Tenzing Norgay. Der Name wird für immer mit Professor Freise, dem ersten Millionengewinner bei „Wer wird Millionär“, verbunden sein – und natürlich mit der Erstbesteigung des Mount Everest, die Norgay gemeinsam mit Sir Edmund Hillary 1953 gelang. Beide waren echte Könner ihres Faches, die Risiken mit dem Machbaren abwogen. Manager von Stiftungsfonds sind heute ähnlich herausgefordert. Von Tobias M. Karow

Stiftungsfondsmanager müssen echte Könner sein. Stiftungen verlangen regelmäßig fließende ordentliche Erträge, die auf der anderen Seite wiederum in einem Umfeld historisch niedriger Zinsen erwirtschaftet werden müssen. Grund dafür sind die seit 50 Jahren angehäuften Schulden von Staat, Wirtschaft und Privatsektor. Aber auch die ererbten Milliarden wollen konservativ angelegt und erhalten werden. So steigt die Nachfrage nach Anleihen aufgrund der Risikoaversion der Anleger, und das bedeutet hohe Kurse und niedrige Zinsen. Dieses äußerst verzwickte Umfeld gilt es zu meistern, so wie Hillary und Norgay einst Khumbu Eisbruch, Tal des Schweigens, Genfer Sporn und den Hillary Step überwanden. Das Gemeinsame an der Everest-Südroute und dem Niedrigzinsumfeld sind die Unwägbarkeiten, die am Wegesrand lauern. Am Everest können es ein Sturm oder ein vereisendes Sauerstoffgerät sein, die der Seilschaft einen Strich durch die Rechnung machen. Bei der Veranlagung von Stiftungsgeldern können es die dramatische Zuspitzung des Griechenland-Infarkts, ein „heißer“ Konflikt im südchinesischen Meer oder ein Terroranschlag im Herzen Europas sein, der die belastbarste Fondsstrategie in Frage stellt. Planbar ist das heutige Umfeld nämlich nicht mehr.

Stiftungsfonds als Sherpa für das Stiftungsvermögen
Stiftungsgeeignete Fondskonzepte müssen aber gerade Stürmen an den Märkten trotzen, bei jedem Wetter ihre Ausschüttungen produzieren. Das bedeutet auch, dass sie große Rückschläge an den Märkten umschiffen können müssen, und wenn das Depot doch mal leidet, dann sollten die Verluste relativ rasch wieder aufgeholt werden. Schon diese wenigen Kriterien zusammengenommen sind eine extrem hohe Qualitätsanforderung an einen stiftungsgeeigneten Fonds. Hat sich eine Stiftung für die Anlage in Fonds entschieden – was angesichts der Komplexität des Marktgeschehens, der Vereinfachung der Buchhaltung und der Unterstützung im Vermögenscontrolling heute mehr denn je anzuraten ist – sollte sie nicht den Fehler machen, strategisch gleich oder ähnlich ausgerichtete Fonds auszuwählen. Die meisten Stiftungsfonds sind Mischfonds mit einem Mindestanteil Renten in Höhe von 70% und einem Aktienanteil von maximal 30%. 70 zu 30 also. Das kann als Basis passen, heißt aber immer auch, dass ein Fondsmanager beide Märkte gut können muss. Manche Stiftungsfonds wie der LAM Stifterfonds lassen beide Teile von jeweils einem Fondsmanager, der spezialisiert auf Aktien und Renten ist, managen, aber nicht alle folgen dieser Idee. Manche können sogar beide Märkte ziemlich gut bedienen. Für Stiftungen liegt hierin aber ein Risiko.

Es muss nicht immer 70:30 sein
Greifen Stiftungen durchweg auf 70:30-Lösungen zurück, fahren sie zwar die Aktienquote auf 30% nach oben, was zeitgemäß ist, aber sie verschenken die Spielräume, die ihnen die Diversifikation eigentlich eröffnet. Außerdem schreibt Stiftungen niemand einen 30%igen Aktienanteil vor. Es kann also durchaus sinnvoll sein, 70:30-Lösungen mit reinen Renten- und Aktienstrategien zu mischen, denn dadurch dürfte die Korrelation der einzelnen Depotpositionen geringer werden, was die Anfälligkeit bei Marktschocks reduziert. Für Stiftungen wären angesichts dessen auch „gespiegelte“ 70:30-Lösungen interessant, die also 70% in Aktien und 30% in Renten anlegen. Leider spielt die Fondsindustrie hier nicht mit und bietet Mischfondsmandate mit Stiftungsbezug mit dieser Mixtur nicht an. Noch nicht. Wir hören aber, dass es Anbieter gibt, die an solchen Konzepten arbeiten und diese Lücke gezielt schließen wollen.

