Nico Hamm, Abteilungsleiter des Wealth Managements der HSH Nordbank, zieht eine Bilanz des Börsenjahres 2017 und gibt einen Ausblick auf die Kapitalmärkte 2018.

Rekordstände bei Dow Jones und Dax. Lohnt sich ein Einstieg in die Aktienmärkte noch?

Die Märkte ziehen weiter an, weil das wirtschaftliche Umfeld sehr robust ist. Erst kürzlich wurden die Wachstumsprognosen für Deutschland nach oben korrigiert, in Europa läuft die Wirtschaft gut, in den USA ebenfalls. Gleichzeitig haben die Märkte bereits ein hohes Bewertungsniveau erreicht, es gibt also ein gewisses Rückschlagpotenzial. Allerdings müssen wir eine entscheidende Frage beantworten: Welche Alternativen gibt es aktuell zu Aktien?

Wie lautet Ihre Antwort?

Es gibt derzeit keine vernünftige Alternative zum Aktienmarkt. Die Zinsen sind niedrig, Sichteinlagen bringen keine Erträge. Gleichzeitig liegt die Inflation bei etwa 1,5 Prozent und nagt am Vermögen. Gerade institutionelle Anleger haben kaum andere Möglichkeiten, als sich in Aktien zu engagieren.

Die Märkte sind gut gelaufen – könnte das nicht auch ein Zeitpunkt sein, um Gewinne zu realisieren?

Ich würde jedem raten, sich zu überlegen, ob er nicht mal Gewinne mitnimmt. Wer sich in diesem Jahr konsequent auf die Aktienmärkte konzentriert hat, der lag richtig. Gerade in den USA könnte es auch mal zu einer Korrektur kommen. Dort ist der Optimismus groß, dass die von Präsident Trump angekündigte Steuerreform umgesetzt wird. Allerdings ist unklar, ob das tatsächlich so wie geplant gelingt.

Was sollen die Anleger mit den realisierten Gewinnen dann tun?

Angesichts der Null- Zins-Situation sollte der Anteil an Liquidität nicht zu groß werden, denn das drückt auf die Rendite des Portfolios. Deshalb sollten die Gewinne wieder investiert werden.

Und wie?

Ich würde dazu raten, den Anlagefokus zu schärfen. Also nicht mehr nur breit auf die Märkte setzen, sondern auch gezielt Branchen rauspicken, die Potenzial haben. Stichworte sind dabei beispielsweise Themen wie Elektromobilität, Automatisierung, Robotik und Infrastruktur – in diesen Bereichen wird sich in den nächsten Jahren viel tun, hier wird es viele Gewinner geben. Da kann man sich einzelne Unternehmen raussuchen oder mit einem Fonds einen ganzen Bereich abdecken. Eine kluge Auswahl ist in jedem Fall wichtig.

Gibt es Märkte, die derzeit unterbewertet sind – Japan, Emerging Markets?

Die Emerging Markets sind gut gelaufen, aber weiter interessant. Die Prognosen für diese sich entwickelnden Märkte sind gut. Eins muss man aber wissen: In diesen Ländern gibt es ein erhöhtes Währungsrisiko. Welche Auswirkungen wird die anstehende Zinswende in den USA haben? Der Anstieg der Zinsen wird vor allem Auswirkungen auf die Anleihenmärkte haben. Wenn die Renditen steigen, fallen die Kurse der Bonds mit den niedrigeren Coupons stärker. Auch die Halbierung des QE-Programms zum Ankauf von Unternehmensanleihen durch die Europäische Zentralbank dürfte Folgen haben. Da die Zinsanhebungen eher gering sein werden und das absolute Zinsniveau auch danach niedrig bleiben dürfte, ist nicht abzusehen, wann Staatsanleihen wieder attraktive Renditen abwerfen. Eine zehnjährige deutsche Staatsanleihe hat aktuell eine Verzinsung von knapp 0,5 Prozent pro Jahr. Selbst eine Verdoppelung reicht nicht aus, um die Inflation auszugleichen. Deshalb dürften die Auswirkungen einer langsamen Zinsanhebung auf den Aktienmarkt eher gering sein, vor allem weil die Dividenden vieler Unternehmen deutlich höher liegen.

Machtwechsel in den USA, Krise in Nordkorea, Unsicherheit über die Lage am Persischen Golf – das Jahr hat genügend politische Turbulenzen

geboten. Weshalb sind die Aktienmärkte davon unbeeindruckt geblieben? Hat Sie das überrascht?

Ich habe mit einem höheren Rückschlagpotenzial gerechnet, aber die Märkte haben das nicht ausgetestet. Das liegt an den guten wirtschaftlichen Fundamentaldaten. Diese tragen die Aktienmärkte. Es ist auch nicht zu einer großen politischen Krise gekommen – hoffen wir, dass es so bleibt. Als Basis für eine vernünftige Anlagestrategie gilt eine gute Diversifizierung des Portfolios.

Was heißt das in Null-Zins-Zeiten?

Das heißt, dass wir bei allen Erfolgen mit Aktien auch andere Assetklassen betrachten müssen. Die Liquidität darf nicht zu umfangreich sein, bei staatlichen Bonds und Unternehmensanleihen muss ich genau auswählen. Dabei bieten sich eher kurzlaufende Papiere an. Um die richtige Mischung zu finden, ist eine solide Beratung notwendig.

Ist Gold derzeit ein Thema?

Gold, aber auch andere Rohstoffe, gehören für mich zu einem gut diversifizierten Portfolio. Gerade die Emerging Markets-Länder profitieren von hohen Rohstoffpreisen, deshalb muss man darauf achten, dort nicht auf zweierlei Art und Weise engagiert zu sein.

Wie lautet Ihre Prognose für Dow Jones und Dax zum Jahresende?

In Deutschland werden wir über 13.000 Punkte liegen, in den USA über 23.000 Punkte.

 

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Nico Hamm, Abteilungsleiter des Wealth Managements der HSH Nordbank, zieht eine Bilanz des Börsenjahres 2017 und gibt einen Ausblick auf die Kapitalmärkte 2018. Rekordstände bei Dow Jones und Dax. Lohnt sich ein Einstieg in die Aktienmärkte noch? Die Märkte ziehen weiter an, weil das wirtschaftliche Umfeld sehr robust ist. Erst kürzlich...