Christopher Vorwerk im Gespräch mit Dr. Anna Punke-Dresen

Wer steckt hinter dieser neuen Rubrik und was möchte sie für einen Mehrwert bieten?

Portraits über Menschen im gemeinnützigen Bereich findet man auch an anderer Stelle. Wir erinnern uns zum Beispiel an die „Köpfe“ in der Stiftungsbeilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. Mit dieser Rubrik „Mensch des Monats“ möchten wir Menschen hinter einer Führungsposition besser kennenlernen. Dafür hat Dr. Anna Punke-Dresen diese Rubrik ins Leben gerufen.


Anna Punke-Dresen ist selbst seit über 15 Jahren in diversen Funktionen und Kontexten sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich im gemeinnützigen Sektor unterwegs - unter anderem als stellvertretende Leiterin des Kreises Junge Menschen und Stiftungen, Community Lead für MentorMe, Vorständin von Hamburger mit Herz e.V. und aktuell als Leitung Fundraising der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch.


Schreiben und gemeinnütziges Engagement sind die beiden Pfeiler, die ihren Werdegang prägen.

Mit dieser monatlichen Rubrik möchte sie einige spannende Personen aus ihrem Netzwerk in persönlichen Gesprächen fragen, wie und warum sie sich selbst im gemeinnützigen Bereich engagieren. Welche Ehrenämter werden zusätzlich zum Hauptamt gepflegt? Was treibt sie dazu an? Was bedeutet Engagement für sie und welche Learnings und Botschaften bringt das für sie mit?

 
Carola von Peinen

Christopher Vorwerk ist Geschäftsführer der Stadtmuseum Berlin GmbH und Beauftragter des Stadtmuseums für das Humboldt Forum. Zuvor war er als Kaufmännischer Direktor beim Urban Nation Museum, als Leiter Marketing und Kommunikation beim Staatsballett Berlin und als Leiter Fundraising des Konzerthauses Berlin tätig.


 

Lieber Christopher, ich möchte in dieser Rubrik jedem*r Interviewpartner*in die gleiche Einstiegsfrage stellen: Wann und wo hast Du Dich zum allerersten Mal ehrenamtlich engagiert? Wie kamst Du dazu und was war Deine Motivation dahinter?


Ich bin mir nicht sicher, ob das zählt, aber vermutlich war das im Schülerrat. Ehrenamtlich war das schon, aber auch nicht ganz uneigennützig. Aber man beginnt ja oft ein Ehrenamt, weil man Dinge verändern will. Im Schülerrat ging es um den Schulalltag, von der Gestaltung der Pausenräume bis hin zur Abschaffung des Samstagsunterrichts. Alles Aspekte, die mich direkt betrafen. Wie ich dazu gekommen bin, weiß ich gar nicht mehr. Ich erinnere mich aber, dass ich sehr beeindruckt war von zwei Oberstufenschülern, die den Schülerrat damals geleitet haben. Diese spielten als Vorbilder sicherlich eine Rolle.


Auch der Kulturbereich kann viele Strukturen nur ermöglichen, weil dort viel Ehrenamt und Engagement eingesetzt wird. Was macht für Dich eine gelungene Kulturorganisation unter Einbezug von ehrenamtlichem Engagement aus?


Eine gelungene Zusammenarbeit von Kulturorganisationen und Ehrenamt sollte auf einer Win-Win-Situation beruhen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Ballettbotschafter*innen am Berliner Staatsballett. Das ist eine Art junger Freundeskreis, aber ohne Mitgliedsbeiträge. Vielmehr engagieren sich die jungen Menschen zwischen 17 und 27 durch eine Mitarbeit im Team, etwa im Rahmen des Tags der offenen Tür. Hier können sie auch ihre eigenen Ideen einbringen, wodurch das Staatsballett auch inhaltlich profitiert. Sie sind so etwas wie eine feste Fokusgruppe. Als Gegenleistung erhalten die Ballettbotschafter*innen besondere Einblicke in die Ballettwelt. Das kann ein Probenbesuch sein oder ein Meet-and-Greet. Die Hoheit über die Mitgliedschaft in diesem “Fan Club” liegt übrigens beim Staatsballett. Konflikte, wie es sie manchmal mit Freundeskreisen als unabhängige Vereine geben kann, können so vermieden werden.


