Gorden Isler im Gespräch mit Dr. Anna Punke-Dresen

Portraits über Menschen im gemeinnützigen Bereich findet man auch an anderer Stelle. Wir erinnern uns zum Beispiel an die „Köpfe“ in der Stiftungsbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mit dieser Rubrik „Mensch des Monats“ möchten wir Menschen hinter einer Führungsposition besser kennenlernen. Dafür hat Dr. Anna Punke-Dresen diese Rubrik ins Leben gerufen.


Anna Punke-Dresen ist selbst seit über 15 Jahren in diversen Funktionen und Kontexten sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich im gemeinnützigen Sektor unterwegs - unter anderem als stellvertretende Leiterin des Kreises Junge Menschen und Stiftungen, Community Lead für MentorMe, Vorständin von Hamburger mit Herz e.V. und aktuell als Leitung Fundraising der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch.


Schreiben und gemeinnütziges Engagement sind die beiden Pfeiler, die ihren Werdegang prägen.

Mit dieser monatlichen Rubrik möchte sie einige spannende Personen aus ihrem Netzwerk in persönlichen Gesprächen fragen, wie und warum sie sich selbst im gemeinnützigen Bereich engagieren. Welche Ehrenämter werden zusätzlich zum Hauptamt gepflegt? Was treibt sie dazu an? Was bedeutet Engagement für sie und welche Learnings und Botschaften bringt das für sie mit?

Gorden Isler

Seit 2016 ist Gorden Isler Aktivist in der zivilen Seenotrettung und seit 2018 ehrenamtliches Mitglied des Vorstandes bei den Regensburger Seenotretter*innen von Sea-Eye e.V.




Lieber Gorden, ich möchte in dieser Rubrik jedem*r Interviewpartner*in die gleiche Einstiegsfrage stellen:

Wann und wo hast Du Dich zum allerersten Mal ehrenamtlich engagiert? Wie kamst Du dazu und was war Deine Motivation dahinter? Zum allerersten Mal war das bei der Jugendfeuerwehr in meiner Heimatgemeinde Gusow. Das liegt rund eine Stunde östlich von Berlin. Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich da war. Aber ich ging noch in die Grundschule. Als kleiner Junge begeisterte ich mich einfach für die Feuerwehr, für Rettungswagen und auch für die Polizei. Für mich waren das besondere Menschen, weil sie anderen Menschen helfen. Das sehe ich auch heute noch so. Wir kennen uns über den Verein Hamburger* mit Herz, der inzwischen 11 Jahre alt ist. Seit 2016 bist du Aktivist in der zivilen Seenotrettung und hast seit 2018 als ehrenamtliches Mitglied des Vorstandes bei den Regensburger Seenotretter*innen von Sea-Eye den Verein zu dem gemacht, was er heute ist.

Was waren die wichtigsten Stationen deiner Ehrenamtskarriere, was und wie hast Du gesellschaftlich dabei bewegt? Die Gründung von Hamburger* mit Herz war sehr wichtig für meinen Weg. Ich war 28 Jahre alt und es war das erste Mal, dass ich zusammen mit Freund*innen und Kolleg*innen selbst in der Verantwortung stand, statt nur privat zu spenden oder mich an der Arbeit anderer Organisationen zu beteiligen.


"Wir wollten einfach selbst anpacken und das haben wir dann auch getan."

Prägend war für mich, als meiner Frau Anja und mir in 2012 ein herzkrankes Kind in Äthiopien begegnete. Ihr Onkel sagte uns, dass sie keine Chance hätte und dass sie sterben müsste. Für mich war das ganz einfach inakzeptabel. In Hamburg sammelten wir dann das nötige Geld für die OP, so dass das Kind nach Deutschland gebracht und erfolgreich operiert werden konnte.


"Ich habe damals gelernt, dass es wichtigeres gibt als auf die Menschen zu hören, denen Gründe einfallen, es lieber gar nicht erst zu versuchen."

Mir ist immer ein Grund mehr eingefallen, es eben doch zu tun und mich inspirieren Menschen, die genauso agieren. 2016 war das auch so. Ich folgte den zivilen Seenotretter*innen und bewarb mich als Besatzungsmitglied. Insgesamt nahm ich an fünf Missionen teil und verbrachte so rund 3 Monate meines Lebens auf dem zentralen Mittelmeer. 2017 fragte man mich, ob ich mir vorstellen könnte, im Vorstand von Sea-Eye die Verantwortung für das Fundraising und die Kommunikation zu übernehmen.


"Ich nahm die Herausforderung an und hatte in den folgenden Jahren eine steile und schmerzhafte Lernkurve."

2019 wählten mich die Mitglieder zum Vorsitzenden. Ich empfinde es als größtes Privileg an dieser Stelle arbeiten und als Individuum wirken zu dürfen. Ganz einfach, weil wir 5 Vorstände zusammen mit 800 Mitgliedern etwas bewegen dürfen und ich nicht an meinem Weltschmerz ersticken musste. Die erfolgreiche Finanzierung und der Betrieb der Rettungsschiffe ALAN KURDI und SEA-EYE 4 gehören zu den Meilensteinen dieser Zeit. Und wir haben noch viel Arbeit vor uns, weil wir erst vor Anker gehen wollen, wenn kein Mensch mehr auf Holz- oder Gummibooten das Mittelmeer überqueren muss, um Schutz zu suchen. Bist Du denn damals mit irgendwelchen Ambitionen bei Sea-Eye angetreten und wie hat sich das bis heute entwickelt, was sind Deine Ziele zurzeit? Ich halte mich da nicht für einen ambitionierten Strategen und fahre mit meinem Engagement eher auf Sicht. Es war mir einfach wichtig, dass Sea-Eye immer genug Geld hat, um die Missionen durchführen zu können und ich war davon überzeugt, dass ich genau an dieser Stelle hilfreich bin. Nicht weil ich Fundraising studiert hätte oder ein großer Kommunikationsexperte wäre.


