Impact Investing als Multiplikator.

Die Ertragslage an den Kapitalmärkten sorgt seit längerer Zeit nur punktuell für Hochstimmung. Selbst Kapitallebensversicherungen auf Garantiezinslevel mutieren aktuell zu öffentlich gefeierten Leistungsträgern. Zur Stützung der Arbeit von gemeinnützigen Stiftungen ist das kaum eine Option. Doch es gibt eine Alternative, die den Proof of Concept längst erbracht hat. Ihre Hebelwirkung macht sprachlos.

Gründen wir in Gedanken eine Stiftung. Wir nehmen eine Mio. Euro für das Stiftungskapital in die Hand, setzen beispielsweise den Zugang benachteiligter junger Menschen zu Schul- und Berufsbildung als Zielsetzung fest, lokalisieren in unserer unmittelbaren Umgebung Quartiere mit dem entsprechenden Bedarf und starten mit Feuereifer – und einer großen Gruppe Engagierter – unsere Aktivitäten. Unser Stiftungskapital „arbeitet“ für uns, wir erwirtschaften Erträge, die wir satzungsgemäß einsetzen. Durch geschicktes Investment steht uns jährlich ein Betrag zur Verfügung, der etwa dem Haushalt eines ambitionierten Stadtteilprojektes entspricht.

Eine Mio. Euro für eine Existenz in Bescheidenheit

Für diese Dimension finanzieller Schlagkraft sind eine Mio. Euro gebunden! Natürlich stocken wir durch engagiertes Fundraising auf – der Bedeutung eines Stadtteilprojektes entsprechend. Freiwillige in derlei Projekten wissen, wie viele Initiativen jährlich aufgrund einer solchen Finanzlage liegen bleiben müssen. Auch wir bekommen diese Beschränkung schnell zu spüren. Das Fundraising wird zur Herkulesaufgabe. Viel zu schnell kommt die KO-Frage: „Welche Reichweite haben denn Ihre Projekte?“ Nennen wir jetzt in Demut unsere Fallzahlen aus den Einzelprojekten? Die paar Kinder, die wir in dem einen Problemviertel von der Straße holen, um sie zuverlässig zur Schule zu schicken? Das Grüppchen Grundschulkinder mit sprachlichen Verständigungsproblemen, die zusammen mit uns ihren Schulalltag meistern? Die Handvoll junger Menschen, die wir über die Hochschulzugangsberechtigung gehievt haben?

Magere Bilanz

Natürlich stocken wir diese überschaubare Leistungsbilanz gegebenenfalls durch unsere Stakeholder auf – wir stehen ja immerhin unter wohlwollender Beobachtung der „Öffentlichkeit“. Trotzdem haben wir damit für Großspender keine Relevanz. Sicher, es soll Personenkreise geben, die bereits salbungsvolles Schwadronieren über Asset Allocations erfüllend finden. Stifter, die sich ihrem Stiftungszweck, ihrer Idee von gemeinnützigem Wirken verpflichtet sehen, haben da eher das Jahresergebnis im Fokus. Das steht aber bei den genannten Dimensionen in keinerlei vernünftigem Verhältnis zum getätigten finanziellen Einsatz.

Runter vom Kapitalmarkt

Der Weg aus diesem Dilemma führt direkt ins Impact Investing. Wir ziehen das komplette Stiftungskapital aus den klassischen Anlageformen ab und investieren in satzungskonforme Einzelprojekte. Eine Mio. Euro sind ja immerhin eine wahrnehmbare Größenordnung. Unserem Stiftungszweck (Bildung) entsprechend geben wir vier Nachhilfeorganisationen die Anschubfinanzierung, beteiligen uns an der Errichtung von acht Waldkindergärten, finanzieren elf freiberuflichen Umweltpädagogen ihre Grundausstattung, leisten Co-Investitionen beim Bau von sechs verschiedenen Studentenwohnanlagen und gönnen uns zwei Studienkredite für Lehramtsstudenten mit Mangelfächern. Alle Platzierungen selbstverständlich mit einer vertraglich festgesetzten Rendite über Null.

