Krise bei der Kirche und der Hertie Stiftung - Corona sorgt für Spendenanstieg und eine unsichere Zukunft

 

Von Jörg Schumacher und Andreas Schiemenz

Es ist ein Trauerspiel, was sich in Köln bei der Katholischen Kirche abspielt: Erst hatte Kardinal Rainer Maria Woelki ein Gutachten bei Münchner Anwälten Auftrag gegeben, dann plötzlich formale Fehler beanstandet – und einen zweiten Gutachter aus Köln bestellt. Auf die Frage, was hier vertuscht werde soll, antwortete Woelki in einem Statement: „Mir ist schmerzlich bewusst, dass Vertrauen verloren gegangen ist.“
 
 

Die Krisenkommunikation der katholischen Kirche war nie vorbildlich, aber zumindest ging sie mit dem Wechsel im Vorsitz der Bischofskonferenz in die richtige Richtung. Der gewählte Limburger Bischof Georg Bätzing sagte damals dem SPIEGEL: „Wir müssen solche Straftaten verhindern, wir wollen Betroffene hören und dafür sorgen, dass sie in vergleichbarer Weise zu ihrem Recht kommen. Wir haben eine hohe Verantwortung.“

 

Nun bedauert er die „stockende Aufarbeitung“ und merkt an, die Gutachten-Krise habe Kardinal Woelki „nicht gut gemanagt“. Es ist wohl schlimmer: Die Kirchenaustritte haben – auch wegen Corona, aber nicht nur ­ – ein neues Rekordhoch erreicht! Über 275.000 Menschen kehrten der katholischen Kirche in diesem Jahr laut Internetportal kirchenaustritt.de schon den Rücken

 

Wichtigster Grund nach der Kirchensteuer: Unzufriedenheit mit der Institution Kirche. Oder wie das Präsidium des Synodalen Wegs erklärte: „Die Vorgänge im Erzbistum Köln um die Bestellung, Nichtveröffentlichung und Neuvergabe von Gutachten haben dazu geführt, dass viele am Willen kirchlicher Autoritäten zu vorbehaltloser Aufklärung zweifeln. Und weiter: „Es ist ein Verlust an Vertrauen eingetreten, der nur schwer wieder behoben werden kann.“

 

Kardinal Woelki hat jetzt versprochen, Namen zu nennen: „Wir stehen kurz vor der Aufklärung.“ Am 18. März will er das neue Gutachten veröffentlichen- ein aus Krisensicht längst überfälliger Schritt

 

Aber auch die Hertie-Stiftung hat mit der Vergangenheit zu kämpfen wie das Magazin „die Stiftung“ berichtet: Unter den Nationalsozialisten wurde im Hertie-Konzern die jüdische Familie Tietz (das tie) aus dem Unternehmen gedrängt. Die Hertie-Stiftung unter Druck: Wie genau sich die Enteignung abspielte, soll nun eine Studie klären. Die Forscher sollen klären, wie genau das passiert ist und ob sich jemand etwas hat zu­schulden kommen lassen.

Die Her.Tietz-Initiative begrüßt die Untersuchung, kann sich aber keinen Reim darauf bilden, warum die Hertie-Stiftung erst jetzt mit der Aufarbeitung beginnt. 

Schließlich, so der Gründer der Initiative Alexander Busold im SWR2-In­terview, habe die Initiative schon seit über zwei Jahren eine Untersuchung ge­fordert. Außerdem könne die Beschäfti­gung mit dem Thema nur positive Aus­wirkungen auf die Stiftung und die Her­tie School haben.

 

Auch auf der Website sind Passagen zur Vergangenheit jetzt besser zu finden, alles im Sinne der Transparenz. Reichlich spät, aber immerhin wird wenigstens versucht, hier Transparenz zu schaffen. Es bleibt spannend, auch wenn es kein Einzelfall ist. 

 

Auch an anderen Stellen erleben wir immer wieder, wie sorglos mit der Vermögensherkunft umgegangen wird. Vor nicht einmal einem Jahr präsentierte stolz der Vorstand einer Stiftung das große Herz des Stifterehepaars, die den Grundstock ihres Vermögens in den 30er Jahren legten und in der Nachkriegszeit kontinuierlich vermehren konnten. 