"Aber ich spreche Menschen direkt auf Probleme an und habe auch kein Problem sie darum zu bitten, sich konkret, d.h. auch mit viel Geld, an der Lösung von Problemen zu beteiligen."

Ich habe gelernt, dass Menschen das auch gern tun und dankbar sind, wenn sie angesprochen werden. Wie hat Dein kontinuierliches ehrenamtliches Engagement Deinem beruflichen Werdegang geholfen? Von welchen Netzwerken profitierst Du heute noch? Beruflich bin ich ein Glückspilz. Ich bin Unternehmer und als Finanzberater kann ich mir meine Zeit selbst gut einteilen. Meine Familie und meine Kolleg*innen stehen hinter mir und bremsen mich auch mal aus, wenn ich im Overflow Modus agiere. Ich habe vor allem von meiner Ausbildung profitiert. Das heißt Menschen konkret anzusprechen, anzurufen, Fragen zu stellen und keine Angst vor großen Zahlen zu haben. Meine persönlichen und beruflichen Kontakte waren dabei immer sehr hilfreich.


"Doch erst bei Sea-Eye habe ich die Kontakte kennengelernt und weiterentwickeln dürfen, die uns dorthin getragen haben, wo wir heute stehen."

Dabei zählte vor allem, realistische Versprechen zu machen, verlässlich zu sein und auch Probleme ehrlich zu kommunizieren. Die Seenotrettung lebt von ehrenamtlichem Engagement in Form von ehrenamtlichen Helfern und Großspender*innen.

Welche Zielgruppen sprecht ihr hierfür an und was wünscht Du Dir für diese zukünftige Arbeit? Für Großspender*innen haben wir keine konkrete Strategie. Wir pflegen die Beziehungen und den Kontakt zu den Menschen, die uns eigenständig gefunden haben. Aktiv sind wir vor allem auf kirchliche Akteure zugegangen. Damit waren wir so erfolgreich, dass uns allein in diesem Jahr rund 600.000€ aus dem Raum der Kirchen gespendet worden sind. Die Kirchen sind wohl die größten, institutionellen Bündnispartner der zivilen Seenotretter*innen. Zugleich ist Dir politisches Engagement wichtig. Seit 2010 bist du Mitglied der GRÜNEN.

Wie erlebst Du politisches Ehrenamt im Jahr 2021? Wie hat sich das seit der letzten Bundestagswahl verändert und was können Parteien hinsichtlich der Einbindung von Ehrenamt noch lernen? Für mich ist klar, dass die Probleme langfristig nur politisch gelöst werden müssen. Deshalb engagiere ich mich im Landesvorstand der GRÜNEN in Hamburg. Es ist mir wichtig, das Thema Seenotrettung und die Menschenrechte in der Partei zu bewegen und die politischen Kräfte in der Partei zu stärken, die genau an diesen Punkten wirken.


"Die Bundestagswahl 2021 ist eine grundsätzliche Richtungswahl. Vermutlich ist sie die wichtigste Bundestagswahl in der Geschichte des Landes."

Egal, ob es um Klimaschutz, den Schutz von Menschenrechten, innereuropäische Solidarität oder um die Evakuierung afghanischer Ortkräfte geht. Die Große Koalition ist träge und einfach immer zu spät. Sie ist am Ende und deshalb braucht es jetzt dringend einen Wechsel, um die nötigen Veränderungen anzustoßen. Und zu guter Letzt ganz aktuell: Du hast mit Sea-Eye eine Petition für sichere Fluchtwege aus Afghanistan gestartet, die in Windeseile sechsstellige Unterschriften erzielt hat.

Wie wollt ihr bei dem Thema unterstützen? Was habt ihr vor? Es geht darum Druck auf die aktuelle und auf die zukünftige Bundesregierung aufzubauen. Wir brauchen sichere Fluchtwege für schutzsuchende Menschen. Das ist eine Kernforderung aller Seenotretter*innen. Sichere Fluchtwege und die Einhaltung der Menschenrechte sind einfach unabdingbar. Nur so kann man Schlepper arbeitslos machen und die humanitären Krisen für schutzsuchende Menschen beenden.

3 Antworten in 1 Satz


Welches Buch hast Du bzgl. Ehrenamt oder auch den Feldern, in denen du dich engagierst, gelesen, das dich nachhaltig beeindruckt hat? Die neue Odyssee von Patrick Kingsley Wenn Du einen Wunsch für den gemeinnützigen Sektor frei hättest, welcher wäre das? Mehr Wertschätzung und konkrete Unterstützung durch staatliche Akteure. Was möchtest Du unseren Leser*innen mit auf den Weg geben? Was ist dein Credo? Jeden Tag zu versuchen etwas besser zu machen, als am Tag zuvor.

Gorden Isler

Gorden Isler

u.a.

selbstständiger Kaufmann und ESG Berater in der Finanz- und Versicherungswirtschaft

Aktivist in der zivilen Seenotrettung.

Ehrenamtliches Mitglied des Vorstandes bei den Regensburger Seenotretter*innen von Sea-Eye e.V.