„In Zeiten anhaltender politischer und ökonomischer Unsicherheiten ist eine möglichst breit diversifizierte Anlagestrategie, die konsequent durchgehalten wird und deshalb positive wie negative Teilergebnisse beinhalten muss, die beste Grundlage für eine erfolgreiche Vermögensanlage“, so Dieter Lehmann Leiter Vermögensanlage von der VolkswagenStiftung auf der Jahresauftaktveranstaltung der HSH Nordbank „Raus aus der Komfortzone“ – Erfolgreich investieren in 2016″ . Dieter Lehmann hat in einem exklusiven Interview für neues stiften die Anlagestrategien für gemeinnützige Organisationen im derzeitigen Marktumfeld näher beleuchtet.

Wie arbeitet eine Stiftung bei dem Thema Anlagen?
Grundvoraussetzung sollte zunächst das Aufstellen von Anlagerichtlinien  sein. In ihnen wird festgelegt, welche Anlageklassen in welcher Höhe zulässig sind. Das kann jede Stiftung für sich individuell festlegen. Wichtig ist, dass diese Richtlinien von den Stiftungsgremien verabschiedet werden und dass dies auch protokollarisch gut dokumentiert wird. Wenn sich die Vermögensverwaltung der Stiftung danach innerhalb der so geschaffenen Rahmenbedingungen bewegt, sind Haftungsrisiken ausgeschlossen. Da es in der heutigen Niedrigzinsphase nicht mehr möglich ist, die mit der Vermögensanlage verfolgten Ziele, also die Erwirtschaftung von Fördermitteln in einer angemessenen Höhe, der (reale) Kapitalerhalt und die Deckung der laufenden Geschäftskosten, über eine ausschließliche Anlage in verzinslichen Wertpapieren zu erreichen, muss auch eine Stiftung ihre Anlagen über verschiedene Anlageklassen streuen. Dabei bietet es sich beispielsweise an, den realen Kapitalerhalt über die Anlage von Sachanlagen, wie etwa Aktien oder Immobilien, anzustreben. Das ist möglich, weil diese Anlagen im Unterschied zu verzinslichen Wertpapieren keine Endfälligkeit aufweisen. Damit kann man u.U. die mögliche Kapitalerhaltungsrücklagenquote (maximal ein Drittel des Überschusses aus Vermögensbewirtschaftung pro Jahr gemäß § 62 der Abgabenordnung) reduzieren und setzt vormals für die Kapitalerhaltung gebundene ordentliche Zinserträge für eine Stabilisierung der Höhe der zur Verfügung stehenden Fördermittel frei. Aus diesem Grund und auch vor dem Hintergrund der in den letzten Jahren zunehmenden politischen und ökonomischen Unsicherheiten, die sich oft auf die Wertentwicklungen an den Anlagemärkten auswirken, ist es auch für Stiftungen wichtig, eine möglichst breite Risiko- (und damit auch Chancen-!)Diversifizierung der Anlagen anzustreben.

Wie praktizieren Sie die Diversifizierung in der Volkswagen Stiftung?
Wir gehen nach geografischen Aspekten vor. Erscheint uns eine bestimmte Region in der Welt interessant, suchen wir zunächst nach einem Index, der die Spezifik dieser Region gut abbildet. Das gilt für Renten- wie auch für Aktienanlagen. Danach wird dieser Index einer Korrelationsanalyse im Zusammenspiel mit den schon vorhandenen Anlagen der Stiftung unterzogen. Ergibt sich daraus ein Diversifikationspotenzial, wird eine entsprechende Investition vorgenommen. Dies geschieht dann nach Möglichkeit so indexnah wie möglich, um die Erkenntnisse aus der Korrelationsanalyse so gut wie möglich zu replizieren. Deshalb bevorzugt die VolkswagenStiftung im Grundsatz auch einen passiven Investmentstil. Kritiker bemängeln oft, dass Korrelationsanalysen ihre Schwächen hätten, weil es z.B. keine effizient verteilten Märkte gebe bzw. weil die ermittelten Ergebnisse nicht in jeder Marktphase auch so zutreffen würden. Damit haben sie recht. Diese Erkenntnisse sind allerdings nicht neu, es gab sie schon immer und es wird sie auch in Zukunft geben. Es gibt nach meinem Kenntnisstand jedoch keine brauchbare Alternative zu einer Korrelationsanalyse, wenn man versucht, ein diversifiziertes Portfolio aufzubauen. Und bei einer wirklich langfristig ausgerichteten Anlagestrategie, die i.d.R. die passende für eine auf Dauer errichtete Stiftung ist, verlieren die kritischen Einwürfe in zunehmenden Zeitablauf auch immer mehr an Relevanz.

