Udo Schnieders hat nach 17 Jahren im kirchlichen Fundraising auf die Beraterseite zu „Schomerus – Beratung für gesellschaftliches Engagement“  gewechselt. Dort bringt er seine Kompetenzen als langjähriger Leiter der Stabsstelle Fundraising beim Erzbistum Freiburg und als Organisations- und Personalentwickler ein, aber auch seine Erfahrungen als Erwachsenenbildner und Berater. Er freut sich, sein Wissen jetzt auch anderen Organisationen zur Verfügung stellen zu können. Aktuell leitet er interimsmäßig die Stabsstelle Fundraising des Erzbistums Hamburg. Beim Blick auf das katholische Fundraising insgesamt stellt er Fortschritte, aber leider auch immer noch ein „Spendenunwesen“ fest.

Siebzehn Jahre sind lang, wie hat sich denn das katholische Fundraising in der Zeit weiterentwickelt?

Mein Eindruck ist, dass in den  , die sich dem Thema auf unterschiedlichste Weise angenähert haben, das kirchliche Spendenwesen professioneller geworden ist. Auch dass die Idee des Fundraisings als eine nachhaltige Kommunikation mit den Gebenden akzeptiert worden ist. Im Augenblick allerdings, wird dieser Prozess durch die wirtschaftlich getriebenen florierenden Kirchensteuereinnahmen relativiert. Da tritt die Grundmotivation, das Fundraising als weitere Säule der Finanzierung von Kirche systematisch zu entwickeln, deutlich in den Hintergrund. Ich sehe also eine Vorwärts- und eine Rückwärtsentwicklung im katholischen Fundraising.

Wäre es also ohne Kirchensteuer einfacher, mit dem Thema voranzukommen?

Mit Sicherheit, weil diese deutsche Sondersituation, dass die pastorale Wirkung der Kirche losgelöst ist von der Verantwortung für die Finanzierung dieses Wirkens, nicht förderlich ist. Man muss aber auch sagen, dass beispielsweise Kirchengemeinden im Erzbistum Freiburg im Mehrjahresdurchschnitt schon zu 24,8 Prozent von Spenden abhängig sind. Wir müssen uns allerdings auch im Klaren darüber sein, dass Fundraising niemals die Einnahmen der Kirchensteuer ersetzen kann.

Warum wird aber in den 15 anderen Diözesen noch  gezögert, Fundraising einzuführen? Die Kirche hat doch eine bekannte Marke und auch Tradition im Fundraising.

Man muss hier differenzieren: Die ungebrochene Tradition des Spendens gibt es in den Pfarreien, und die befinden sich momentan in einem großen Umbruch. Dort hat es Fundraising für Projekte schon immer gegeben, aber nicht für die laufende Arbeit. Es fehlt jedoch an Professionalisierung, die in anderen gemeinnützigen Bereichen ja stattfindet. Die Kollekte ist eben kein professionelles Fundraising-Instrument, weil sie anonym Spenden sammelt und nicht in die Beziehung zu Spenderinnen und Spendern investiert. Nach den Standards im deutschen Fundraising, etwa wenn es um Dank und Bindungskultur geht, ist das katholische Fundraising in weiten Teilen eher immer noch ein „Spendenunwesen“. Mein Bemühen in Freiburg und jetzt auch in Hamburg wird es sein, ein Spendenwesen vor Ort zu etablieren, das professionell ist und auch dem Gefühl für menschlichen Anstand zu genügen vermag.

Und die Katholische Kirche als Ganzes?

Das ist ein zweiter Aspekt, und der wäre wirklich neu. In Hamburg diskutiere ich gerade mit der Bistumsleitung, ob die Erzdiözese Hamburg genauso auftreten sollte wie eine spendensammelnde Organisation. Kann also beispielsweise der Erzbischof über die Kirchensteuer hinaus regelmäßig um Spenden bitten, weil sie nicht reicht? Weltkirchlich ist das ja der Normalfall, aber im deutschsprachigen Raum durch die Kirchensteuer in den Hintergrund getreten.

In Freiburg gab es ja eine richtige Kampagne, um die Kirche neu zu positionieren. Warum?

Wir haben damals einen Kunstgriff getan. Unserer Einschätzung nach war die wohlhabende Erzdiözese Freiburg als spendensammelnde Organisation nicht glaubwürdig, und wir haben ihr dann ein spendensammelndes Gesicht gegeben: die „Initiative wertvolle Zukunft”. Der Erzbischof lud hier Menschen guten Willens ein, mit ihrer Spende und ihrem Gebet besondere Projekte zu unterstützen. Am Anfang sogar mit einer bistumsweiten Out-of-Home-Kampagne.

