Stiftungen – Denkmal oder Groschengrab? – Vortragsabend in Heppenheim

Deutschland ist das Land der Stifter. Laut Bundesverband Deutscher Stiftungen gab es Ende 2015 21.301 rechtsfähige Stiftungen im Land, pro Tag werden zwei neue gegründet. Mehr als 120 Milliarden Euro haben Stifterinnen und Stifter als Vermögen auf Stiftungskonten übertragen. Was bewegt so viele Menschen dazu, eine Stiftung zu gründen? Und lohnt sich das, oder zahlt der Stifter am Ende drauf? Darum ging es in einem Vortrag von Andreas Schiemenz, zu dem das GGEW, die Sparkassenstiftung Starkenburg und die Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie vergangenen Donnerstag ins Stiftungshaus „Alte Sparkasse“ in Heppenheim eingeladen hatten.

Andreas Schiemenz leitet seit 2011 den Bereich Philanthropie und Stiftungen bei der HSH Nordbank AG und berät Stiftungen, Organisationen, Unternehmen sowie vermögende Privatpersonen. Er beleuchtete an diesem Abend die Situation von Stiftern und Stiftungswilligen und setzte sich kritisch mit den Vor- und Nachteilen gesellschaftlichen Engagements auseinander. Schiemenz schöpft aus einem reichen Fundus Jahrzehnte langer Erfahrung und fachlicher Kompetenz und begeistert sein Publikum mit seinen lebendigen Ausführungen. Rund 100 Gäste vorwiegend aus dem Stiftungs- und Vereinsumfeld folgten der Einladung.

Eingangs blickte Ralf Tepel vom Vorstand der Karl Kübel Stiftung auf den Unternehmer Karl Kübel und seine Motivation zurück, die ihn vor über 40 Jahren dazu bewegte, seine Stiftung zu gründen. Mit den Worten „Erwerb und Besitz ist für mich eine Möglichkeit, mit den Armen zu teilen“, begründete Kübel damals seine Entscheidung. Und das ist auch Hauptmotiv für die meisten Stiftungsgründer, so Andreas Schiemenz. Menschen, meist im Lebensabschnitt nach erfolgreichem und einträglichen Berufs- und Familienleben, möchten etwas für das Gemeinwohl tun. „Gemeinhin geht die Öffentlichkeit davon aus, dass ein Stifter sich so etwas wie ein gemeinnütziges Denkmal errichten will, doch fragt man Stifter selbst, so stehen andere Motive im Vordergrund, so zum Beispiel Verantwortungsbewusstsein – an erster Stelle genannt – oder der Drang, etwas bewegen zu wollen und der Wunsch, der Gesellschaft etwas vom eigenen Erfolg zurückzugeben.“ Aus diesem Grund werden Stiftungen auch vom Staat finanziell unterstützt. Er verzichtet auf Steuern, weil die Stiftung dem Gemeinwohl dient.

„Die meisten Menschen denken, Stiftungen hätten viel Geld. Stiftungen seien etwas für Leute, die reich sind und nicht für die, die Geld brauchen. Doch das ist nicht so“, sagte Schiemenz. Er führte aus, dass drei Viertel aller Stiftungen in Deutschland die 1 Millionen Euro Vermögensgrenze nicht überschreiten. Ein Stifter braucht also kaufmännisches Wissen, aber auch Projekterfahrung, Know-how im Vertrieb und Fundraising sowie in der Personalarbeit, um seine ehren- oder hauptamtlichen Mitarbeiter zu führen und zu motivieren. „Kurzum: Es ist interessant und wird nie langweilig“, beteuerte der Referent.

Eine große Herausforderung sei der aktuelle Kapitalmarkt. Bei zwei Prozent Zinsen – wenn überhaupt in heutigen Tagen erreichbar – kann eine Stiftung mit 100.000 Euro Vermögen ganze 2.000 Euro pro Jahr ausschütten. Eine Stiftung mit einer Millionen Euro Kapitalstock immerhin schon 20.000 Euro. Doch wie zuvor erwähnt, überschreiten drei Viertel aller Stiftungen in Deutschland die 1 Millionen Euro Vermögensgrenze nicht. Und nur knapp über fünf Prozent der Stiftungen haben ein Vermögen von mehr als 10 Millionen Euro und können damit auch mehr als 200.000 Euro jedes Jahr für eine bessere Welt ausschütten. „Wenn also die meisten Stiftungen nur wenig Geld ausschütten können, dann sind die Stifter gefordert. Die Verwaltung der Stiftung, die Jahresabschlüsse, laufende Kosten begleicht der Stifter oft aus seiner privaten Geldbörse. Wenn das Geld für die Projektförderung nicht ausreicht, dann spendet der Stifter privat etwas dazu. So wird aus einer Stiftung ganz schnell auch ein Groschengrab, das Geld und Zeit verschlingt“, behauptet Schiemenz. Das gestiftete Kapital ist dem Markt entzogen, das heißt es ist zunächst einmal nahezu ertragloses und nicht für die Gesellschaft bzw. für die Stiftungszwecke nutzbares Kapital, da es in den meisten Fällen gemäß der Satzung ungeschmälert zu erhalten ist.