Du hast als Kulturwissenschaftler bis heute in diversen Kontexten Managementaufgaben angestoßen, umgesetzt und geleitet. Du benutzt dafür häufig den Begriff “Transformatives Kulturmanagement”. Was bedeutet das?


Transformatives Kulturmanagement meint für mich die zielgerichtete Gestaltung von Kulturorganisationen. In Deutschland ist Kulturmanagement ja sehr häufig verbunden mit der öffentlichen Verwaltung. Der Schwerpunkt liegt dort meist auf der Erhaltung des Status Quo. Man müsste hier eigentlich von Kulturadministration, nicht von Kulturmanagement sprechen. Das wird aber Kultureinrichtungen aus zwei Gründen nicht gerecht: Erstens ändern sich Kunst und Kultur permanent. Zweitens verändert sich auch das Umfeld der Kultureinrichtungen immer rasanter. Trends wie die Digitalisierung und Diversifizierung unserer Gesellschaft aber auch Themen wie der Klimawandel fordern alle Kultureinrichtungen heraus. In dieser doppelten Dynamik kommt man mit reiner Administration nicht sehr weit. Vielmehr müssen sich unsere Kulturorganisationen von Innen heraus wandeln. Diesen Wandel zu einem bewussten und zielgerichteten Akt zu machen, das meint transformatives Kulturmanagement.


Die letzten Jahre hast du in Führungspositionen im Museumsbereich gewirkt und dort Transformationsprozesse begleitet. Welche Entwicklungen hast Du dabei hinsichtlich Kulturmanagement beobachtet? Konkret gefragt: Du hast auf der Kulturfundraisingveranstaltung des DFRV im Juni in Berlin von fünf Trends berichtet - kannst Du unseren Leser*innen davon kurz erzählen?


Unsere Museen sind ein gutes Beispiel, wie sich in recht kurzer Zeit der Anspruch von Kulturmanagement sehr stark verändert hat, nicht nur in Deutschland. Seit zwei, drei Jahren manifestiert sich dies vor allem in der Diskussion um eine Neufassung der Museumsdefinition der ICOM, dem wichtigsten weltweiten Museumsverband. Sehr überspitzt gesagt geht es darum, ob Museen Orte für Dinge oder Orte für Menschen sind. Diese Debatte ist dabei natürlich auch eine Reaktion auf eine veränderte Museums- und Ausstellungspraxis, forciert von Vertreter*innen einer transformativen Managementpraxis. Die Trends, auf die sie reagieren, sind meiner Wahrnehmung nach die Diversifizierung vor und hinter den Kulissen der Museen, die Ermöglichung von Partizipation auf allen Ebenen, die Gestaltung von Nachhaltigkeit in allen Produkten und Prozessen, die Entökonomisierung der Museen und die fortschreitende Digitalisierung aller Bereiche.


Was bedeutet das für strategisches Fundraising im Kulturbereich?


Das Fundraising für die Kultur beruht bekanntlich auf drei Säulen: das Einwerben von Fördermitteln, von Spenden und von Sponsoring. Die Folgen der genannten Trends für die ersten beiden Säulen sind offensichtlich: Das Einwerben von Fördermitteln sollte weiterhin gut möglich sein, denn Stiftungen und Fonds sind Treiber und Verstärker vieler der genannten Trends. Mit Blick auf Spenden könnte es zielführend sein, die Freundeskreise, die in diesem Feld das wichtigste Vehikel sind, diverser und partizipativer aufzustellen. Die große Frage ist aber, was mit dem Sponsoring ist. Mir scheint Fakt zu sein, dass das Geschäft mit dem Geld der großen Unternehmen inzwischen heikel geworden ist. Gerade weil man die hohen Standards, die man an die eigene Kultureinrichtung stellt, auch an die Sponsoren stellt. Ein Sponsoring durch Gazprom ist heute undenkbar. Das sah vor zehn Jahren noch anders aus. Da war man zwar bereits skeptisch, nahm das Geld aber am Ende doch. Vielleicht ist mit Blick auf die Entökonomisierung der Kultur die Suche nach Sponsoren auch gar nicht mehr von so großer Bedeutung. Denn ein Museumsdirektor, eine Museumsdirektorin wird heute vermutlich weniger häufig an den Einnahmen gemessen als noch vor zwanzig Jahren.


