Empirische Erhebungen zum sozialen Engagement der Generationen X und Y (Jahrgänge 1961-2000) existieren nicht bzw. sind in Deutschland noch größtenteils unerforscht. Die Universität Hamburg führt aktuell eine wissenschaftliche Studie zum Thema „Die nächste Generation der Philanthropie“ durch. Das Philanthrophon hat exklusiv für neues stiften noch vor Veröffentlichung der Ergebnisse Frau Prof. Dr. Silke Boenigk 5 spannende Fragen zu dieser Studie gestellt.

 
Welches Ziel verfolgt Ihre aktuelle Studie zum Thema „Die nächste Generation der Philanthropie“?
In Deutschland gibt es zahlreiche Studien über das soziale Engagement der Bevölkerung, z.B. in Form des Deutschen Freiwilligensurveys 2014. Über das Engagement der Vermögenden unseres Landes – die Millionäre und Milliardäre – wissen wir bis auf einige Zeitungsartikel aber noch sehr wenig. Dabei wird in den kommenden Jahren so viel Geld wie noch nie vererbt und der Großteil dieses Geldes geht an junge Erben aus vermögenden Familien. Herauszufinden, wie und unter welchen Bedingungen sich diese Generation engagieren möchte –  sowohl freiwillig, ehrenamtlich als auch finanziell – ist Ziel der wissenschaftlichen Studie, die ich aktuell gemeinsam mit meiner Mitarbeiterin Jutta Schrötgens durchführe.
Wenn Sie  das philanthropische Engagement zwischen der neuen Generation und ihrer Eltern vergleichen, gibt es doch bestimmt gravierende Generationsunterschiede, oder?
Unsere These ist in der Tat, dass es Unterschiede gibt. Ob diese These so zutrifft untersuchen wir aktuell, in dem wir die philanthropischen Pfade vom ursprünglichen Familieneinfluss bis zum heutigen Engagement aufzeigen. Bislang lässt sich festhalten, dass es Unterschiede aber auch Ähnlichkeiten gibt. Wir stellen zunächst einmal fest, dass die jungen Philanthropen sich wesentlich früher sehr bewusst engagieren. Hierbei gehen sie oft sehr strategisch vor und legen besonders Wert auf Professionalität, Transparenz und Effizienz der Organisationen, die sie unterstützen. Gleichzeitig sind viele Personen natürlich sehr stark durch ihre Familien geprägt und gemeinsam aktiv, insbesondere in Stiftungen. Auch das Interesse für verschiedene Sektoren, z. B. Bildung oder Kunst, ist häufig  durch die Familie geprägt.
Für eine Verdoppelung des aktuell stagnierenden Spendenvolumens (ca. 9 Milliarden Euro) müssten weitaus mehr vermögende Personen bereit sein, Teile ihres Vermögens zu spenden. Werden viele der Initiative  von Susanne Klatten (100 Mio. Euro in den nächsten 5 Jahren) folgen und warum sind Ihrer Einschätzung nach bisher nur so wenige vermögende Personen in Deutschland zu einer solchen Unterstützung bereit?
Unsere Studie hat eine ganzheitliche Perspektive auf das Engagement von vermögenden Personen und setzt sich auch mit den zukünftigen Plänen der jungen Philanthropen auseinander. Aus unseren Gesprächen ergibt sich erstens, dass Vermögende weiterhin oft im Stillen spenden und ungern öffentlich darüber sprechen. Daher gibt es auch so gut wie keine Daten zum tatsächlichen Spendenvolumen der Vermögenden. Zweitens wissen wir, dass laut dem Bundesverband der Deutschen Stiftungen (2014), jedes Jahr ca. 17 Milliarden Euro finanzielle Förderungen durch Stiftungen an gemeinnützige Zwecke gehen. Auch viele der jungen Vermögenden sehen die Stiftung als ihr philanthropisches Hauptvehikel und spenden daher weniger intensiv an andere Zwecke. Neben den zweckgebundenen Mitteln könnten aber gerade natürlich Stiftungen ihr Engagement noch erweitern, in dem auch deutlich mehr Stiftungsvermögen wirkungsorientiert angelegt wird. Drittens sollte man auch das Engagement von Familienunternehmen nicht außer Acht lassen. Viele vermögende Familien haben ihr gesellschaftliches Engagement stark mit dem Unternehmen verwoben und tragen diese Kombination an ihre Kinder weiter.
Was müssen gemeinnützige Organisationen zukünftig insbesondere bei der Ansprache von jungen Philanthropen anders machen, um diese für die eigene Arbeit und Projekte zu überzeugen?
Unsere Gespräche zeigen bislang, dass junge Philanthropen häufiger nach einem ganzheitlichen Engagement suchen und sich aktiv einbringen möchten. Hier sind teilweise gerade kleinere Organisationen oder die Jugendorganisationen von größeren Organisationen attraktiv, da die Philanthropen flache Organisationsstrukturen, effiziente Prozesse und eigenständiges flexibles Engagement schätzen. Wir haben aber auch insbesondere schon von einigen sehr jungen Philanthropen unter Dreißig gehört, dass auch Freundschaften innerhalb des Engagements eine große Rolle spielen und eine Bindung an die Organisation ermöglichen. Wenn die Philanthropen dann von der Arbeit einer Organisation überzeugt sind, engagieren sie sich gerne auch finanziell und werben auch Freunde und Familie als Spender.
Welche Faktoren sind für die jungen Philanthropen entscheidend, um ein Projekt oder eine Organisation längerfristig zu unterstützen?
Um diese Faktoren abschließend benennen zu können, müssen wir zunächst unsere Datenerhebung im Herbst 2016 abschließen. Wir werden dann entlang des zuvor angesprochenen philanthropischen Pfadmodells die geführten Interviews detailliert analysieren und erwarten Ende des Jahres einen Ergebnisbericht zu unserer Studie veröffentlichen zu können.

Silke Boenigk hat die Professur für BWL, insb. Management von Öffentlichen, Privaten & Nonprofit-Organisationen an der Universität Hamburg inne.  Zudem ist sie unter anderem Flüchtlingsbeauftragte der Universität Hamburg und Programmdirektorin des Masterstudiengangs M.Sc. Interdisziplinäre Public und Nonprofit Studien.

Literatur:
Bundesverband Deutscher Stiftungen (Hrsg.) (2014). Zahlen, Daten, Fakten zum deutschen Stiftungswesen, Berlin.
Simonson, J., Vogel, C. & Tesch-Römer, C. (Hrsg.) (2014). Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der Deutsche Freiwilligen Survey

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Empirische Erhebungen zum sozialen Engagement der Generationen X und Y (Jahrgänge 1961-2000) existieren nicht bzw. sind in Deutschland noch größtenteils unerforscht. Die Universität Hamburg führt aktuell eine wissenschaftliche Studie zum Thema „Die nächste Generation der Philanthropie“ durch. Das Philanthrophon hat exklusiv für neues stiften noch vor Veröffentlichung der Ergebnisse Frau...