engagierst?


Gesellschaftliches Engagement ist aus meiner Sicht erstens dann als erfolgreich einzustufen, wenn es eine Verhaltensänderung bei anderen und damit – u.U. mittelbar - einen Gemeinwohleffekt bewirkt: also wenn das Engagement das Sachurteil oder Werturteil anderer so beeinflusst, dass diese Beeinflussung deren darauf basierendes Verhalten gemeinwohlförderlich verändert. Zweitens ist gesellschaftliche Engagement auch dann erfolgreich, wenn es unmittelbar etwas Gemeinwohlförderliches bewirkt, z.B. indem ich bei einer Streuobst-Baumpflanzaktion mithelfe. Und drittens ist gesellschaftliches Engagement erfolgreich, wenn es eine Gemeinwohlorganisation und deren Wirken stabilisiert oder sonstwie stärkt. Das sind aus meiner Sicht die drei alternativen Wege zum Erfolg im Engagement, und eine Kombination aus allen dreien macht mir am meisten Freude.

Für mich persönlich ist Voraussetzung für ein Engagement, dass ich da jeweils mit netten Leuten zu tun habe, dass das Thema bzw. Anliegen mich besonders interessiert, ferner dass meine Kompetenzen hilfreich sind und dass das Verhältnis zwischen meinem Zeitaufwand und potentiellem Effekt gut ist. Und vor allem, dass ich überhaupt noch Zeit dafür übrig habe, z.B. weil ein anderes Ehrenamt von mir gerade ausgelaufen ist.


In den letzten Jahrzehnten hat sich rechtlich einiges zugunsten der Förderung von Engagement und Ehrenamt positiv verändert. Was waren für Dich als Rechtsanwalt und auch als Gemeinnützigkeitsmanager entscheidende Meilensteine und was muss sich in Deinen Augen noch ändern?


Die im Jahr 2000 eingesetzte Bundestags-Enquetekommission Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements sowie die Stiftungsrechts- und die Gemeinnützigkeitsrechtsreformen der letzten Jahrzehnte waren entscheidende Meilensteine. Der Rechtsrahmen ist heute recht gut, unnötig schwierig und erschwerend ist nach wie vor oft die staatliche Verwaltungspraxis.

Die Errichtung der deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt ist sicher auch ein wichtiger Meilenstein. Hervorhebenswert ist auch die Initiative Bürgerstiftungen; dieses Projekt wurde von einer Gruppe von Stiftungen ermöglicht.

Ansonsten gab es bei der Förderung des bürgerschaftlichen Engagements im Laufe der Zeit mehr Förderprogramme seitens des Staates auf vielen Ebenen, aber bei der Engagementförderung durch nicht-staatliche Stiftungen gab es gar nicht so sehr viel Veränderungen. Es sind ja nur wenige wie z.B. die Bosch-Stiftung und die Körber-Stiftung, die explizit und gewichtig bürgerschaftliches Engagement und nicht nur konkrete Einzelprojekte von zivilgesellschaftlichen Akteuren fördern. Da sehe ich bei vielen v.a. den größeren Stiftungen Entwicklungschancen.

Und zudem ist der Plan, das wichtige Dachverbände-„Bündnis für Gemeinnützigkeit“ zu einer wirklich schlagkräftigen einflussreichen Stimme der Zivilgesellschaft zu entwickeln, auf halber Strecke steckengeblieben; der Plan ist aber weiterhin richtig und wichtig.


Welcher ehrenamtliche Bereich liegt Dir persönlich am Herzen? Und was möchtest Du in Zukunft noch ehrenamtlich bewirken?


Was mir persönlich am Herzen liegt hinsichtlich meiner ehrenamtlichen Tätigkeiten, darauf gibt mein derzeitiges Engagement die Antwort: Verteidigung unserer liberalen rechtsstaatlichen Demokratie gegen Angriffe von innen und außen (durch meine ehrenamtliche Gesellschafterstellung des Zentrums für die liberale Moderne); Bildungsbenachteiligung verringern und Integration fördern (durch mein Ehrenamt bei Chancenwerk e.V.).; die Bedeutung von demografischen Veränderungen bewusster machen (u.a. durch meinen Vorsitz im Stiftungsrat des Berlin Instituts), um einmal die wichtigsten zu nennen.

Und mir ist es ein Herzensanliegen, zur Popularisierung von Unternehmens-Nachfolgelösungen mit Stiftungselementen beizutragen, weil das sowohl für den gesamten Stiftungssektor und damit auch die Zivilgesellschaft als auch den Wirtschaftsstandort enorm chancenreich ist. Da bin ich auf unterschiedliche Weise auch ehrenamtlich aktiv.

Das Spendenengagement von meiner Frau und mir kommt hinzu, das ist sehr breit gestreut auf viele aber jeweils kleinere Spenden, das geht von Amnesty Int. über Entwicklungshilfe bis zur Förderung von Kirchenmusik in Brandenburg.

Im Übrigen liegen mir aber auch meine nicht-ehrenamtlichen Betätigungen für und in Stiftungen sowie die Beratung von Stiftungen, Stiftenden und NGOs wirklich genauso am Herzen; das ist für mich mehr Berufung als bloß Beruf. Insgesamt arbeite ich mal bezahlt, mal ehrenamtlich, aber dabei weitgehend auf dem gleichen Acker, dem Stiftungs- und Nonprofitsektor.

3 Antworten in einem Satz

Welches Buch hast Du bzgl. Ehrenamt oder auch Gemeinwesen gelesen, das dich nachhaltig beeindruckt hat? Der Abschlussbericht der Bundestags-Enquetekommission Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements.

Wenn Du einen Wunsch für den gemeinnützigen Sektor frei hättest, welcher wäre das? Ich wünschte mir, dass das Dachverbände-„Bündnis für Gemeinnützigkeit“ von den relevanten Dachverbänden der Zivilgesellschaft zu einer stärkeren Stimme und übergreifenden Institution der Zivilgesellschaft weiterentwickelt wird.

Was möchtest Du unseren Leser*innen mit auf den Weg geben? Was ist dein Credo? Taten sprechen lauter als Worte


Prof. Dr. Hans Fleisch

Prof. Dr. Hans Fleisch

u.a.

Vorsitzender des Stiftungsrats

Heinz-Trox-Stiftung


ehem. Generalsekretär

Bundesverband Deutscher Stiftungen