Hat das Kultursponsoring vielleicht längst ausgedient?


Nein, das wäre aus meiner Sicht eine falsche Annahme. Denn es reduziert Sponsoring auf eine reine monetäre Dimension. War und ist Kultursponsoring aber nicht mehr als nur „Geld gegen Logo“? Jetzt wäre es an der Zeit, genau das zu beweisen. Unternehmen sind auch ein Teil der Gesellschaft. Gehören sie dann nicht auch in die Museen und nicht nur als Geschichte des Handwerks? Sollten sie nicht auch an der Gestaltung eines Museums partizipieren wie eine NGO, die heutzutage oftmals gerne zum Brainstorming ins Museum eingeladen wird? Und noch ein zweiter Gedanke: Unternehmen sind noch immer Vorbilder für Museen. Auch mein Arbeitsalltag ist durchzogen von Schlagworten wie Agiles Management und New Work. Hier sind Museen keine First Mover, sondern ganz sicherlich Late Adopter. Museen brauchen also weiterhin etwas, was Unternehmen besitzen: nämlich Wissen. Wie geht das mit der Digitalisierung? Wie gestaltet man Recruting divers? Wie funktioniert Design Thinking?


Wie können Kultureinrichtungen und Unternehmen denn dann in Zukunft zusammenarbeiten?


Kultureinrichtungen und Unternehmen könnten sich gut unter einem weiteren Schlagwort unserer Zeit treffen: der Co-Creation. In Museen meint Co-Creation die Gestaltung von Museumswelten unter Einbezug möglichst vielfältiger Anspruchsgruppen, also eben etwa einer NGO. Warum aber hier nicht auch Unternehmen einbeziehen? Die Digitalisierung der Museen wird nicht mit dem vor Ort vorhandenen Wissen funktionieren. Auch den Megatrend Nachhaltigkeit werden Museumsmacher*innen nicht alleine stemmen können. Warum also nicht auf ein Sponsoring von Know-How setzen? Statt eines weiteren Schecks könnte es spannender sein, wenn sich das Personalteam eines Museums mit dem Personalteam einer Sparkasse zusammensetzt, um sich über Diversität und New Work auszutauschen. Auch das wäre Sponsoring, denn Zeit ist ja Geld. Ein Problem besteht aber: Die Gleichung “Geld gegen Logo“ ist ausgeglichen. Beim Wissenstransfer braucht es also noch den Ausgleich. Sich zu überlegen, von welchem Wissen Museen von Unternehmen profitieren können, ist einfach. Doch was können Unternehmen von Museen lernen? Welches Wissen kann hier transferiert werden? Wenn Museen es ernst meinen mit der Profilierung als Ort der gesellschaftlichen Begegnung, dann sollten sie sich hierzu dringend ein paar Gedanken machen.

 

Und zum Schluss – 3 Fragen in je einem Satz:


Welches Buch hast Du bzgl. Ehrenamt/Engagement oder auch den Feldern, in denen Du Dich engagierst, gelesen, das Dich nachhaltig beeindruckt hat?

Thinking Systems” von Donna Meadows.


Wenn Du einen Wunsch für den gemeinnützigen Sektor oder auch für den Kultursektor frei hättest, welcher wäre das?

Alle einmal tief durchatmen!


Was möchtest Du unseren Leser*innen mit auf den Weg geben? Was ist Dein Credo?

Man muss nicht immer jedem Trend folgen.

 
Carola von Peinen

Christopher Vorwerk

Geschäftsführer

Stadtmuseum Berlin GmbH