Prof. Manuela Rousseau im Gespräch 
mit Dr. Anna Punke-Dresen

Den Anfang macht Professorin Manuela Rousseau, die ich aus dem Kontext meiner Lehrtätigkeit am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater Hamburg kenne. 
Hier ist Prof. Rousseau Sprecherin der Fachgruppe „Stiftungen und Fundraising“ und lehrt in den Fachgebieten Fundraising und Corporate Social Responsibility. 
Ihre Expertise bezieht sie aus ihrer Tätigkeit als stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei der Beiersdorf AG in Hamburg und einer großen Anzahl von Ehrenämtern. 

 

Ich treffe mich digital Anfang Mai mit Manuela. Bei jedem meiner Gespräche mit Manuela bewundere ich ihre bemerkenswert positive Grundhaltung und ihren wertschätzenden Umgang – egal wie voll ihr Terminkalender ist, immer hat sie ein offenes Ohr, ist auch an privaten Themen interessiert und kommuniziert absolut auf Augenhöhe.

Jedes Mal gehe ich mit Bereicherungen aus einem Gespräch, und so ist auch bei diesem Austausch völlig klar, dass Manuela einige spannende Perspektivwechsel für mich bereithält. Auch wenn ich Manuelas Lebenslauf und ihre Haltung schon ganz gut kenne, überrascht sie mich immer wieder mit ihrem Detailwissen. Für mich ist Manuela Rousseau eine Beziehungsmanagerin par excellence.


Wie das Netzwerken funktioniert, beschreibt sie unter anderem in ihrem empfehlenswerten Buch „Wir brauchen Frauen, die sich trauen“. Warum sie diese Skills auch ihrer sehr diversen ehrenamtlichen Karriere zu verdanken hat, können Sie, liebe Leser*innen, im Folgenden erfahren.

 

Liebe Manuela, ich möchte in dieser Rubrik jedem*r Interviewpartner*in die gleiche Einstiegsfrage stellen: Wann und wo hast Du Dich zum ersten Mal ehrenamtlich engagiert? Wie kamst Du dazu, und was war Deine Motivation dahinter?


Vor zirka 30 Jahren landete ich etwas unfreiwillig beim Förderkreis „Rettet die Nikolaikirche“ e.V. , der an Beiersdorf eine Anfrage für eine finanzielle Unterstützung gestellt hatte. Es gab eine Zusage, und mein damaliger Chef ermutigte mich, mich dort ehrenamtlich zu engagieren, um meine Kompetenzen als Pressesprecherin im Vorstand einzubringen. 

Zu dieser Zeit war St. Nikolai in der Hamburger Innenstadt noch eine Kirchenruine, die im zweiten Weltkrieg bei Bombenangriffen zerstört worden war. Die Hansestadt hatte die Ruine von der Gemeinde übernommen, mit der Zusage, ein würdiges Mahnmal daraus zu gestalten. Jahrzehntelang stand ein Bauzaun um das Gelände, um die Umgebung vor herabfallenden Steinen zu schützen. So entstand die Bürgerinitiative, die sich zum Ziel setzte, ein Mahnmal zu errichten. 

Dieses Ziel erreichten wir: Wer heute dort vorbeischaut, kann ein unterirdisches Museum besuchen und einem Glockenspiel lauschen. Wenn man mit dem neuen Lift in die Höhe schwebt, genießt man den Blick auf Hamburg und die neu vergoldete Turmspitze. Skulpturen der Künstlerin Edith Breckwoldt sind ebenfalls zu bewundern. 

Es ist dem Förderkreis „Rettet die Nikolaikirche“ gelungen, mit der Unterstützung vieler Bürger, des Hamburger Senats und vieler prominenter Unterstützer ein würdiges internationales Mahnmal zu gestalten. Für mein kulturelles Engagement in Hamburg und für St. Nikolai habe ich einige Jahre später die Bundesverdienstmedaille erhalten

 

Du machst in Deinem Buch „Wir brauchen Frauen, die sich trauen“ deutlich, dass Dein bisheriger beruflicher Werdegang auch aufgrund Deines kontinuierlichen ehrenamtlichen Engagements und dem damit verbundenen Aufbau von Netzwerken bereichernd und erfolgreich verlaufen ist. Was bedeutet für Dich Ehrenamt? Ist Ehrenamt für Dich „nur“ ein Hobby oder mehr als das?


Die sieben Jahre beim Förderkreis St. Nikolai waren sehr prägend und haben etwas in mir entfacht. Meine kommunikativen Fähigkeiten und Erfahrungen über Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, über Konzeptentwicklung, wie ich auf Menschen zugehe, zur Unterstützung einlade, Netzwerke aufbaue und auch gern Führung übernehme –  das alles habe ich gelernt, weil ich von Anfang an im Vorstand des Förderkreises mitgewirkt habe. Das ehrenamtliche Engagement hat mir noch viel mehr Möglichkeiten gegeben, als ich sie in meinem rein beruflichen Umfeld hatte. Es war die Keimzelle, um mir weitere Netzwerke aufzubauen. So bin ich auch zu weiteren Ehrenämtern gekommen. 


