Stiftungen auf der Suche nach neuen Wegen der Geldanlagen

Die Komplexität und vor allem die Unsicherheit an den Kapitalmärkten sind spätestens seit Einsetzen der Finanz- und Staatsschuldenkrise 2008 kontinuierlich gestiegen. Altbewährte finanzwirtschaftliche Muster helfen nur mehr beschränkt.

Als wäre dies noch nicht Herausforderung genug, erleben wir auch noch eine Niedrigzinsphase, die weiter anhalten wird. Nach den Renditen für Staatsanleihen ist nun auch die Verzinsung der Unternehmensanleihen auf einen historischen Tiefstand gesunken. Die verstärkte Nachfrage von Investoren nach Alternativen zu Staatspapieren ermöglicht es den Unternehmen, sich so günstig am Kapitalmarkt zu refinanzieren wie nie zuvor. Die Krux dabei: Sowohl Staats- als auch Unternehmensanleihen waren bislang Kernkomponenten vieler Stiftungsportfolien. Plötzlich bieten sie den Investoren aber zu wenig Rendite, vor allem in Relation zu den möglichen Risiken.

Was gut ist für Fremdfinanzierungen – die Kosten für geliehenes Geld sind niedrig – ist schlecht für Anleger, die auf bestimmte, scheinbar risikoarme und deswegen niedrig verzinste Asset-Klassen angewiesen sind.

Zu den Leidtragenden gehören ganz besonders Stiftungen. Die oberste finanzielle Prämisse dieser Institutionen ist der Erhalt ihres Stiftungsvermögens. Das ist schon in den meisten Landesstiftungsgesetzen so festgeschrieben. Sie fordern, dass das Vermögen in seinem Bestand ungeschmälert zu erhalten ist. Es darf nicht verbraucht werden, sondern muss allein zur Erzielung von Erträgen verwendet werden. Stiftungen, die deshalb der klassischen Anlagestrategie der Branche treu geblieben sind und den Großteil ihres Vermögens in vermeintlich sichere Anlageformen investiert haben, beispielsweise in Anleihen, können jedoch mit den derzeit zu erzielenden Renditen nicht einmal mehr die Inflationsrate ausgleichen. Ein Beispiel: Eine Stiftung mit einem Kapital von 500 000 Euro, die früher im Schnitt jährlich fünf Prozent erwirtschaftete, also 25 000 Euro, kommt heute auf zwei bis drei Prozent, also 10 000 bis 15 000 Euro. Als Folge dieser Mindereinnahmen steht der Stiftung deutlich weniger Geld für Ausgaben zur Verfügung und dies gefährdet wiederum das Verfolgen des Stiftungszweckes.

Öffentlich geworden ist diese Misere spätestens bei der  letzten Nobelpreisverleihung: Das Stockholmer Komitee musste 2012 die Preisgelder für die Gewinner um etwa 20 Prozent kürzen, weil die Organisation, die das Vermögen des schwedischen Dynamit-Erfinders Alfred Nobel verwaltet, in der Finanz- und Wirtschaftskrise geringere Renditen erzielt hatte. Andere Stiftungen, vor allem kleinere, sind durch niedrigere Einnahmen aus der Anlage ihres Kapitals geradezu gelähmt.

Hinzu kommt die weit verbreitete Angst vor den gestiegenen Risiken an den Finanzmärkten. Deutsche Stiftungsportfolios sind historisch bedingt sehr stark im festverzinslichen Rentenbereich investiert. Die so erzielte Verzinsung genügte lange Zeit, um die gewünschte Rendite und somit die Erträge zur Erfüllung des Stiftungszwecks zu erwirtschaften. Auch aufgrund ihres risikofreien Charakters wurden Renten – vor allem bei begrenzten Risikobudgets – gerne genutzt. Heute sind Staatsanleihen allerdings nicht mehr per se risikofrei – und im aktuellen Niedrigzinsumfeld erwirtschaften sie auch nicht mehr die erwünschten Renditen.

Bislang bewährte Asset Allokation völlig neu denken ist das Gebot der Stunde

Auch wenn es nahezuliegen scheint, die bestehenden Allokationen von 80% Renten und 20% Aktien zugunsten der Aktien anzupassen und die Diversifizierung über mehrere Vermögensverwalter mit unterschiedlichen Anlagestilen zu erhöhen, so wird dies bei Weitem nicht ausreichen, um dieser für viele Stiftungen existenzkritischen Herausforderung zu begegnen. –

Die gesamte Allokation muss auf den Prüfstand gestellt werden. Dabei sollten Stiftungen auch über alternative Anlageformen außerhalb des festverzinslichen Bereichs, wie Immobilien, Private Equity und sonstige Alternative Investments, nachdenken, um eine dauerhafte Lösung für dieses Problem zu finden.

Hilfreich ist dabei auch der Blick über die deutschen Grenzen hinaus. Was wenige wissen: Einige der international erfolgreichsten Investoren sind Stiftungen.

