In meinem Artikel „ Das Geschäftsmodell der Stiftungen steht vor dem Scheitern?“
vom 19. Mai 2015 habe ich mich für einen dringend benötigten Kulturwandel sowohl auf der Stiftungs- als auch auf der Stifterseite stark gemacht. Die begonnene Debatte zur Neuausrichtung der Philanthropie des 21. Jahrhunderts in Deutschland möchte ich an dieser Stelle weiter führen und hat dabei viele weitere spannende Aspekte zu bieten.

Deutschland ist das Land der Spender. Im Jahr 2014 gaben die Menschen 6,4 Milliarden Euro (gem. DZI) an gemeinnützige Träger, Organisationen und Stiftungen. Dieser Betrag ist beeindruckend und zeigt, dass sich die Menschen für die Gesellschaft auch finanziell verantwortlich fühlen, trotz Wohlfahrtsstaat. Hinzu kommen pro Jahr, so die Statistik, ca. 4.6 Milliarden Stunden ehrenamtliche Arbeit. Das bürgerschaftliche Engagement funktioniert ganz offensichtlich.

Die Herausforderungen steigen

Doch die gesellschaftlichen Herausforderungen nehmen kontinuierlich zu. Flüchtlinge müssen aufgenommen und versorgt, baufällige Denkmäler erhalten, bildungsferne Menschen der Zugang zur Bildung ermöglicht werden. Es gilt daher, nicht in dem jetzigen Engagement zu verharren, sondern bisher ungenutzte Ressourcen zu aktivieren.

In Deutschland gibt es nämlich durchaus noch Potential für philanthropisches Investment. Ein Blick in das jährlich erscheinende Manager Magazin, in dem die 500 reichsten Menschen in unserem Land veröffentlich werden, haben in 2014 ein Gesamtvermögen von 611,78 Milliarden Euro. Wenn diese TOP 500 nur 1% Ihres Vermögens pro Jahr abgeben, stehen 6,11 Milliarden Euro zusätzliches Spendenvolumen zur Verfügung. Des Weiteren realisieren sie durchschnittlich ein Vermögenszuwachs von 24,5 Milliarden Euro pro Jahr. Wenn nur 5 % von diesem Zuwachs für gesellschaftliches Engagement ausgegeben werden, sind das bereits weitere 1,2 Milliarden Euro.
Neben den 500 reichsten Deutschen gibt es in Deutschland rund 1,13 Millionen Millionäre. Wenn 1/3 dieser Menschen (lt. GFK spendet jeder 3. Deutsche) nur 50.000 € pro Jahr zur Verfügung stellen, stehen ca. weitere knapp 19 Milliarden Euro für philanthropisches Investment zur Verfügung. Eine Vervielfachung des bisherigen Spendenvolumens auf 27 Milliarden Euro wären somit keine Utopie mehr.

Wie die Vision zur Realität wird

Es sind drei Faktoren, die es zu optimieren gilt, um das Spendenvolumen in Deutschland deutlich zu steigern:

  1. Zum einen muss das philanthropische Engagement der Menschen stärker belebt werden.
  2. Die Menschen müssen im Alltag erleben, dass ihr Engagement die richtige Wertschätzung in der Gesellschaft erlebt.
  3. Beim Geber sollte das gute Gefühl verstärkt werden, dass er sich mit einem Teil seines Vermögens gesellschaftlich engagiert hat.

Im Rahmen der Philanthropieberatung der HSH Nordbank werden deshalb mit Unternehmern und Privatkunden verschiedene Möglichkeiten zur Gestaltung des gesellschaftlichen Engagements beleuchtet und individuelle Strategien entwickelt. Im Mittelpunkt stehen die Bedürfnisse der Gesprächspartner, aktiv gesellschaftliche Prozesse zum Besseren zu verändern und die Begeisterung für philanthropisches Engagement zu stärken und zu unterstützen.

Ein Blick über den Teich

Wie oft lesen wir in den deutschen Medien über die Großartigkeit der Amerikaner. Im Fundraising sind uns die amerikanischen Stiftungen und Organisationen um Lichtjahre voraus. Sowohl in der Professionalität als auch im jährlichen Spendenvolumen. Und der amerikanische Milliardär ist nicht erst seit der aufsehenerregenden Großzügigkeit eines Warren Buffet und dem Ehepaar Melinda und Bill Gates in aller -deutschen- Munde.

