Was bringen ehrenamtliche Kurzzeiteinsätze?

Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Eine Gruppe aus Freunden oder Kollegen möchte ihre Zeit und Manpower zur Abwechslung in ein gemeinnütziges Projekt investieren. Die Motivationsgründe liegen auf der Hand: Wer sich freiwillig im Team engagiert, hat nicht nur die Chance, Hilfsbedürftige zu unterstützen und sich damit gut zu fühlen, er kann auch den Zusammenhalt der Gruppe stärken, tiefer in einen sozialen Themenbereich einsteigen und ganz nebenbei – etwa durch den Umgang mit assistenzbedürftigen Menschen – seine Sozial- und Handlungskompetenz erweitern. Ebenso winken interessante Begegnungen, die nötige Abwechslung vom (Arbeits-)Alltag und neue Denkanstöße. Das Problem: Es gibt zwar vielfältige Engagementmöglichkeiten, meist handelt es sich dabei allerdings um langfristige oder nur für Einzelpersonen geeignete Ehrenämter – z. B. als Vorleser in einer Kindertageseinrichtung, als Fahrdienst für Sachspenden oder als Pate für einen Seniorenheim-Bewohner.

Woran das liegt? Natürlich sind Menschen, die sich ihren Fähigkeiten entsprechend dauerhaft engagieren, zweifelsohne attraktiver als Gruppen von Freiwilligen, die sich nur für ein paar Stunden möglichst niedrigschwellig engagieren möchten. Weiterhin stellt sich die Frage, wie es mit der nachhaltigen Wirkung von Kurzzeiteinsätzen steht. Steht das Ergebnis eines sozialen Tagesprojekts überhaupt im Verhältnis zum Organisationsaufwand? Ist es für die Organisationen, die Freiwillige benötigen, nicht anstrengend, sich jedes Mal auf eine völlig neue Gruppekonstellation einzustellen? Und haben die Freiwilligen am Ende des Tages nicht doch das frustrierende Gefühl, mit ihrem Engagement viel zu wenig bewegt zu haben?

Nur Erfahrungen machen klug

Antworten auf diese Fragen findet nur der, der projektweises Engagement ausprobiert und Erfahrungswerte sammelt. Als gemeinnütziger Verein, der unter dem Namen „tatkräftig“ in Hamburg eintägige Freiwilligeneinsätze für Gruppen organisiert, wissen wir, dass die professionelle Vermittlung und Begleitung von Freiwilligen viel Zeit und jede Menge Fingerspitzengefühl erfordert. Damit ein soziales Projekt erfolgreich verläuft und als sinnvoll erachtet wird, müssen einige Faktoren erfüllt sein. Dazu gehören u. a. ein angemessener Planungsvorlauf, der passende, d. h. auf die Gruppengröße abgestimmte Aufgabenumfang und manchmal auch vermeintlich Banales wie gutes Wetter oder gemeinsame Pausen. Befinden sich während des Projekts nicht alle Faktoren im grünen Bereich, etwa wenn die Tagesaufgabe zu groß oder zu klein ist, das passende Werkzeug oder ein wichtiger Ansprechpartner fehlt, wirkt sich das negativ auf die Zufriedenheit der Projektteilnehmer aus.

87% der Freiwilligen fühlten sich bei den eintägigen Projekten sinnvoll eingesetzt

An Herausforderungen mangelt es bei der Organisation von Kurzzeiteinsätzen also nicht. Die Daten, die wir über unsere Feedbackbögen zu den Projektteilnehmern erheben, relativieren jedoch die Befürchtung, dass projektweises Engagement als nicht sinnvoll bewertet wird: Lediglich 1 Prozent der rund 2.300 Freiwilligen, die sich in den Jahren 2012 bis 2015 im Rahmen eines eintägigen tatkräftig-Projekts freiwillig engagiert haben, hatten das Gefühl, nicht sinnvoll eingesetzt gewesen zu sein. 87 Prozent fühlten sich bei den eintägigen Projekten sinnvoll eingesetzt und 12 Prozent der Freiwilligen fühlten sich zum Teil sinnvoll eingesetzt. Auf Organisationsseite würden bei Bedarf ausnahmslos alle Einrichtungen erneut auf den tatkräftig e. V. zukommen.

Der Organisationsalltag wird durch ehrenamtliche Kurzeinsätze bereichert

Das inhaltliche Feedback unser Projektteilnehmer untermauert die Zahlen: Gemeinnützige Organisationen wie bspw. das ELIM Seniorencentrum Eppendorf, die alsterdorf assistenz west (aawest) oder TABEA – Leben bei Freunden, die sich um assistenzenbedürftige Menschen wie pflegebedürftige Senioren oder Menschen mit Behinderungen kümmern, empfinden die Zusammenarbeit mit dem tatkräftig e. V. als große Bereicherung. Das Engagement der Freiwilligen hilft ihnen dabei, Ideen umzusetzen, die Abwechslung in den Alltag ihrer Hilfeempfänger bringen. Mit Statements wie „Tolle Menschen, die auch unsere Klienten beeindruckt haben“ (aawest) oder „Unsere Bewohner freuen sich sehr über Besuche gerade auch von jungen Leuten, die sich sonst selten als Ehrenamtliche melden“ (TABEA) fällt ihr Feedback zu den Kurzzeit-Freiwilligen sehr positiv aus. Einige Projekte wie das offene Kinderkunstprojekt „Stadtmodell Wilhelmsburg“ oder die Kinderparty der Lichtinsel Stiftung geben sogar an, dass sie auf solche freiwilligen Aktionstage angewiesen sind, um ihr Angebot aufrechtzuerhalten.