Innovation oder Ergänzung
Was es dafür schon gibt, ist ein Laufzeitfonds, den Fidelity derzeit auflegt und der noch bis zum 31. Oktober 2015 gezeichnet werden kann. Hier sei die Nachfrage von Stiftungen bisher, so jedenfalls die Experten von Fidelity, groß. „Der Fidelity TopZins Plus 2018 bietet viele Vorteile für Stiftungen. Planbarkeit: eine überschaubare Laufzeit bis 2018 und jährliche Ausschüttungen. Sicherheit: handverlesenes, hochqualitatives Portfolio von Anleihen hoher Bonität und in Euro abgesichert“, erklärt Fidelity-Produkt-Spezialist Marco Näder das Konzept des Laufzeitfonds kurz und bündig. Der Fonds ist vielleicht keine richtige Innovation, aber eine Rendite zwischen 1,6 und 1,8% ist eine planbare Größe und stabilisiert ein Portfolio für eine gewisse Zeit in ganz erheblichem Umfang.
Um eine hohe Stiftungseignung aufzuweisen, sollte ein Fonds eine stetig aufwärtsgerichtete Wertentwicklung ausweisen, in der Lage sein, Dellen einzugrenzen und schnell wieder auszumerzen, aber auch ausreichend ordentliche Erträge produzieren können.

Michael Stegmüller von der Performance IMC Vermögensverwaltung, die auch den einmal jährlich erscheinenden Stiftungsfondsbericht publiziert, erklärt es für den von ihm beratenen Saphir-Fonds so: „Wir streben keine kurzfristigen Überrenditen an, die durch hohe Risiken erkauft werden müssen, sondern einen soliden kontinuierlichen Wertzuwachs. So wird ein Fonds zum Basisinvestment für eine Stiftung.“ Stegmüller weiter: „Unsere Arbeitsweise ist ausschließlich auf Langfristigkeit und Solidität ausgerichtet, da Stiftungen ja genau das brauchen, ein ausgewogenes Risiko-Ertrags-Verhältnis.“ Welche Ergebnisse das erzeugt, zeigt der Saphir-Fonds, dessen C-Tranche ausdrücklich für Stiftungen aufgelegt wurde, deutlich. Gut 25% betrug die Rendite in den ersten vier Jahren des Bestehens des Fonds, Stiftungen wären also auch hier voll auf ihre Kosten gekommen. Die Frage aller Fragen ist die, warum Stiftungen vor einer Seilschaft mit einem Stiftungsfonds oder einem stiftungsgeeigneten Fonds zurückschrecken. Es dürfte das Kostenthema sein, die vermeintliche Intransparenz der Produkte, das Misstrauen gegenüber den Fondsmanagern, die mangelnde Beratung und Aufklärung durch die Hausbank, die konservative Grundhaltung der Stiftungsverantwortlichen und am Ende des Tages die Angst vor Verlusten.

Markt trifft Psychologie
Wie entstehen Verluste in der Kapitalanlage? Indem eigene psychologisch induzierte Fehler auf einen außer Rand und Band umhertaumelnden Markt treffen. Nehmen Sie das Jahr 2008. Ja, hier fiel der DAX um über 50% zurück, auf einen Schlag. Wie viele der Stiftungsfonds fielen auch um 50% zurück? Keiner. Wie viele holten ihre Rücksetzer binnen zwölf Monaten wieder zur Gänze auf? Fast alle. Welche Auswirkungen hatten die Kurseskapaden auf die Ausschüttungen der Fonds? Fast keine. Hätten Stiftungen also ein Fondsportfolio von fünf oder sechs Strategien zusammengestellt, sie würden die Phase zwischen 2007 und 2009 heute wie einen Wespenstich empfinden. Es tat kurz weh, aber Besonnenheit (und eine Zwiebel) haben das Ganze schnell wieder vergessen lassen.
Dazu ist das Thema Kosten keines mehr: Stiftungen kaufen Fonds heute ohne Ausgabeaufschlag, die laufenden Kosten werden dem Fondsvermögen entnommen und belasten das Stiftungsvermögen nicht. Sicherlich tangiert das die Rendite, aber die steht ja für Stiftungen nicht unbedingt im Vordergrund. Beim Thema Transparenz gibt es mit Rödl & Partner einen Wirtschaftsprüfer, der hier einen neuen Standard etablieren und Stiftungsfonds zu einem Maximum an Offenheit bringen will. Klappt das, sind Fonds – obwohl heute schon nahezu durchsichtig – fast schon ein greifbares Investmentvehikel. Mehr geht dann wirklich nicht mehr.