Das Wesen einer Stiftung

Das Wesen einer Stiftung besteht aus zwei wichtigen Elementen. Das erste Element ist der dauerhafte Erhalt des Stiftungsvermögens. Dieses Kapital darf nicht angerührt werden, denn mit den Erträgen arbeitet die Stiftung. Daneben steht der Zweck einer Stiftung, der in der Stiftungssatzung für alle Ewigkeit festgelegt wurde.

„Stiften gehen bedeutet, Mut zu haben. Denn der Stifter lässt sich auf eine Exkursion ins Ungewisse ein, mit allen Herausforderungen, die dazugehören“, lobte Schiemenz. Dass diesen Mut mehr als 50.000 Menschen in Deutschland hatten und auch weiterhin viele haben werden, ist eine positive, motivierende Bejahung von gesellschaftlicher Verantwortung. Stifter sein heißt: Sinnvoll etwas Gutes tun.

Der Referent wies jedoch zugleich darauf hin, dass manchmal das euphorische Gefühl des guten Handelns dem üblichen Alltag des Stiftungsgeschäftes recht schnell weichen würde. Dann, wenn der Stifter feststellt, dass seine guten Ideen nicht bei allen Menschen ankommen. Noch ernüchternder ist, wenn der Stifter versucht, sein Geld sinnvoll loszuwerden. „So seltsam es klingt, es ist gar nicht so einfach, ein Projekt zu finden, das den Satzungszwecken entspricht, und manche wollen gar nicht das Geld entgegennehmen“, informierte der Referent. Nicht jede Initiative nimmt finanzielle Unterstützung an. Die einen brauchen das Geld nicht und andere haben Angst vor externer Einflussnahme. Andere nehmen das Geld gern, können aber nicht nachweisen, ob ihre Arbeit wirkungsvoll war. Manche Projekte lesen sich überzeugend, werben mit bunten Bildern, verändern aber die Welt nicht. Dann ist das Geld weg, passiert ist nichts.

Es muss nicht die klassische Stiftung sein

Doch es muss nicht die klassische Stiftung sein, erläuterte Schiemenz. Er zeigte andere Möglichkeiten auf, sinnvoll mit dem eigenen Vermögen umzugehen. Eine Möglichkeit liegt in der Zustiftung. Mit dieser wird der Kapitalstock einer bestehenden Stiftung erhöht. Erfahrene Stiftungen werden so in ihrer Arbeit gestärkt, und diese Zustiftung steht ihr für eine sehr lange Zeit zur Verfügung. Eine weitere Möglichkeit, die Treuhandstiftung, verursacht weniger Aufwand, Verwaltungsarbeit und Kapital bei dem Stifter. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, eine Treuhandstiftung ins Leben zu rufen und von einem erfahrenen Treuhänder verwalten und dauerhaft sichern zu lassen. Wer jedoch unbedingt eine rechtsfähige Stiftung ins Leben rufen möchte, weil er über ein hohes Vermögen verfügt, der sollte eine Verbrauchsstiftung gründen, rät Andreas Schiemenz. In dieser Stiftungsform wird das Stiftungsvermögen nicht erhalten, sondern über eine definierte Zeit – mindestens zehn Jahre – verbraucht. Damit kommen nicht nur die Kapitalerlöse, sondern auch das im Vermögensstock einer Stiftung gebundene Kapital selbst in den Projekten an.

Global denken und sich engagieren

Und es muss auch gar nicht stiften sein. Das Wichtigste ist, dass Menschen, die etwas geben und etwas bewegen wollen, sich zusammentun, sich austauschen, gemeinsam Ideen verfolgen, Synergien nutzen, sich Dritte hinzuholen – so wie das auch die Karl Kübel Stiftung und die Sparkassenstiftung praktizieren.