Kurzeinsätze ebnen den Weg zum langfristigen Engagement

Bei den Freiwilligen beobachten wir folgende Wirkung: Wer sich für ein paar Stunden „tatkräftig“ engagiert, der realisiert, was an einem Tag erreicht werden kann, wenn alle an einem Strang ziehen. Und der weiß, dass er mit einfachen Handgriffen und ein bisschen Kreativität andere Menschen glücklich machen kann. Als „gerührt“, „dankbar“ und „überglücklich“ beschreiben die Freiwilligen regelmäßig ihren Gemütszustand im Anschluss an ihr persönliches Engagement. Ohnmacht und Politikverdrossenheit liegen in weiter Ferne. Unser Evaluationssystem zeigt außerdem, dass es immer wieder Freiwillige gibt, denen durch ein soziales Tagesprojekt bewusst wird, dass es tatsächlich möglich ist, Engagement dauerhaft in das eigene Leben zu integrieren. Sie teilen uns in den Feedbackbögen Überlegungen mit wie „das mache ich jetzt öfter“ oder „manche Prioritäten im Leben sind vielleicht falsch gesetzt“ – so ebnen Kurzzeiteinsätze im besten Fall den Weg zum langfristigen Engagement.

Unabhängig von den Erfahrungen des tatkräftig e. V. stellt sich die Frage, inwiefern auf ehrenamtliche Hilfe angewiesene Organisationen langfristig eine Wahl haben, auf projektweises Engagement zu verzichten. Nicht umsonst wird dauerhaftes Engagement in themenspezifischen Studien und Vorträgen bereits als das „alte Ehrenamt“ beschrieben. Die Ergebnisse des kürzlich erschienenen Freiwilligensurveys 2014 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstreichen diese Entwicklung: „Engagierte verwenden heute weniger Zeit auf ihre freiwillige Tätigkeit als vor fünfzehn Jahren“ lautet ein Fazit. Der gesunkene Zeitumfang der Engagierten wird i. d. R. auf sozialgesellschaftliche Veränderungen wie z. B. veränderte Rollenbilder oder die Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse zurückgeführt.

Gerade in Zeiten, in denen die Nachfrage an sozialen Dienstleistungen (u. a. durch die alternde Gesellschaft und Flüchtlingsströme) zunimmt und soziale Organisationen Nachwuchsmangel beklagen, ist es wichtig, die „Suchoptionen“ zu erweitern und sich auf die zeitlich begrenzten Möglichkeiten der Engagementwilligen einzustellen. Jeder, der sich freiwillig engagieren möchte, ist schließlich ein ernstzunehmender Interessent, der uns dabei helfen kann, unsere Gesellschaft ein kleines bisschen besser zu machen. Der erste Schritt ins ehrenamtliche Engagement ist jedoch alles andere als einfach. Allein in eine fremde Einrichtung mit unbekannten Menschen zu gehen, erfordert Mut. Das Konzept der Kurzzeiteinsätze zielt darauf, Menschen mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen im Rahmen eines gemeinsamen positiven Ereignisses zusammenzuführen und sie dabei optimal zu betreuen.

Fazit: Freiwillig Engagierte sind die Spender von Morgen!

Das Ergebnis lohnt sich für alle Projektparteien: Während die Freiwilligen für gesellschaftliche Randgruppen sensibilisiert werden und Berührungsängste abbauen, können gemeinnützige Organisationen Projekte umsetzen, die sie sonst nicht anpacken würden. Und wer einen Freiwilligeneinsatz als Bühne betrachtet, kann bei den Freiwilligen ganz gezielt für die eigenen Anliegen werben und diese Personen in die Fundraisingaktivitäten der Organisation mit aufnehmen. Somit haben Sie interessierte Personen, die Sie zu dauerhaften Spendern entwickeln können. Damit stellen wohldurchdachte Kurzzeiteinsätze eine gute Möglichkeit dar, das Potenzial der bisher wenig engagierten Menschen für unsere Gesellschaft zu nutzen – „wer das nicht macht, verpasst was“, ist sich Melanie Thiele vom ELIM Seniorencentrum Eppendorf sicher.

Theresa Senk, Geschäftsführung tatkräftig e. V.

 

http://www.neues-stiften.de/wp-content/uploads/2016/05/Uber-uns-erster-Einsatz-615.jpghttp://www.neues-stiften.de/wp-content/uploads/2016/05/Uber-uns-erster-Einsatz-615-300x300.jpgGastautorOrganisationenStrategie
Was bringen ehrenamtliche Kurzzeiteinsätze? Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Eine Gruppe aus Freunden oder Kollegen möchte ihre Zeit und Manpower zur Abwechslung in ein gemeinnütziges Projekt investieren. Die Motivationsgründe liegen auf der Hand: Wer sich freiwillig im Team engagiert, hat nicht nur die Chance, Hilfsbedürftige zu unterstützen und sich...