Stiftungen sind oft gehalten, in sogenannte „mündelsichere“ Anlagen zu investieren. Doch gibt der Rentenmarkt überhaupt noch Sicherheit?
Spätestens im Zuge der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise ab 2007 haben viele Anleger auch in der Praxis die Erfahrung gesammelt, dass verzinsliche Anlagen eben nicht vollkommen sicher sind, sondern auch ausfallen können. Selbstverständlich trifft das sogar auch auf Staatsanleihen zu. Mündelsicher bedeutet, dass das angelegte Geld sicher verwahrt wird und in seinem Wert nicht geschmälert wird, wozu nur erstklassige Emittenten in der Lage sein sollen. Heute weisen diese Emittenten bei ihren Anlageofferten oft eine Null- bzw. sogar eine Negativverzinsung (z.B. die Guthabengebühr) auf. Damit ist klar, dass es die Mündelsicherheit im ursprünglichen Sinn heute praktisch gar nicht mehr gibt. Zudem muss man die Frage beantworten, was man unter Sicherheit überhaupt versteht. Man kann unterscheiden zwischen Volatilitäts- (also Kursschwankungs-) und Bonitäts-, also Ausfallrisiken. Negative Kursentwicklungen beinhalten immer die Chance der Kurswerterholung. Eine ausgefallene Anleihe dagegen nicht. Welches ist also das höhere Risiko? Ich denke, man muss sich von dem aus meiner Sicht überholten Gedanken verabschieden, dass Aktien automatisch mit Risiko und Renten mit dem so genannten „Sicheren Hafen“ gleichzusetzen sind.

Was raten Sie anderen (insbesondere kleineren) gemeinnützigen Organisationen bei der Auswahl Ihrer Anlagestrategien in diesem Marktumfeld?
Eine möglichst breit diversifizierte Anlage über verschiedene Anlageklassen, um den Unwägbarkeiten an den Märkten wirksam begegnen zu können. Kleine gemeinnützige Organisationen könnten z.B. einen Teil ihres Vermögens in Unternehmensanleihen mit einem Rating von mindestens BBB, also im so genannten Investmentgradebereich, anlegen. Dazu könnte man dann noch einige Aktientitel verschiedener Branchen aus dem DAX mit einer möglichst hohen Dividendenrendite kaufen. Diese würden einen attraktiven Zinsersatz beisteuern. Derartige Titel könnte man auch langfristig halten, so dass zwischenzeitliche Kursschwankungen weniger Bedeutung hätten. Wichtig wäre es aber, wie schon ober erwähnt, zunächst mit entsprechenden Anlagerichtlinien die erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Der Kauf von Bundesanleihen ist dagegen zurzeit wenig sinnvoll, weil damit unter den aktuellen Marktgegebenheiten von vornherein ein Kapitalverzehr zu erwarten ist.

Eine abschließende Frage noch: Welche Konsequenzen aus dem anhaltenden Niedrigzinsumfeld erwarten Sie für den deutschen Stiftungssektor für die kommenden Jahre?
Es wird zunehmend schwieriger werden, den Stiftungszweck in gleichbleibender Quantität zu erfüllen, wenn man dies nur über erwirtschaftete ordentliche Erträge versucht. Deshalb muss über neue Wege und Anlagestrategien nachgedacht werden. Eine breitere Streuung über verschiedene Anlageklassen erscheint mir dabei unabdingbar.

Dieter Lehmann ist Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter Vermögensanlage der VolkswagenStiftung in Hannover.

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 „In Zeiten anhaltender politischer und ökonomischer Unsicherheiten ist eine möglichst breit diversifizierte Anlagestrategie, die konsequent durchgehalten wird und deshalb positive wie negative Teilergebnisse beinhalten muss, die beste Grundlage für eine erfolgreiche Vermögensanlage“, so Dieter Lehmann Leiter Vermögensanlage von der VolkswagenStiftung auf der Jahresauftaktveranstaltung der HSH Nordbank 'Raus aus der Komfortzone'...