Praxis-Tipps
1) Prüfen Sie Ihre bisherigen Fonds oder Investments hinsichtlich Ausschüttungsprofil und Performancegüte. Kann das Investment immer noch liefern? Ergänzen Sie Ihre Rentenfonds zumindest um Mischfonds und bevorzugen Sie nicht immer starr-quotal agierende 70-30-Konzepte.
2) Prüfen Sie Ihre Allokation. Wie hoch ist der Aktienanteil? Auch über Mischfonds mit beispielsweise 30% Aktienanteil kann eine Aktienquote sukzessive aufgebaut werden. Tauschen Sie Rentenfonds gegen Mischfonds, denn reine Rentenfonds haben bei rekordniedrigen Zinsen das Kursverlustrisiko praktisch bereits „eingeloggt“.
3) Prüfen Sie Ihre Berater. Versorgen Sie diese mit Informationen zu stiftungsgeeigneten Fonds abseits des Mainstreams? Lassen Sie sich von den Zahlen eines Carmignac Investissement, Ethna Aktiv oder Flossbach von Storch Multi Opportunities nicht einlullen. Das sind sehr gute Fonds, aber es gibt andere, stiftungsgeeignetere am Markt.

Das Thema Intransparenz ist auch eines, das Stiftungen vor geschlossenen Fonds zurückschrecken lässt. Die Branche hat viel falsch gemacht, aber sie hat auch viel gelernt, weiß auch David Rückel, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens PIA Pontis International: „Durch die Umsetzung der AIFMD-Richtlinie, insbesondere in deutsches Recht durch das KAGB, können Stiftungen nun verbreiteter insbesondere in geschlossene Immobilienfonds investieren. Durch die laufende Bewertung der Objekte und somit der Fonds laufen Stiftungen weniger Gefahr, durch z.B. Abschreibungen (AfA) das Stiftungsvermögen anzugreifen.“ Auch geschlossene Fonds sollten zum Repertoire einer Stiftung ebenso wie Publikumsfonds dazugehören. Es gilt, Seilschaften zu bilden, die es der Stiftung erlauben, ihren Kapitalstock unempfindlicher gegen Marktverwerfungen zu machen, breiter zu diversifizieren und ihre Ertragsbasis zu konservieren.

Diese Fragen sollten Stiftungen stellen
In diesem Kontext haben wir im ATLAS Stiftungsfonds 2015 ein Fondsuniversum für unsere Leser modelliert, das Stiftungen hilft, ihre aktuellen Herausforderungen zu überwinden. Unser Ziel war es, eine Gruppe von Fonds auch abseits der Stiftungsfonds zu finden, mit denen Stiftungen heute jederzeit arbeiten und die für sie richtige Mischung finden können. Wir haben einige reine Renten- und Aktienkonzepte analysieren lassen, einige neue und auch die ältesten am Markt erhältlichen Stiftungsfondskonzepte sowie einige Ideen aus dem Immobilienfondsbereich hinzugenommen. Bei den vorgestellten Mischfonds sind bekannte wie noch wenig bekannte Konzepte dabei, ausführliche Gespräche entlang verschiedener Punkte gingen voraus. Hat der Fonds eine ausschüttende Tranche? Verlangt das Management eine performanceabhängige Gebühr? Wie hoch sind die Kosten? Welche zwischenzeitlichen Kursrücksetzer musste der Fonds verkraften? Wie homogen ist die Anlegerschaft? Wird für den Fonds der Transparenzbericht erstellt? Diese und andere Fragen haben wir den Fondslenkern gestellt – diese Fragen können Stiftungen aber auch selbst an die Fondsanbieter herantragen.

Fazit
Wenn Tenzing Norgay der Sherpa war, ohne den Edmund Hillary den Everest niemals bezwungen hätte, dann sind Stiftungsfonds und stiftungsgeeignete Fonds die Sherpas des Stiftungsvermögens. Dabei muss das Wort ‚Stiftung‘ nicht zwingend im Fondsnamen vorkommen, denn es gibt auch Fonds, denen das Wort im Namen fehlt, die aber dennoch gut geeignet sind. Wenn wir beim Bild der Seilschaft bleiben: Norgay und Hillary haben ihre Seilschaft gebildet mit dem Ziel, den höchsten Gipfel der Erde zu erklimmen. Den Schuldenberg müssen Stiftungen nun nicht gerade erklimmen, aber es gilt, die durch ihn ausgelösten Unwägbarkeiten zu meistern. Eine davon ist der Niedrigzins, und Stiftungsfonds die derzeit vielleicht beste aller Lösungen.

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Tenzing Norgay. Der Name wird für immer mit Professor Freise, dem ersten Millionengewinner bei „Wer wird Millionär“, verbunden sein – und natürlich mit der Erstbesteigung des Mount Everest, die Norgay gemeinsam mit Sir Edmund Hillary 1953 gelang. Beide waren echte Könner ihres Faches, die Risiken mit dem Machbaren abwogen....