Sollte das auch Menschen ansprechen, die nicht kirchlich gebunden sind?

Wir haben in einer Ehrenamtsstudie festgestellt, dass viele Menschen, die nicht zur Kirche gehören, bereit sind, sich zu engagieren. In Freiburg stellten wir etwa zu unserer großen Freude fest, dass zum Beispiel das kirchengemeindlich eher weniger engagierte Sinus-Milieu der Liberal-Intellektuellen im Spenderbestand immer überrepräsentiert war. Ich glaube, diese Menschen  wussten diese Form des Engagements und des Kontaktes zu schätzen.

Wertvolle Beziehungen brauchen aber auch Zeit. Wird hier von den Kirchenleitungen ein zu schneller Erfolg erwartet?

Meiner Meinung nach braucht es einen Bewusstseinswandel durch alle Strukturen. Wir alle sind verantwortlich dafür, um die Mittel, die wir brauchen, zu werben. Das ist das dickste Brett. Es ist ja erstaunlich, dass sich zum Beispiel die Spendenbriefe im Erzbistum Freiburg vom ersten Brief an gerechnet haben. Einen negativen ROI kannten wir gar nicht. Die Bereitschaft zum Geben ist also da.  Deshalb würde ich einer Diözese raten, dem Thema mindestens fünf Jahre zu geben. Nicht, weil der Markt so langsam reagiert, sondern weil die Umsetzung in der Institution so langsam ist und auch Widerstände zu erwarten sind.

Was empfehlen Sie noch?

Ich würde mich auf bestimmte Instrumente fokussieren. Der Spendenbrief stellt eine gute Kommunikation mit allen Gläubigen sicher, die ja normalerweise gar nicht mehr stattfindet. Aber auch Themen wie Nachlass-Fundraising und Großspenden sind sehr attraktiv. In Hamburg vernehmen wir beispielsweise vor dem Hintergrund von Schließungen katholischer Schulen eine Bereitschaft, die Kirche in erheblichem Umfang zu unterstützen. Es wäre sträflich, dies nicht zu nutzen.

Stichwort Schule. Ist es leichter, bei solchen Projekten, wo zum Beispiel Bilder stärker als der Glaube im Vordergrund stehen, um Spenden zu bitten?

Da, wo wir uns karitativ und für Menschen engagieren, finden wir leichter Menschen, auch außerhalb der Kirche. Die Menschen aus den Gemeinden neigen eher dazu, sich lokal einzubringen. Deshalb ist die Befürchtung, dass ein zentrales Bistumsfundraising das lokale Fundraising der Gemeinden negativ beeinflusst, eigentlich gegenstandslos. Es kommt also mehr in die Kasse, und es findet keine Umverteilung statt. Das hätten wir in Freiburg gemerkt. Ich glaube auch, dass die Kirche, wenn sie für die Gesellschaft etwas tut, eine hohe Reputation hat und unterstützt wird. Das erleben wir gerade in Hamburg bei der Schulproblematik.

Wagen Sie mal einen Ausblick: Wo steht die katholische Kirche im Fundraising in 2025?

Ich würde lieber auf 2035 gehen. Die Zahl der Katholiken wird bis dahin deutlich zurückgehen. Fortschreibungen führen zu 40 bis 45 Prozent weniger Katholiken. Das wird auch auf die Kirchensteuer Einfluss haben. Die Taufquoten werden dramatisch sinken, und das wird die Kirche vor die Entscheidung stellen, sich zu bescheiden und in der Nische zu überleben oder sich wirklich aufzumachen zu den Menschen guten Willens und auch Fundraising professionell zu betreiben. Im Augenblick habe ich die Sorge, dass die Kirche schrumpft, sich bescheidet und sich in die Nische der Bedeutungslosigkeit zurückzieht.

Dieses Interview von Udo Schnieders ist auf ngo-Dialog erschienen.

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  Udo Schnieders hat nach 17 Jahren im kirchlichen Fundraising auf die Beraterseite zu „Schomerus – Beratung für gesellschaftliches Engagement“  gewechselt. Dort bringt er seine Kompetenzen als langjähriger Leiter der Stabsstelle Fundraising beim Erzbistum Freiburg und als Organisations- und Personalentwickler ein, aber auch seine Erfahrungen als Erwachsenenbildner und Berater. Er...