Giving Pledge

Zugegeben. Mit der Kampagne “The Giving Pledge“ (Das Versprechen, etwas herzugeben) ist den Selfmade-Milliardären Buffet und Gates ein Husarenstück in der internationalen Philanthropie gelungen. Ziel der beiden Initiatoren ist es, die Reichen in Amerika einzuladen, den größten Teil ihres Vermögens für die Philanthropie zu geben.

Seit der Publikation dieses Gedankens haben sich mittlerweile über 122 Familien der Kampagne angeschlossen. Persönlichkeiten wie der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der Karstadt-Investor Nicolas Berggruen und der Star-Wars-Schöpfer George Lucas gehören dazu. Die komplette Liste lässt sich bequem auf Wikipedia nachlesen (https://de.wikipedia.org/wiki/The_Giving_Pledge).

Es ist immer hilfreich, von Anderen zu lernen. Ganz besonders der Blick über den großen Teich gibt für die in Deutschland engagierten Menschen zahlreiche Inspirationen, Anregungen und wahrscheinlich ebenso viele Aufregungen. Gern wird über die „geizigen Deutschen“ herzgezogen und mit dem Zeigefinger auf die Menschen mit hohen Einkommen gezeigt.

Deutschland ist nicht USA

Amerika mit Deutschland zu vergleichen ist wie Hot Dog und Grünkohl zu benchmarken. Die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen sind sehr unterschiedlich. In Deutschland ist der Staat für die Wohlfahrt zuständig, in Amerika sind es die Wohlhabenden. In den Staaten spricht man über Geld, in unserem Land nicht. . Wie heißt es so schön: „Über Geld spricht man nicht.“ Die Wohlhabenden noch mit dem Nachsatz: „Man hat es.“

Geber und Nehmer müssen stärker aufeinander zugehen und sich intensiver austauschen

Die Akteure im Dritten Sektor, also die Vorstände, die Geschäftsführer und ganz besonders die Spendensammler sind aufgefordert, aktiv auf die reichen Menschen zuzugehen. Dies gelingt aber nur, wenn ich keine Berührungsängste habe. Natürlich ist ein Fundraiser in einer „anderen Welt“ unterwegs als der Topspender. Er lebt in anderen Stadtteilen, verkehrt an anderen Urlaubsorten und wahrscheinlich auch in anderen Netzwerken. Doch diese Angst ist überwindbar. So gelingt es einem Private Banker durchaus, den reichen Kunden zu akquirieren und sich mit ihm auf Augenhöhe auszutauschen.

Für einen Fundraiser sollte es allerdings einfacher sein, denn er repräsentiert das gute Gewissen seines „Kunden“. Doch bisher tut sich die Branche der Spendensammler mit dieser Zielgruppe noch immer recht schwer.

Unsere neue Onlineplattform hat sich zum Ziel gesetzt, diese Herausforderungen aufzugreifen und an diesen zu arbeiten. Wir möchten Unternehmer und Privatpersonen Mut und Lust machen, sich gesellschaftlich zu engagieren oder ihr bisheriges Engagement weiter zu steigern.

Gleichzeitig möchten wir auch die Organisationen und Fundraiser unterstützen, die potentiellen Groß- und Topspender anzusprechen, kennenzulernen und in die Projekte einzubinden.

Alle beteiligten Akteure können die großen gesellschaftlichen Herausforderungen nur gemeinsam lösen! Sie müssen bereit sein, sich intensiv miteinander auszutauschen, um die Philanthropie im 21. Jahrhundert in Deutschland weiter voranzubringen.

 

 

http://www.neues-stiften.de/wp-content/uploads/2015/08/man-446668_1920-940x664.jpghttp://www.neues-stiften.de/wp-content/uploads/2015/08/man-446668_1920-300x300.jpgAndreas SchiemenzOrganisationenStrategie
In meinem Artikel „ Das Geschäftsmodell der Stiftungen steht vor dem Scheitern?“ vom 19. Mai 2015 habe ich mich für einen dringend benötigten Kulturwandel sowohl auf der Stiftungs- als auch auf der Stifterseite stark gemacht. Die begonnene Debatte zur Neuausrichtung der Philanthropie des 21. Jahrhunderts in Deutschland möchte ich an...