Der DAX, aber auch der Dow Jones, befinden sich schon das ganze Jahr über im Aufwind und haben im Juni neue Höchststände erreicht. Was sind die Gründe für den Boom? Nico Hamm, Leiter des Wealth Managements der HSH Nordbank,  gibt einen Ausblick auf die Finanzmärkte in der zweiten Jahreshälfte 2017.

Nico Hamm: Nach wie vor spielt die in der Geldanlage fehlende Alternative eine Rolle, genau wie die Hoffnung auf die von Donald Trump versprochene Stimulation für die amerikanische Wirtschaft. Börsen leben schließlich immer auch von der Phantasie. Gleichzeitig ist die Angst der Europäer vor hohen Zöllen und Reglementierungen durch die neue US-Regierung geringer geworden. Und der Euro ist auch nach der jüngsten Aufwertung immer noch recht günstig, das ist gut für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie. Interessanterweise ist der Dow Jones seit Jahresbeginn aber nur um fünf Prozent gestiegen, während der DAX um zehn Prozent zugelegt hat.

Sind die hohen Aktienkurse damit fundamental gerechtfertigt?

Nico Hamm: Die Wachstumsraten ziehen an, das ist gut und rechtfertigt natürlich auch steigende Aktienkurse. Dennoch sind mir persönlich die Kurse in der Summe zu hoch. Ein Plus von zehn Prozent in Deutschland scheint mir nicht ausschließlich fundamental begründet.

Lohnt es sich dennoch, jetzt noch einsteigen?

Nico Hamm: Langfristig betrachtet auf jeden Fall. Zum einen schütten viele Aktien – unabhängig von der Kursentwicklung –attraktive Dividenden aus. Zum anderen sind Alternativen dünn gesät. Die Renditen von sicheren Anleihen sind extrem niedrig. Für das Parken von Geld verlangen immer mehr Banken Gebühren, was einer Bestrafung von Sichteinlagen gleichkommt. Die Banken machen das, weil sie selbst bei den Zentralbanken bezahlen müssen, wenn sie dort Geld deponieren. Für Banken wird es immer schwieriger werden, diese Negativzinsen nicht weiter zu geben. Gleichzeitig sehen wir ein Anziehen der Inflation. Diese Kombination von Minuszinsen und steigenden Inflationsraten bedeutet eine reale Entwertung des Vermögens.

Ist es angesichts der derzeit hohen Kurse vielleicht ein guter Zeitpunkt, um auch mal etwas Kasse zu machen?

Nico Hamm: Es ist auf jeden Fall sinnvoll, genau zu prüfen, in welchen Anlagen ich investiert bin. Schließlich gibt es auch Möglichkeiten an steigenden Aktienmärkten zu partizipieren und gleichzeitig eine Kapitalgarantie zu haben – und zwar über strukturierte Produkte. Das könnten aktuell gute Instrumente sein, denn man bleibt in der Assetklasse Aktien, zieht aber eine Sicherheitslinie ein.

Bleiben Europa und die USA im Fokus?

Nico Hamm: Nicht ausschließlich. Es könnte sich auch lohnen, auf andere Regionen der Welt zu schauen. Wir haben in Europa einen guten Aufschwung erlebt. Wir sehen aber auch insgesamt eine klare Stabilisierung in den meisten Schwellenländern, allen voran China, Indien und auch Russland.

Die Anfang des Jahres gefürchteten politischen Risiken – Stichwort Rechtspopulismus in Österreich, Niederlande und Frankreich – sind nicht eingetreten. Können sich die Anleger jetzt entspannen?

Nico Hamm: Als Europäer habe ich mich über die Wahlergebnisse gefreut. Das war für die Europäische Union sehr wichtig – wenn die Wahlen anders ausgefallen wären, hätte das Folgen für die Aktienmärkte gehabt. Wir haben aber noch einige Herausforderungen vor uns.

Zum Beispiel?

Nico Hamm: Wir müssen sehen, wie sich die US-amerikanische Handelspolitik entwickelt. Auch in Südeuropa sind noch nicht alle Krisen ausgestanden. Möglicherweise stehen in diesem Jahr noch Wahlen in Italien an.

Und wir haben den Brexit, über den bereits verhandelt wird. Der Beginn der Gespräche war wenig verheißungsvoll.

Nico Hamm: Derzeit wird sichtbar, dass offenbar keiner so recht wusste, was er mit der Entscheidung für den Brexit angerichtet hat. Und was das überhaupt bedeutet. Viel wird darauf ankommen, wie die Ehe zwischen Briten und der EU geschieden wird. Bislang wirken die Forderungen bei den Austrittsverhandlungen diametral entgegengesetzt. Niemand kann sagen, wie sich das entwickelt. Europa ist ein eng gewobenes Netz. Erst wenn man es auflöst, merkt man, wie komplex die Verflechtungen sind.

Der Brexit könnte bedeuten, dass die wirtschaftliche Entwicklung in Großbritannien, aber auch in der EU etwas verlangsamt wird.

Nico Hamm: Ja, wobei ich glaube, dass die Folgen für Großbritannien gravierender sind als für die EU oder für Deutschland. Großbritannien ist ein wichtiger Handelspartner für Deutschland, aber nicht die Nummer eins. Zudem: Selbst wenn der Brexit vollzogen ist, wird der Handel zwischen den Ländern ja nicht aufhören – es gibt dafür nur neue Bedingungen. Aber: Die Unsicherheit führt natürlich eher dazu, dass Investitionen zurückgestellt werden.

Die US-amerikanische Notenbank wird die Zinsen im Laufe des Jahres anheben. Was heißt das für die Aktienmärkte?

Nico Hamm: Die klassische Entwicklung, wonach steigende Renditen auf Anleihen zu sinkenden Aktienkursen führen, haben wir lange nicht mehr gesehen. Wir können steigende Zinsen und steigende Aktienmärkte sehen.

Weshalb?

Nico Hamm: Weil die Konjunkturerholung weitergehen sollte und diese typischerweise mit einer höheren Teuerungsrate und steigenden Zinsen einhergeht. Eine gute Konjunkturlage ist aber gut für die Gewinne. Die Aktiendividenden dürften sich daher freundlich entwickeln. Zudem sehen wir Branchen mit viel Phantasie: Fintechs, Elektromobilität. Diese Themen werden über die Börse gespielt.

Ihr Tipp: Wo stehen Dow und Dax Ende des Jahres?

Nico Hamm: Ich sehe kurzfristig ein gewisses Rückschlagpotenzial, gegen Ende des Jahres sehe ich den DAX wieder bei etwa 12500 Punkten. Beim Dow Jones rechne ich mit moderat steigenden Kursen.

 

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Der DAX, aber auch der Dow Jones, befinden sich schon das ganze Jahr über im Aufwind und haben im Juni neue Höchststände erreicht. Was sind die Gründe für den Boom? Nico Hamm, Leiter des Wealth Managements der HSH Nordbank,  gibt einen Ausblick auf die Finanzmärkte in der zweiten Jahreshälfte 2017. Nico...