Heute bin ich leidenschaftliche Ehrenämtlerin in unterschiedlichen Bereichen. Damit die Qualität des Ehrenamtes nicht leidet, achte ich darauf, dass alles in einer guten Balance bleibt. Wenn eine neue Aufgabe an mich herangetragen wird, überlege ich genau, was ich an Zeit aufbringen kann und möchte, und was ich dafür aufgeben müsste. Das heißt für mich, mein ehrenamtliches Engagement bringe ich dort ein, wo es aktuell gebraucht wird. 


Meine Vorstellung von Ehrenamt ist es, ganz klar hineinzugehen in eine Organisation, zu wissen, was sie braucht, wo ich mit welcher Kompetenz unterstützen und einen Mehrwert schaffen kann. Ehrenamt muss Spaß machen, sollte inhaltlich zu einem passen, genauso wie die Menschen, die sich dort engagieren.“

 

Ich unterstütze so lange, bis wir das angestrebte Ziel erreicht haben. Danach wende ich mich wieder anderen Ehrenämtern zu. So bin ich in manchen Verbänden fast 30 Jahre, z.B. beim VAA (Verband angestellter Akademiker und leitender Angestellter der chemischen Industrie e. V), und bei anderen Organisationen unterstütze ich vielleicht nur ein Projekt oder bleibe nicht lange an vorderster Front. Das alles ist für mich fließend. 

 

Wenn Du auf Deine bisherigen Ehrenämter zurückblickst: Was waren die wichtigsten Stationen? Was und wie hast Du gesellschaftlich dabei bewegt?


Bei meiner ehrenamtlichen Hochschultätigkeit am Institut für Kultur- und Medienmanagement in Hamburg habe ich gelernt, wie ich mein Wissen über Drittmitteleinwerbung, das ich zum großen Teil im St. Nikolai-Projekt erworben habe, wunderbar weitergeben und dazu beraten kann. Den Begriff Fundraising gab es Anfang der 1990er so noch gar nicht in Deutschland. Ich habe sozusagen Pionierarbeit geleistet. Daraus hat sich ergeben, dass ich seit 1992 kontinuierlich unterrichte. 

Dieses Fachwissen über Fundraising und PR aus meinen Ehrenämtern konnte ich wiederum auch in meinen Job bei Beiersdorf einbringen. So habe ich gelernt, wie ich Non-Profit-Organisationen (NPO) berate und diesen als Partner auf Augenhöhe begegne. Dafür nutze ich die Netzwerke aus meinen Ehrenämtern und meine erlernten Skills. Dazu gehört vor allem, wie ich Kontakte gewinne, Vertrauen richtig aufbaue und dieses Vertrauen für langfristige Partnerschaften erhalten kann. Der Austausch und Beziehungsmanagement sind somit gegenseitig bereichernd, in meinem Beruf und meinen Ehrenämtern.

 


Wie genau haben Dir Deine Ehrenämter in Deiner Karriere geholfen? Was waren und sind die wichtigsten Learnings?


Es ist mir wirklich eine Herzensangelegenheit, Dinge mit meinem Wissen zu begleiten und nach vorne zu bringen. Ich erlebe viele wertschätzende und emotionale Momente für und durch das Ehrenamt. Anerkennung für ehrenamtliche Arbeit und der Erfolg der Sache sind die Währung, die motiviert.  

Vor 30 Jahren war ich noch weit davon entfernt, diese Erfahrungen weitergeben zu können. Es braucht auch Mut, um ins kalte Wasser zu springen. Ich habe riskiert, aus meiner Komfortzone herauszutreten, und in Kauf genommen, Dinge hin und wieder unperfekt zu machen, beim Machen aber hinzuzulernen. 

 

„Wenn mir ein Ehrenamt einen Mehrwert geben soll, dann übernehme ich auch Aufgaben, die für mich neu sind: Diese Aufgaben versuche ich eher in einer verantwortungsvollen Position anzusiedeln, wo ich Eigenverantwortung habe und mich weiterentwickeln kann.“ 

 

Welche Bedeutung hat dabei das Thema weibliche Führung?


Frauen unterschätzen, was für große Möglichkeiten Ehrenämter bieten. Dazu muss man bzw. frau sich zuerst fragen, welches Ziel – natürlich neben der Hauptmotivation der Unterstützung einer guten Sache – vielleicht mit so einem Amt noch verwirklicht werden könnte.

Ich habe bei Beiersdorf als erste Frau das Vorstandsamt der Sportgemeinschaft übernommen, mit über 1200 Mitgliedern. Im Unternehmen war das ein Wegweiser, ich war Role Model für andere Frauen. Durch mein soziales Engagement  wurde ich im Unternehmen sichtbarer. Diese Führungserfahrung mit all‘ der Eigenverantwortung hat mir auf meinem Weg sehr geholfen. Eine solche Form von Ehrenamt ist eine große Chance, sich auszuprobieren und einen Sprung nach vorne zu machen.