What´s in the Box?

Bereits mit dieser willkürlichen und sicherlich optimierbaren „Anlagestrategie“ ändert sich unsere Situation schlagartig. Unsere Fallzahlen schießen in die Höhe und mit einer geschickten Platzierung unserer Investments bekommen wir eine „bundesweite“ Abdeckung hin. Wir werden quasi vom „Stadtteilprojekt“ zum „National Player“. Dadurch multipliziert sich die Zahl unserer Stakeholder und unsere Bedeutung in der Öffentlichkeit. Kapitalrendite wird in ihrer absoluten Höhe uninteressant, da wir bereits über unsere Investments im Sinne des Stiftungszweckes tätig sind. Für Geber haben wir plötzlich eine wahrnehmbare und ernstzunehmende Größenordnung. Zustiftungen sind jetzt herzlich willkommen. Sie ermöglichen die nächsten Investments – vorher haben wir aufgrund der absehbar niedrigen Verzinsung um die Übereignung als Spende für den operativen Bereich gebeten. Der Begriff „Mündelsicherheit“ tritt in den Hintergrund. Da alle Investments auch satzungsgemäße Ausgaben sein könnten, wird im Falle eines Ausfalls in die andere Sphäre transferiert und durch Fundraising ausgeglichen.

Utopische Gedankenspielerei?

Das klingt im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch, hat aber den Proof of Concept bereits erbracht. Die Hamburger Social Business Stiftung arbeitet erfolgreich mit diesem Modell. Die utopische Gedankenspielerei liegt für den Stifter (noch) beim siebenstelligen Startbetrag unseres konstruierten Beispiels. Die Stiftung ist mit einem Kapitalstock im niedrigen sechsstelligen Bereich für die gute Sache unterwegs. Ihr Schwerpunkt ist auch nicht „Bildung“ sondern „Entwicklungspolitische Arbeit (in der Umsetzung oft Mikrofinanzierung)“. Lächerliche zwanzig Fälle könnte die Stiftung dabei aus ihren Kapitalerträgen stemmen – für den Stifter absolut indiskutabel. Durch geschickten Einsatz ihrer Investitionen multipliziert die Social Business Stiftung ihre Fallzahl um den Faktor 60 auf 1200!

Ein Volksmodell?

Bei der Übertragung auf andere Stiftungen und deren Ziele müssen naturgemäß die passenden Investitionsmöglichkeiten geprüft werden. Stiftungen, die ihre Leistungen in den Sektoren Umwelt und Soziales erbringen, haben hier aufgrund des bereits bestehenden Angebotes andere Möglichkeiten als Organisationen mit eng fokussierten Themen. Zudem sollten die einzelnen Investments die Größenordnungen des eigenen Fundraisings nicht überschreiten, um bei einem Totalausfall ohne großen Aufwand ausgeglichen werden zu können. Auch der Faktor 60 wird sich nicht in jedem Fall aus dem Stand realisieren lassen. Trotzdem sind derartig aufgestellte Stiftungen über ihren Kapitalstock im Sinne ihres Stiftungszwecks tätig, ohne operativ auch nur einen einzigen Handschlag getätigt zu haben.

Markus Kaminski ist mit den Tätigkeitsschwerpunkten „Institutional Readiness“ und „Dissemination“ im Dritten Sektor unterwegs. Der zertifizierte EU-Fundraiser ist Autor verschiedener Fach- und Leitartikel zu Stiftungs- und Fundraisingthemen.

Weitere Informationen und Kontakte:

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Impact Investing als Multiplikator. Die Ertragslage an den Kapitalmärkten sorgt seit längerer Zeit nur punktuell für Hochstimmung. Selbst Kapitallebensversicherungen auf Garantiezinslevel mutieren aktuell zu öffentlich gefeierten Leistungsträgern. Zur Stützung der Arbeit von gemeinnützigen Stiftungen ist das kaum eine Option. Doch es gibt eine Alternative, die den Proof of Concept längst...