Die bekanntesten Beispiele sind die amerikanischen Universitätsstiftungen, allen voran Yale mit ihrem seit 20 Jahren praktizierten Anlagemodell. Diese Stiftungen haben bereits vor einiger Zeit verstanden, dass ein Kapitalerhalt vor allem durch reale Sachwerte erreicht werden kann und weniger mit verbrieften Forderungen.

Was können wir von diesen Vorreitern lernen? Stiftungen sind gut beraten, Expertise aufzubauen, um Anlageformen selber beurteilen und laufend überwachen zu können.  Im ersten Schritt werden damit zwar zusätzliche Kosten erzeugt. Langfristig aber führen die breite Streuung des Vermögens und das außergewöhnlich hohe Know-How in der Steuerung von Kapitalanlagen sowohl zu sinkenden Kosten als auch zu signifikant höheren Erträgen.

Viel zu oft wird hier zu Lande argumentiert, dass diese Anlagestrategien nicht auf deutsche Stiftungen übertragbar sind. Richtig ist, dass bestimmte Restriktionen eine 1:1-Kopie der Strategie verhindern. Dies sollte aber kein Grund sein, sich nicht mit den Grundzügen einer strategischen Verteilung der Stiftungsgelder auf verschiedene Anlageklassen zu beschäftigen.

Auch die Tatsache, dass viele Stiftungen über zu wenig Kapital verfügen, um ausreichend zu diversifizieren und überhaupt Zugang zu höherrentierlichen Anlagen zu erhalten, macht es nicht immer leicht, von diesen erfolgversprechenden Strategien unmittelbar zu profitieren.

Stiftungen auf neuen Wegen

Ein Erfolg versprechender Pfad ist die Risikoverteilung durch gemeinsame Investments. Mehrere Stiftungen schließen sich dabei zunächst zusammen, um an Finanzwissen und Kontakte zu gelangen, die ihnen vorher fehlten und gemeinsam Synergien zu heben.

Ein Beispiel für Pooling könnte wie folgt aussehen: Drei Stiftungen, die jeweils ein Stiftungskapital von weniger als 500 000 Euro besitzen, investieren gemeinsam: Würde jede Stiftung allein agieren, bekäme man für diese keinen soliden Anlagemix mit breiter Risikostreuung hin. Gemeinsam aber könne das Trio so investieren, wie es vermögende Unternehmer schon seit Jahren machen. Mit größeren Summen böten sich auch alternative Anlageformen an wie Immobilienbeteiligungen, Investments in Regenerative Energien oder landwirtschaftliche Flächen, die eine regelmäßige Pachteinnahme garantieren.

Eine weitere Möglichkeit für Stiftungen mit geringem Kapital ist das sogenannte „Huckepack-Verfahren“: Man schlüpft als kleine Stiftung unter das Dach der Vermögensverwaltung einer Großstiftung. So kann die Stiftung weitgehend unabhängig  von Banken bleiben, spart Kosten und profitiert von der Expertise erfahrener Finanzexperten.

Ganz oben auf ihre Agenda sollten Stiftungsvorstände aber die Überprüfung ihrer Governance-Strukturen und -Budgets packen, um die neuen Anforderungen durch das Niedrigzinsumfeld und das Risikomanagement zu meistern. Die Kern-Frage dabei: Reichen die aktuell zur Verfügung stehenden Ressourcen aus, um die gestiegenen Herausforderungen bei der Kapitalanlage und beim Management des Stiftungsvermögens zu meistern? Als Resultat dieser Reviews sollten Stiftungen darüber nachdenken, gezielt zusätzliche interne Ressourcen aufzubauen oder auch unabhängige, externe Honorarberater hinzu zuziehen. Diese können u.a. das Vermögenscontrolling übernehmen und die Interessen der Stiftung gegenüber Banken, Finanzdienstleister und Versicherungen vertreten. Vom Kennenlernen und Voneinander lernen bis zu einer gemeinsamen Investition ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Lassen Sie es uns anpacken und die Finanzen von Stiftungen auf solide Beine stellen. Die Arbeit von Stiftungen hat eine so wichtige gesellschaftliche Bedeutung,  dass ihre finanzielle Ausstattung gesichert werden muss. Dazu bedarf es frischer Ideen und der Vernetzung, um gemeinsam zu lernen und Potenziale auszuschöpfen.  

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Stiftungen auf der Suche nach neuen Wegen der Geldanlagen Die Komplexität und vor allem die Unsicherheit an den Kapitalmärkten sind spätestens seit Einsetzen der Finanz- und Staatsschuldenkrise 2008 kontinuierlich gestiegen. Altbewährte finanzwirtschaftliche Muster helfen nur mehr beschränkt. Als wäre dies noch nicht Herausforderung genug, erleben wir auch noch eine Niedrigzinsphase, die...