Es braucht mehr weibliche Vorbilder, die zeigen, dass es die Anstrengung wert ist: Wenn Frauen wüssten, dass sie aus Führungsaufgaben in ehrenamtlichem Engagement Wachstum, Freude und Anerkennung ziehen können, dann könnten sie ebenso erfahren, dass sie durch ein Ehrenamt über sich hinauswachsen können. In vielen Berufsverbänden beispielsweise fehlen Frauen, obwohl dort häufig Karriereweichen gestellt werden. 

 

Zugleich hast Du eine Vorreiterrolle im Bereich Corporate Giving, hast bei Beiersdorf den Corporate Social Responsibility (CSR) Bereich aufgebaut und Dir über die Jahre damit einen Namen gemacht.  Was macht für Dich ein erfolgreicher CSR Bereich in einem Unternehmen aus? Was sollten Führungskräfte dafür mitbringen? 


CSR umfasst viel mehr als soziales Engagement, auch bei Beiersdorf ist der Begriff sehr weit gefasst. Mit einer NPO zusammenzuarbeiten, bedeutet, ein Teil der Gesellschaft zu sein. Auch hier ist mir das Geben und Nehmen wichtig, denn auch Beiersdorf lernt eine ganze Menge von den geförderten Organisationen. Es ist eine Wechselwirkung. Wir schauen, wo es Bedarfe gibt und wo die Andockstellen bei Beiersdorf sind. Wenn sich unsere Mitarbeiter*innen darüber hinaus in Patenmodellen engagieren, wird daraus eine win-win-win-Situation.

Zudem schaffen wir Lernkurven für alle Beteiligten. Unsere Leitfrage ist: Wie können sich die Mitarbeiter*innen einbringen und wie können wir die Organisation auch inhaltlich unterstützen, um noch besser zu werden? Das schönste Kompliment dabei ist wirklich, wenn sich die NPOs bei uns melden und sagen, das Engagement von Beiersdorf ist so ungewöhnlich, es ist so breit aufgestellt, mit viel Respekt vor der Arbeit der anderen. Auch nach der Regelförderung sind wir weiterhin für sie da.

 

Wie sollte sich der gesellschaftliche Auftrag von Unternehmen in Zukunft entwickeln?


Außerhalb unseres CSR-Bereichs haben wir uns schon vor einigen Jahren ein Netzwerk aufgebaut: Ich habe die WIE (Wirtschaft.Initiative.Engagement) mitgegründet, die inzwischen beim ZiviZ (Zivilgesellschaft in Zahlen gGmbH) angesiedelt ist. Wir haben CSR-Standards entwickelt, arbeiten eng zusammen und lernen voneinander. Die großen Player müssen miteinander sprechen, in der Öffentlichkeit als ernsthafter Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden und dabei die drei Bereiche Politik, Wirtschaft und NPOs zusammenbringen.

Es müssen gemeinsame Teilbereiche gefunden und Komplexität heruntergebrochen werden. Es ist ein dickes Brett, alle in einen Modus der Synergien zu bringen. Dafür gibt es das Projekt „Future Skills“ der WIE, das untersucht, welche Skills es in Unternehmen braucht, um mit NPOs auf Augenhöhe wirkungsstark  zusammenzuarbeiten. 

Zugleich müssen NPOs aber auch erkennen, dass sie im Wettbewerb stehen. Sie müssen  eine USP, also ein Alleinstellungsmerkmal, finden und voneinander lernen.

Qualifizierungsangebote durch die Unternehmen können da helfen. Beiersdorf gibt beispielsweise thematische Workshops, z.B. zu Datenschutz oder Online-Fundraising. In einer Gruppe zusammen und voneinander lernend, sehen die NPOs, dass die Skills allen gleich dienen: NPOs müssen letztendlich auch wie ein Wirtschaftsunternehmen denken und agieren. Dies trägt wiederum zur wachsenden Wertschätzung bei und es setzt auch bei uns im Unternehmen neue Förderakzente. Unser und mein Ziel ist ja schließlich, dass Beiersdorf als kompetent und authentisch wahrgenommen wird.

3 Antworten in einem Satz: 


Welches Buch hast Du bzgl. Ehrenamt oder auch Corporate Giving gelesen, das Dich nachhaltig beeindruckt hat? 

„Das Neue Land“ von Verena Pausder zeigt klar Defizite auf, die der Staat allein nicht bewerkstelligen kann. 

 

Wenn Du einen Wunsch für den gemeinnützigen Sektor frei hättest, welcher wäre das? 

Mehr Professionalität und Lernen voneinander; Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft bedingen sich gegenseitig und ich wünsche mir mehr Miteinander statt Nebeneinander.

 

Was möchtest Du unseren Leser*innen mit auf den Weg geben? Was ist Dein Credo? 

Weniger Rechthaberei, eine Diskussionskultur, die Respekt ausdrückt und eine hohe Bereitschaft, voneinander zu lernen. Also, jeden Tag aus der Komfortzone herauszugehen und daran wiederum zu wachsen, um Lösungen auf Zukunftsfragen zu finden.