Der DAX, aber auch der Dow Jones, sind von Höchstständen etwas zurückgekommen. Was ist das: Eine gute Einstiegsmöglichkeit oder der Beginn eines Abwärtstrends?

Nico Hamm: Nach wie vor sind die Aktienmärkte die einzige Möglichkeit, im mittelfristigen Bereich positive Renditen zu erwirtschaften. Wir werden keine kurzfristigen Zinserhöhungen sehen, die an den Bondmärkten attraktive Zinsen versprechen. Wenn man momentan Geld verdienen und nicht vorwiegend auf Immobilien und alternative Investments setzen will, bleibt die Aktie das Mittel der Wahl. Deshalb: Ja, sinkende Kurse können selektiv zum Einstand genutzt werden.

Sehen Sie kein Rückschlagpotenzial bei den Aktien?

Nico Hamm: Die Kunst besteht darin, die richtigen Unternehmen zu finden, die aufgrund ihrer eigenen Stärke, ihrer guten Marktposition oder eines wichtigen Trends besonders erfolgreich sind und nicht zwingend an die Performance eines Index gebunden sind.

Politische Krisen im Nahen Osten, drohender Handelsstreit mit den USA. Sind die hohen Aktienkurse fundamental noch gerechtfertigt?

Nico Hamm: Diese Ereignisse drücken natürlich auf die Stimmung am Markt, fundamental ist das Bild aber differenziert zu betrachten: Die Wirtschaft läuft in Deutschland und Frankreich gut, in anderen europäischen Ländern wie Italien und Portugal ist die Entwicklung nicht so positiv. Die Frage ist: Wie viel Hoffnung steckt in den aktuellen Werten? Indikatoren wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis sind schon recht hoch. Gleichzeitig müssen wir bedenken, dass sich die fundamentale Betrachtungsweise verändert hat. Klassische Firmen, die Güter produzieren, müssen anders beurteilt werden als Unternehmen, die sich wie Google oder Alphabet um die Digitalisierung der Welt kümmern. Wir reden heute über andere Märkte als früher. Unterm Strich halte ich die Märkte zwar für hoch, aber nicht für zu hoch bewertet.

In den vergangenen Jahren haben Exchange Traded Funds (ETF) an Beliebtheit gewonnen. Sind diese passiven Fonds eine Alternative zu Engagements in einzelne Werte?

Nico Hamm: Sie sind eine gute Alternative, weil die Kosten recht gering sind und damit Themen und Märkte abgedeckt werden können. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass die richtige Auswahl von Einzelwerten durchaus interessant sein kann.

Wie findet man die richtigen Aktien?

Nico Hamm: Je mehr ich mich mit dem Markt befasse, je mehr ich die Verflechtungen erkenne und verstehe, welche Auswirkungen aktuelle Ereignisse und Trends haben, desto größer sind die Chancen, die richtigen Werte zu finden. Was bedeutet ein Handelskrieg zwischen den USA und Europa? Welches Unternehmen leidet darunter, welches zieht daraus sogar Vorteile? Um das zu verstehen, muss man sich intensiv mit der Materie beschäftigen und tief in die Märkte eintauchen.

Die Zinsen steigen langsam wieder, US-Bonds rentieren bereits über zwei Prozent – wird die klassische Staatsanleihe für Anleger wieder attraktiver?

Nico Hamm: Stimmt, US-Bonds haben angezogen – aber wie verhält sich der US-Dollar? Wenn der an Wert verliert, ist die Rendite schnell aufgebraucht. Und keiner kann den Wechselkurs vorhersagen. Das bedeutet ein Risiko. Einen generellen, starken Anstieg der Zinsen in der Eurozone sehe ich nicht – viele Staaten haben eine hohe Staatsverschuldung, die sie bei hohen Zinsen kaum stemmen könnten.

Bonds bleiben also nur begrenzt eine Alternative?

Nico Hamm: Bonds gehören immer in ein Portfolio, weil sie für Stabilität sorgen. Aber sie sind eben nur ein Teil der Anlagestrategie.

Die Banken bezahlen bei den Zentralbanken 0,4 Prozent Zinsen, wenn sie ihr Geld dort über Nacht anlegen. Wann treffen diese Negativzinsen den Privatanleger?

Nico Hamm: An die institutionellen Kunden werden diese negativen Zinsen in Form von Verwahrgebühren bereits weitergereicht. Bei Privatkunden gibt es das bislang kaum. Ich sehe auch nicht, wie man einem deutschen Sparer Negativzinsen erklären soll.

 Die Rohstoffmärkte sind stark – rücken damit wieder Länder wie Brasilien und Russland in den Fokus?

Nico Hamm: Diese Länder profitieren natürlich stark von steigenden Rohstoffpreisen. Aber man muss beobachten, wie sich einzelne Märkte entwickeln – China war beispielsweise viele Jahre lang der größte Kohleimporteur der Welt. Mittlerweile hat China den eigenen Abbau gefördert, dadurch kommt es zu Verschiebungen.

Der Brexit, vor dem sich viele gefürchtet haben, rückt näher. Ist das eine Gefahr für die Aktienmärkte?

Nico Hamm: Viele Gefahren sind bereits eingepreist, aber wir wissen nicht, in welcher Form der britische Ausstieg erfolgt. Der Brexit wird teuer, das ist klar. Wie teuer, das ist noch unklar.

Ist Gold als Sicherungsreserve noch wichtig im Depot?

Nico Hamm: Für mich – und für viele andere – ist Gold ein fester Bestandteil des Portfolios, allerdings nur in einer Größenordnung von etwa fünf Prozent.

Sind Kryptowährungen als Anlage interessant?

Nico Hamm: Nur für die, die zocken wollen. Für eine seriöse Geldanlage ist das derzeit nicht zu empfehlen.

Ihr Tipp: Wo stehen Dow und Dax Ende des Jahres?

Nico Hamm: Wir bewegen uns in einem Seitwärtstrend, es wird ein paar hundert Punkte rauf und runtergehen, dramatische Ausbrüche erwarte ich aktuell keine.

 

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Der DAX, aber auch der Dow Jones, sind von Höchstständen etwas zurückgekommen. Was ist das: Eine gute Einstiegsmöglichkeit oder der Beginn eines Abwärtstrends? Nico Hamm: Nach wie vor sind die Aktienmärkte die einzige Möglichkeit, im mittelfristigen Bereich positive Renditen zu erwirtschaften. Wir werden keine kurzfristigen Zinserhöhungen sehen, die an...