 

Nun basiert der Grundstock auf der Übernahme einer Privatbank, die von dem Stifter übernommen wurde. Ein Vorgang, der nach der Machtübernahme durch die Nazis ab 1933 an vielen Orten durchgeführt wurde. Natürlich: es gab einen Kaufvertrag und es wurden die jüdischen Familien auch bezahlt. Doch, und das machten die Nachfahren dieser Familie in den 50er Jahren deutlich, war dieser Verkauf nicht ganz freiwillig. 

 

Der Stifter und seine Gattin wuschen ihre Hände in Unschuld und die Nutznießer der Stiftung, eine große Bildungseinrichtung, sieht keinen Grund die Vermögensherkunft zu bewerten.  

 

Gundsätzlich ist gegen die Verwendung solcher Mittel nichts einzuwenden. Auch illegal oder unter moralischen Gesichtspunkten fragwürdig entstandenes Vermögen, kann durch gesellschaftliches Engagement wirken. Aus schlechtem Geld kann auch etwas Gutes entstehen. 

 

Doch auch hier gilt die Verpflichtung zur Transparenz. 

  

Dagegen muten die neuesten Spendenzahlen fast langweilig an, aber spannend ist die Interpretation. Im Gespräch mit Jörg Schumacher geben Marktforscher und Statistik-Experte Tom Neukirchen und Spendenmarkt-Experte Andreas Schiemenz Einblick in die Wahrheit hinter den Zahlen und beantworten die wichtigsten Fragen: Wie wird das Spendenjahr 2021? Worauf müssen sich Organisationen und Stiftungen in ihren Kampagnen vorbereiten? Und was sind jetzt die wichtigsten drei Dinge, die zu tun sind?

 

Die wichtigste Frage zum Spendenmarkt 2020 lautet: waren das Wachstum des Spendenmarktes in der Coronakrise vorhersehbar? Immerhin hat die „Bilanz des Helfens“ eine Veröffentlichung der Markforscher von der GfK und des Deutschen Spendenrats ein Wachstum von 5,4 % gemessen. Für Andreas Schiemenz war dieses Wachstum vorhersehbar. Denn bei allen vorherigen Krisen, zuletzt bei der Finanzkrise 2009/2009, ist das Spendenvolumen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gestiegen. 

 

In solchen Krisen passieren immer zwei Effekte. Der erste Effekt steigert die Solidarität. Die Menschen, die selbst von den wirtschaftlichen Auswirkungen betroffen sind, verhalten sie solidarischer und dadurch spendenfreundlicher.  Der zweite Effekt verteilt im Verlauf einer Wirtschaftskrise die Vermögen neu. Die Vermögensschere geht weiter auseinander.

 

Tom Neukirchen bestätigt den Anstieg an Hilfsbereitschaft. Doch er warnt vor zu viel Optimismus für die Zukunft. Die hohe wirtschaftlichen Hilfe, die in Corona ausgezahlt wurden und werden, verursachen eine Zeche, die wir in der Zukunft zahlen müssen. 

 

In seinen aktuellen Befragungen gibt es bereits erste Warnsignal: bei weiteren ökonomischen Einbrüchen, so die Probanden, werden diese in der Zukunft weniger spenden und auch Dauerspenden einstellen. 

 

In der Coronakirste hat sich besonders die Ü70 Generation engagierte, die über 50 % der Spenden ausmachen. In der Krise ist es nicht gelungen, jüngere Spenderinnen und Spender zu mobilisieren. 

 

Trotz des Spendenanstiegs gibt es viele Organisationen, die einen starken Einbruch erleben mussten. Die beiden Experten sind sich darüber einig das es insbesondere den spendenstarken Organisationen gelungen ist, von dem Anstieg zu profitieren, wobei hingegen die spendenschwachen Organisationen verloren haben. 

 

Die Organisationen, die auf Großspenden, Vermächtnisse und Telefonfundraising gesetzt haben, die also in der Krise weiterhin aktiv waren, konnten mehr Spenden für sich gewinnen. Jene, die bereits vor der Krise passiver waren, da ihnen die Mittel für ein aktives Marketing fehlen, gerieten zunehmend unter weiteren Druck. 

 

Damit die Gemeinnützigen für die Zukunft gut aufgestellt sind, empfiehlt Prof. Neukirchen den Podcasthörerinnen und -hörern drei Dinge: 

 

1.     Bleiben Sie auch in der Krise aktiv

2.     Setzen Sie den Fokus auf Key-Accounting-Fundraising

3.     Treffen Sie eine klare Entscheidung zur Verjüngung der Spenderschaft.