Dafür plädierte auch Joachim Schmitt, Regierungsdirektor beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Referat 110 / Zusammenarbeit mit deutschen privaten Stiftungen und Philanthropen, an diesem Abend. Er gab einen Einblick in die positiven Entwicklungen der letzten Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit sowie in die Möglichkeiten, sich auch hier vor Ort für die Menschen in der sogenannten „Dritten Welt“ zu engagieren. Alleine seit 1990 habe sich der Anteil, der in extremer Armut lebenden Menschen mehr als halbiert, der Anteil der unterernährten Menschen sei von 23 auf 15 Prozent gesunken und die Kindersterblichkeit habe sich von 12,7 auf 6 Millionen pro Jahr mehr als halbiert.

Doch er verwies auch auf die weiterhin bestehenden, nicht akzeptierbaren Defizite wie Armut und Hunger, Umweltzerstörung, Klimawandel, die wachsende Ungleichheit auch in Industrieländern, die wachsende Komplexität. Unterscheidungen zwischen Nord und Süd, Innen und Außen würden zunehmend verschwimmen. Dazu brauche es weitere Anstrengungen seines Ministeriums aber auch von Stiftungen und Philanthropen.

Er führte zudem aus, wie das BMZ die Arbeit von Stiftungen und Philantropen unterstützt – zum Beispiel mit einer „Servicestelle für Stiftungen und Philanthropen“, die gerade eingerichtet wird, oder mit dem Angebot des Stiftungs-„Matchings“ – der Förderung der Kooperation von bestehenden oder Neustiftungen mit bestehenden Stiftungen oder Vereinen, die in einem bestimmten regionalen oder inhaltlichen Fördersektor bereits über Erfahrungen und Strukturen zur Qualitätssicherung verfügen. Gerade die Förderpraxis des BMZ, das Entwicklungsprojekte bis zu 75 Prozent kofinanziert, sei in Zeiten von Niedrigzins ein wichtiges Mittel, um aktives Stiftungshandeln zu fördern. Das Ministerium wird diese Kooperationen durch fachliche Beratung und Vernetzung aktiv unterstützen, aber nur dort, wo diese wirklich gebraucht werden. Zudem sei die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) derzeit dabei, Investitionsmöglichkeiten in offizielle Fonds der KfW und im Einklang mit dem Stiftungsrecht zu entwickeln, um Stiftungen verbesserte Anlagemöglichkeiten zu schaffen.

Zugleich stellte Joachim Schmitt die wesentlichen Stärken von Stiftungen heraus, oftmals von unternehmerischem Hintergrund geprägtes Wissen und Erfahrung, Innovationskraft, die eigenen Kontakte und Netzwerke sowie das außerordentliche Engagement und Vermögen. Insbesondere betonte er aber die Möglichkeit von Stiftungen, oft schneller und flexibler, außerhalb staatlicher Regelwerke und Partnerbindungen, handeln zu können.

Wie Andreas Schiemenz, so hob auch der BMZ-Vertreter hervor, dass Austauschforen, wie die Veranstaltung „WeiterDenken“ von GGEW, Sparkassenstiftung und Karl Kübel Stiftung, für „Stiftungswillige“ und Neustifter ideale und wünschenswerte Plattformen seien, um potenzielle Partner und Informationen über mögliche Partnerschaften zu erhalten.

In seinem Fazit stellte Schiemenz fest, dass trotz sinkender Kapitalzinsen sich Stiftungen weiterhin großer Beliebtheit erfreuen. Die Menschen wollen Gutes tun. Das zeigten die Gründungsaktivtäten der letzten Jahre und sie wollen Spaß an ihrem Geld haben, ein Gefühl, das die Zinsen auf ihrem Sparbuch ihnen derzeit nicht vermitteln. Für einen Stifter ist sein gesellschaftliches Engagement häufig der Schlussstein eines erfolgreichen und verantwortungsvollen Lebens, egal für welche Variante des gesellschaftlichen Engagements er sich letztendendes entschieden hat.

Ralf Tepel von der Karl Kübel Stiftung nahm einen Schlussgedanken der Referenten auf, indem er ebenfalls klar machte, dass die Arbeit für eine Stiftung zutiefst erfüllend sei, denn Stiftungen seien gesellschaftliche Akteure, die mit großem Innovationspotenzial und vielfach auch unternehmerischem Hintergrund neue Wege aufzeigen können. Auch die Karl Kübel Stiftung stehe mit ihrer Fachexpertise in ihren Partnerländern aber auch in Deutschland für andere Stiftungen und Interessierte bereit.

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Stiftungen – Denkmal oder Groschengrab? – Vortragsabend in Heppenheim Deutschland ist das Land der Stifter. Laut Bundesverband Deutscher Stiftungen gab es Ende 2015 21.301 rechtsfähige Stiftungen im Land, pro Tag werden zwei neue gegründet. Mehr als 120 Milliarden Euro haben Stifterinnen und Stifter als Vermögen auf Stiftungskonten übertragen. Was bewegt...